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 Ausgabe 07-08/2010 
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Vorbilder – innere Begleiter, die raten und helfen – Zur Psychologie menschlicher Vorbilder

Vorbilder leiten durchs Leben, vermitteln Werte der Gesellschaft – auch veraltete, und befreien zur eigenen Lebensfülle. Wie Vorbilder in der Psyche des Menschen wirken, zeigt die Lehrerin und Psychologin Dr. phil. Ursula Germann-Müller.

Wenn wir vor einer schwierigen Entscheidung stehen oder trotz Gegenwind durchhalten müssen, tauchen manchmal im ­Innern Begleitpersonen auf. Bilder und Worte von Menschen, denen wir begegnet sind oder von denen wir gelesen haben, kommen auf uns zu.

Ich erinnere mich an eine Lebenssituation, in der ich ziemlich ratlos war. Darüber schlafen, dachte ich, und tat es auch. Und da kam ein Traum. Ein alter Mann mit Bart – er hatte etwas von einem Propheten aus der Bibel – sass ruhig da und schenkte mir gleichsam ein Urvertrauen. Als ich erwachte, wunderte ich mich, denn ich konnte den alten Weisen nicht identifizieren. Fast aus Verlegenheit drehte ich das Radio an und hörte die Stimme der Ansagerin, die einen Vortrag des 1965 verstorbenen jüdischen Gelehrten Martin Buber ankündigte. Das war der Mann im Traum – er entsprach der Fotografie auf einem Bucheinband. ­Alles klar. Was bringt mir das für meine Lebenslage? Plötzlich erinnere ich mich an einen eindringlich gesprochenen Satz aus ­einem andern Vortrag Martin Bubers. Der Satz, den ich innerlich höre, lautet: «Du sollst dich nicht vorenthalten.» Der Traum rät mir offenbar, den nächsten Schritt zu tun und mich einzulassen mit den Menschen, die jetzt in mein Leben getreten sind. Du sollst dich nicht vorenthalten. Wenn du aus der Unverbindlichkeit heraustrittst und dich einlässt, kann es geschehen, dass dir ein Du antwortet. «Wer du spricht, hat keinen Gegenstand, aber er tritt in die ­Beziehung.» Er geht ein Wagnis ein, er öffnet sich und gibt sich preis. Etwas Neues, was noch nie da war, wird möglich: das ­Wunder der Schöpfung. Für Buber ist jede Ich-Du-Beziehung ­eine Verwirklichung der Beziehung zum ewigen Du.


Weise Menschen als Ich-Ideal

Noch ein anderer Ansatz in Bubers Werk hat ihn zu einem Weisen werden lassen, der mich begleitet. Es sind Bubers Übersetzungen der Psalmen und des Alten Testamentes. In Bubers Übersetzung wird besonders deutlich, dass wir nur Gäste sind auf Erden. Daraus leitet die Tora die regelmässige gerechte Umverteilung des Bodenbesitzes ab. Als dieser Brauch in Vergessenheit geriet, traten die Propheten auf; sie erinnerten die Herrscher an das Gottesrecht der Besitzlosen. Weil sich dieser Gedanke nicht durchsetzte, werden die gerechte Verteilung und die Überwindung der sozialen Gegensätze fester Bestandteil der Zukunftshoffnung, aber auch einer scharfen Anklage: «Darum, weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt (...). Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind, und eure Sünden, die so gross sind, weil ihr die Gerechten ­bedrängt und Bestechungsgeld nehmt und die Armen im Tor (wo Recht gesprochen wird) unterdrückt.» (Amos 5, 11) Buber wird wie verschiedene andere berühmte Theologen dem religiösen ­Sozialismus ­zugeordnet. Er hat sich zudem ganz von Anfang an eingesetzt für Frieden und Gespräche mit den Arabern und war von der zionistischen Bewegung, die das zu wenig tat, ­enttäuscht.

Martin Buber, ein inneres Bild, das mich begleitet, ein Ich-Ideal für die Gestaltung meiner Beziehungen und für meine politischen Ansichten.


