der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St.Gallen |
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Ausgabe 07-08/2010 ![]() Diese Ausgabe als PDF |
Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser
In der Tat erzählen die eigenen Vorbilder viel über unsere Lebenswege und Ziele. Denn insgeheim führen sie unsere Seele dahin, wo sie ihre Heimat, oder besser, ihr Ziel hat: ihre Bestimmung im realen Leben. So helfen Vorbilder, den eigenen Beruf zu finden und über sich hinauszu- wachsen. Dabei sind die bewunderten Züge nicht nur beruflicher, sondern auch menschlicher Art. Wir sind davon fasziniert, wie jemand fachliche Kompetenzen mit menschlichen Qualitäten verbindet. Warum unsere Seele je spezifische Fähigkeiten bewundert und zugleich auf menschliche Qualitäten anspricht, ist für mich ein tiefes Geheimnis. Es hat mit einer Veranlagung zu tun, welche über unsere irdische Gestalt hinausgeht: mit einer Sehnsucht oder einer uns eingeborenen Berufung, der je eigenen Bestimmung als Mensch gerecht zu werden. Diese Berufung ist unbewusst, aber eine reale Kraft, verborgen in Gott. Aber nicht nur verborgen, sondern auch wirksam: so, dass wir in realen Lebenssituationen selber darin aufwachen und unser Potenzial frei und selbständig entfalten. Vorbilder sind dann bloss Anlass und Anregung, die eigene Bestimmung zu erinnern und zu entfalten. Wir wollen ja kein Double, kein Abklatsch unserer Vorbilder werden, sondern das Bewunderte und Erkannte aus dem eigenen Wesen entfalten. Es wäre für Gott, so stell ich mir vor, ein Einfaches gewesen, uns für alle Ewigkeit vollkommen in seinem Bilde zu schaffen. Doch er wollte das Werk mit uns teilen. Er gab uns die Möglichkeit, durch unser eigenes Leben Mensch zu werden, gehalten in seinem Urbild und angeleitet durch Vorbilder seines Geistes. Rabbi Sussja sagte einmal: «In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: ‹Warum bist du nicht Mose gewesen?› Man wird mich fragen: ‹Warum bist du nicht Sussja gewesen?›» Andreas Schwendener |
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