der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St.Gallen |
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Ausgabe 07-08/2010 ![]() Diese Ausgabe als PDF |
Quo vadis, Kirche?
Kürzlich veröffentlichte das Schweizer Fernsehen eine Statistik, wonach sich um 1950 noch rund 50% der Schweizer Bevölkerung als evangelisch bezeichnet haben, heute seien es noch 30% und bis zur Jahrhundertmitte würden es wohl nur noch 20% sein. Nach meiner Meinung müssten da bei den dem Kirchenbund angeschlossenen Kantonalkirchen sämtliche Alarmglocken schrillen. So wie ich es empfinde, nimmt die Kirche den Mitgliederschwund gleichsam wie ein Naturereignis hin, etwa so wie Lawinenniedergänge. Man kann aber auch vorbeugen, Lawinenverbauungen mindern die Gefahren. In meiner Sonntagsschulzeit vor bald einmal 70 Jahren kam jedes Jahr einmal ein älterer Missionar vorbei und erzählte uns Kindern von Kalimantan. Heute ist mir klar, dass Kalimantan nicht am andern Ende der Welt liegt, Kalimantan ist hier. Das missionarische Arbeitsfeld unserer Kirchen liegt mitten in der Schweiz. Eines sei aber gleich klargestellt: Es geht mir da nicht um das Entfachen eines neuen Bekehrungseifers, um eine neue Erweckungsbewegung à la Billy Graham. Meines Erachtens sollte die Kirche nicht nur auf jenseitige Heilsversprechen setzen, sondern ihrer Verkündigung auch den Bezug zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktualitäten zugrunde legen. Präsenz in dieser Welt!Die deutsche Theologin Dorothee Sölle sagte einmal: Jede theologische Aussage sollte auch eine politische sein! Ich weiss, vor allem bürgerliche Kreise wollen, dass sich die Kirche aus der Politik heraushält. Wie soll das aber gehen, wenn Martin Luther King fordert: Die Kirche muss das Gewissen des Staates sein! Wir hatten vor Jahren einmal einen Pfarrer in unserer Region, der diese «politische Theologie» praktizierte. Bei seinen Predigtgottesdiensten war die Kirche Sonntag für Sonntag gerammelt voll. Mir scheint, dass sich viele Pfarrer – Pfarrerinnen vielleicht etwas weniger – scheuen anzuecken. Unser Bundesrat und Pfarrerssohn Moritz Leuenberger sagte einmal: Von der Kirche erwarte ich Präsenz in dieser Welt! Wenn man Präsenz zeigt, lässt es sich nicht vermeiden, auch einmal anzuecken. Im Rahmen der Präsentation der «Vision 2010» versprach unser Kirchenrat in diesem Kirchenboten, er wolle in Zukunft vermehrt zu kantonalen und eidgenössischen Abstimmungsvorlagen Stellung nehmen. Das ist jetzt zehn Jahre her und blieb weitgehend ein leeres Versprechen. Jesus hat diese politische Theologie ja immer wieder demonstriert. Die Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel ist heute sinnbildlich für die fern jeder Moral nach wie vor präsente Gier der Banker. Oder wer zwei Hemden hat, gebe dem eines, der keines hat, wendet sich gegen das weitverbreitete Motto «Geiz ist geil». Auf die Strasse gehenSolches sollte aber nicht bloss in den abgeschotteten Kirchenmauern hörbar werden, sondern zum Beispiel in Fernsehgottesdiensten. Wird jedoch gelegentlich mal einer ausgestrahlt, ist der Inhalt oft nur lauwarm, einfach ohne «Sprutz». Ich erinnere mich da an einen TV-Gottesdienst zum Reformationssonntag, in dem das Wort Reformation nicht ein einziges Mal vorkam. Etwas mehr persönliches Engagement der Sprecherinnen und Sprecher spürt man manchmal im Wort zum Sonntag, aber eben nur während dreier Minuten. Die Kirche muss, wenn sie den Abwärtstrend brechen will, «auf die Strasse gehen», in aller Munde sein. Warum lancieren nicht einmal die Kirchen eine Initiative oder ein Referendum zu einem Anliegen, das ihnen unter den Nägeln brennt. Mehr Fantasie, Einfallsreichtum, Mut und Spontaneität, das ist es, was ich mir von einer Kirche, welche die Zukunft mitgestalten will, aus tiefstem Herzen wünsche. Hans Andres, Widnau |
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