Veraltete Über-Ich-Forderungen

Erscheinen auf der inneren Bühne auch Gestalten, die das ­Leben behindern? Ja, es kann sein, dass sie erstarrt sind und nicht mehr in die Zeit passen. Mit Schrecken denke ich daran, dass vielleicht Gedanken oder Einstellungen, die ich längstens revidiert habe, im innern Szenarium von Menschen, die mir im Kindes- und Jugendalter begegnet sind, weiterleben.

Als Psychologielehrerin an der Mittelschule bin ich in ­Arbeiten oft auf Sätze gestossen wie: «Die Kirche ist autoritär. Sie zwingt einem Glaubenssätze auf, sie verbreitet Angst vor der ­Sexualität, sie redet immer von Sünden.» Meine jeweiligen Nach­fragen haben manchmal zu konkreten ­Erlebnissen ­geführt, meistens blieben die Antworten aber im ­Vagen. Was haben wir Älteren an die Kinder weitergegeben?, frage ich mich besorgt. Waren wir schlechte Vorbilder?

In den späten Schriften von Sigmund Freud taucht zum Thema «Vorbild» ein interessanter Gedanke auf. Das Strukturmodell von Freud unterscheidet für das bewusste und unbewusste ­Seelenleben drei Bereiche: das Es, das Ich und das Über-Ich. Die drei Bereiche kennen spezifische Ängste: Das Es die Angst, von den Trieben überwältigt zu werden, das ­Über-Ich die Angst, es dem strengen Gewissen nicht recht zu machen, und das Ich, das ­zwischen Aussen- und Innenwelt vermittelt, die Angst vor der Realität. Kinder haben feine ­Antennen, die wahrnehmen, wie ­ihre Bezugspersonen umgehen mit Liebe und Wut, was sie vermeiden, weil es nicht gut ist, und wie sie sich in der Welt behaupten. «Über Religion kann man mit dir nicht diskutieren, du verlierst jedes Mal alle Lockerheit», sagte mir einmal eines meiner Kinder. Ich bin sehr erstaunt. Es würde passen, wenn ich den Satz zu meinen Eltern gesagt hätte. In Glaubensdingen etwas zu bezweifeln kam nicht infrage und sehr vieles, was mir Spass gemacht hätte, war verboten. Ich habe es doch anders gemacht, denke ich. Freud hat für solche Unstimmigkeit eine Erklärung.

«Das Über-Ich ist für uns die Vertretung aller moralischen Beschränkungen, der Anwalt des Strebens nach Vervollkommnung, kurz das, was uns von dem sogenannt Höheren im Menschen­leben psychologisch greifbar geworden ist. Da es selbst auf den Einfluss der Eltern, Erzieher und dergleichen zurückgeht, erfahren wir noch mehr von seiner Bedeutung, wenn wir uns zu diesen seinen Quellen wenden. In der Regel folgen die Eltern und die ­ihnen analogen Autoritäten in der Erziehung des Kindes den Vorschriften des eigenen Über-Ichs. (...) So wird das Über-Ich des Kindes eigentlich nicht nach dem Vorbild der ­Eltern, sondern des elterlichen Über-Ichs aufgebaut; es erfüllt sich mit dem gleichen Inhalt, es wird zum Träger der Tradition, all der zeitbeständigen Wertungen, die sich auf diesem Wege über Generationen fortgepflanzt haben.» (Bd. XV, S. 73).

In meinem Beispiel hat das Kind nicht nur das Verhalten und die Worte des Vorbildes registriert, sondern auch dessen Angst und Abwehr. Das Unbehagen, das zurückbleibt, ist ­verständlich. Das Ich der Mutter hat versucht, sich den Wirklichkeiten, die es zur Zeit der Grosseltern noch nicht gab, anzupassen, das Über-Ich aber signalisiert Angst. Da diese Angst nicht in die Zeit passt und die Inhalte der Angst schon gar nicht, werden sie verdrängt, bleiben unbewusst und das ganze ungeöffnete Paket mit veralteten Über-Ich-Forderungen wird an die nächste Generation weitergeben.


