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 Ausgabe 04/2006 
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Entlastet – Schöpfung, Fall, Begnadigung

«Nur von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: ‹Esset nicht davon; rühret sie auch nicht an, damit ihr nicht sterbet›.» 1. Mose 3, 3

«Am Anfang schuf Gott» – so beginnt Gottes Geschichte mit uns Menschen. Die ersten 11 Kapitel der Bibel berichten von dieser Geschichte als einer Anfangs- bzw. Urgeschichte.

Diese ist durch den Dreiklang «Schöpfung – Fall – Begnadigung» gegliedert. Der Bestimmung des Menschen als Ebenbild Gottes (1. Mose 1, 27) steht dessen tiefer Fall (1. Mose 3) gegenüber. Aber dieser tiefe Fall in die Sündhaftigkeit markiert keineswegs das schnelle Ende von Gottes Weg mit seinen Menschen. Im Gegenteil! Trotz des bösen Trachtens des menschlichen Herzens von Jugend an lässt Gott seine Schöpfung leben (1. Mose 8, 21f) und eröffnet ihr damit Zukunft.


Erbsünde, Grundsünde

Lehrer der Kirche wie Tertullian und Augustin, aber auch reformatorische Theologen haben aus den Anfangskapiteln der Bibel, vor allem aus 1. Mose 3.4.8.11, die Lehre von der Erbsünde des Menschen entwickelt. Diese Lehre bedarf unbedingt der Interpretation, um nicht missverstanden zu werden. Sie darf keinesfalls so gedeutet werden, als ob jede einzelne Sünde des Menschen auf dessen Nachkommen übertragen, d.h. vererbt werde. Gegen dieses Missverständnis haben schon die Propheten, allen voran Ezechiel, gepredigt. Nach Ezechiel ist die Sünde der Väter keineswegs auf deren Söhne und Töchter übertragbar (Ez. 18). Sünde ist nicht wie ein Möbelstück oder Haus vererbbar. In jüngster Zeit hat man deshalb mit Recht vorgeschlagen, den Begriff der Erbsünde durch den der Grundsünde zu ersetzen.

Die breite Rede von der Sünde in der Urgeschichte meint, dass die Geschichte der Menschheit von Anfang an mit Sünde verbunden ist. Die Urgeschichte nimmt die Realität der Sünde ernst. Die Auswirkungen des Fehlverhaltens von Adam und Eva sind offenkundig. Ihr Streben nach Selbstbestimmung und das Sich-Setzen an Gottes Stelle hatunmittelbare Folgen. Kain tötet seinen Bruder Abel (1. Mose 4), die Bosheit der Menschen nimmt immer mehr zu (1. Mose 6–9), sie bauen einen Turm, der bis in den Himmel reichen soll (1. Mose 11). Nach 1. Mose 1–11 ist der Mensch in dieses Unheilsgeschehen sowohl als aktiv Handelnder als auch als passiv Leidender verwoben. In diesem Sinn hat die Rede von der Erb- bzw. Grundsünde des Menschen durchaus ihr Recht.


Entlastung, Befreiung

Das Neue Testament nimmt ebenfalls die Realität der Sünde ernst, setzt ihr aber die Realität der Liebe Jesu Christi entgegen. Es ist vor allem Paulus, der in seinen Briefen betont, dass wir durch

Jesu Wirken, seinen Tod und seine Auferweckung von jeder Gestalt von Sünde losgesprochen sind (Röm 6, 1–11). Sichtbares Zeichen dafür ist die Taufe. Damit sind wir frei  von der Jochstange der Sünde, die auf unserer Schulter Wunden reisst. Diese Freiheit ermöglicht Umkehr zu Gott, Abkehr von Sünden und die Bereitschaft zur Vergebung, so wie wir es im Unservater beten: «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!» Zugleich sind wir frei, die Sündenlast der Nächsten mitzutragen (Gal. 6, 2). Wo wir als Einzelner oder als Gemeinde Last teilen und tragen, da wird diese leichter. So können wir untereinander dazu beitragen, als Entlastete die Botschaft von der Befreiung von Sünde in Wort und Tat zu verkündigen.

Dr. theol. Heinz-Dieter Neef, Eichberg/SG

Professor für Altes Testament an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen

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