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 Ausgabe 04/2006 
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Gott, in deiner Gnade verwandle die Welt! – Zur 9. Vollversammlung des ÖRK

Vom 14. bis 23. Februar 2006 versammelten sich im brasilianischen Porto Alegre führende Vertreter aus 348 Mitgliedskirchen zur 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK). Der Gebetsruf: «Gott, in deiner Gnade verwandle die Welt!» war das Leitwort der Versammlung, die nicht nur Sachgeschäfte zu beraten hatte, sondern auch als interkonfessioneller Weltkirchentag zur Begegnungsplattform für Christen aus allen Erdteilen wurde.


Alle sieben Jahre tagt die Vollversammlung des ÖRK an einem der Brennpunkte der Welt. Mit Porto Alegre fand sie erstmals in Lateinamerika statt. Die Vorgängerkonferenz von Harare verlief teils chaotisch, überhitzt, aber auch begeisternd. Porto Alegre war in jeder Hinsicht entspannter, aber vielleicht auch harmloser als Harare.

Im Vorfeld hatten die Orthodoxen Kirchen ein neues Tagungsverfahren angeregt. Bisher wurden Entscheide durch Mehrheitsbeschluss gefällt, nun sollten sie in einem synodalen Konsensverfahren erarbeitet werden. Es grenzt an ein Wunder, dass sich die Versammlung nicht in einem fruchtlosen Palaver erschöpfte, sondern neue Prioritäten setzen konnte.


Prioritäten der Ökumene

Zuoberst auf der Agenda des ÖRK stehen künftig Spiritualität, ökumenische Ausbildung, globale Gerechtigkeit und das «prophetische Zeugnis». Auch der Dialog mit den rasant wachsenden Pfingstkirchen soll intensiviert werden.

Daneben hat sich die Versammlung zu einer Neuverpflichtung im Engagement für die Überwindung der Gewalt und zu einer Erklärung zum Wasser als Menschenrecht und als öffentliches Gut durchgerungen. Viel zu reden gab die Erklärung zur alternativen Globalisierung. Dabei wurde der Graben zwischen den Ländern des Südens, die vor allem die negativen Folgen der Globalisierung geisselten, und den nördlichen Industrienationen, die der Globalisierung auch positive Aspekte abgewinnen konnten, deutlich.


Keine Superkirche

Eine weltumspannende Superkirche wollte der ÖRK nie sein. 1948 ging er aus drei Strängen der ökumenischen Bewegung hervor und strebt eine Einheit der Kirchen in versöhnter Vielfalt an. Von dieser Vision scheint die weltweite Christenheit jedoch noch meilenweit entfernt zu sein. Dass die Kirche Jesu in verschiedenen Kirchen verwirklicht sein soll, widerspricht sowohl einem orthodoxen wie einem römisch-katholischen Verständnis. Aus diesem Grund traten die Katholiken auch nie dem ÖRK bei. Das sind schwierige Vorgaben für einen Dialog, der sich die Einheit aller Christen als Fernziel gesetzt hat. Im Lauf der Jahrzehnte haben die Mitglieder des ÖRK jedoch gelernt, sich trotz der Divergenzen als Gemeinschaft zu verstehen.

Dazu braucht es Orte der Erfüllung, wo sich Christen aller Couleur in die Augen blicken können, wo sie gemeinsam singen und beten und einander erzählen, was Nachfolge Christi in ihrem Kontext bedeutet. Diese Funktion erfüllt die Vollversammlung des ÖRK wie kein anderes Forum. Vielleicht sind es am Ende nicht die verabschiedeten Papiere, sondern die Bibelarbeiten und täglichen Gottesdienste im grossen Zirkuszelt, die gemeinsamen Picknicks und Pausengespräche, die  bei den 700 Delegierten und rund 3000 Gästen den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen haben. Sie alle tragen Geschichten von Hoffnung und Betroffenheit zurück nach Hause.


Was bleibt?

Je nach Blickwinkel fällt die Bilanz zur Vollversammlung denn auch unterschiedlich aus. Während die hannoversche Bischöfin Margot Kässmann beklagte, die heissen Eisen wie die Fragen des Kirchenverständnisses, des Abendmahls und der Frauenordination seien nicht
angerührt worden, spricht Pfr. Thomas Wipf, der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds, von einem Sommer der Ökumene und einem Aufbruch zum Dialog.

Am letzten Tag frage ich einen schwarz gewandeten orthodoxen Delegierten aus Serbien: «Hat es sich gelohnt, nach Porto Alegre zu reisen?» Die Frage ist rhetorisch gemeint. Wer könnte sie verneinen, angesichts der grossartigen Dichte von Workshops, Gottesdiensten, Debatten und Begegnungen? Doch er zückt bloss die Schultern, lächelt geduldig und meint: «To be honest, I don’t know!» – «Um ehrlich zu sein: ich weiss es nicht!» Einige Schritte weiter stosse ich auf Philip Potter, den einstigen Generalsekretär und grossen alten Mann der ökumenischen Bewegung. Er spricht von seiner Hoffnung, die er auch nach bald 60 Jahren zäher ökumenischer Arbeit nicht verloren hat.

Nach der Pause setzt sich ein bärtiger Würdenträger neben mich. Um den Hals trägt er ein Medaillon mit der Muttergottes. Er stellt sich als Bischof der Evangelisch-baptistischen Kirche Georgiens vor. «Spielt Maria in Ihrer Kirche eine wichtige Rolle?», frage ich ihn überrascht. «Warum nicht», meint er, «schliesslich hat sie bei der Erzeugung von Jesus einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet.» Wir lachen, tauschen unsere Adresskarten und laden uns gegenseitig ein. Wir sehen uns hoffentlich wieder – in Tiflis oder in Jona!

Die Versammlung ist zu Ende, die Delegationen sind wieder zu Hause. Es bleiben inspirierende Begegnungen, eine neue Sensibilität für Nöte und Stärken der weltweiten Christlichen Familie sowie offene Fragen auf dem Weg zur geeinten Kirche von morgen.     Heinz Fäh

(Pfr. Heinz Fäh aus Jona besuchte zum zweiten Mal eine Vollversammlung des ÖRK)




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