Raum schaffen für das Wilde, Ungezähmte

Von diesen zugeschnürten Paketen geht eine gewisse Vorsicht aus. Ohne ersichtliche Gründe erlegt man sich Einschrän­kungen und Verzichte auf. Das Ungezähmte, Wilde in jungen Menschen, ihre Bewegungs- und Verschmelzungslust wollen aber Raum haben. In einem abrupten Umschlag werden das Brave und Gesittete abgelegt, etwa wenn die Rhythmen ­einer bestimmten Musik das ­Publikum in ihren Bann ziehen. Vielleicht ist es der Sänger, die Sängerin der favorisierten Band, die höchste Lebensintensität ausstrahlt. Grenzerlebnisse und Eks­tasen werden möglich. Um die Idole entstehen ­Lebensräume, die dem Schul- und Arbeitsalltag Alternativen entgegensetzen. Es wird Platz geschaffen für Begeisterung, Leidenschaft, Verrücktheit, für Träume und Visionen. Der Leader der Gruppe und sein Publikum spiegeln sich und feuern sich an. Es gibt Höhepunkte und schliesslich klingt es aus. Morgen beginnt der Alltag wieder, aber das Poster über dem Bett erinnert an den Ausnahmezustand und die Entgrenzung.

Bei den Fussballstars mag die Dynamik eine andere sein. Der ­bewunderte Mann geht beim Spiel an die Grenzen seiner Kraft, Geschicklichkeit, Schnelligkeit. Es wird nach klaren ­Regeln ­gespielt und ein Schiedsrichter sorgt für deren Einhaltung. Grossartig, wenn die Mannschaft, deren Fan ich bin, ­gewinnt. Dank Identifikation wird beim mitfiebernden Zuschauer die Sehnsucht nach Grösse und Bedeutung gestillt. Ein Glücksmoment ist da: Die Wünsche sind erfüllt.

Unter Sportgrössen, auch unter Kultfiguren aus der Welt der Musik, des Films, der Schönheit gibt es Menschen, die sich ihrer Verantwortung als Vorbilder bewusst sind. Sie geben Statements ab zur Armut in der Welt, zur AIDS-Problematik, zur Verletzung von Menschenwürde und helfen durch symbolische Gesten und Taten mit, an einer friedlicheren und gerechteren Welt mitzubauen. Hoffnungsvoll, wenn das Poster an der Wand nicht nur an Grossartigkeit erinnert, sondern auch an Solidarität, beispielsweise mit den vielen armen Leuten am Ort, wo die Fussballmeisterschaft stattfindet.


Dem Schicksal die Stirn bieten

Vorbild sind nicht nur Menschen, die zu Ruhm gelangen. Grosse Ausstrahlung haben Lebensgeschichten, deren roter Faden ein Durchhalten und ein Trotzdem ist. Brigitte Kuthy Salvi aus Biel ist mit 15 Jahren erblindet und hat doch den Weg zur Rechtsanwältin geschafft. In ihrem Buch «Double lu­mière» stellt sie in poetischer Sprache dar, was sie verloren und was sie gewonnen hat.

Zum Abschluss eine konkrete Begegnung: Eine junge Frau, die in der Schule Lernschwierigkeiten hatte und die Türe zuschlug, wenn man ihr gute Ratschläge geben wollte, hat unterdessen auf dem Weg über das Sonderschulheim Oberfeld in Marbach zu sich selber gefunden. Es war kein leichter Weg; es gab gute und schlechte Zeiten und viele Auseinandersetzungen. Doch jetzt ist sie daran und fest entschlossen eine anerkannte Lehre abzuschliessen. Dann will sie noch einen Schritt weiter. Sie möchte als ­Sozialpädagogin zurück in das Heim, wo sie in dunklen Zeiten wieder Hoffnung und Zuversicht schöpfte. Sie wünscht sich, ­Kindern und Jugendlichen, denen es ähnlich geht, auf die Beine zu helfen. Weil sie weiss, wie es ist, ganz unten zu sein, kann sie ­andern, die keine Perspektive mehr ­sehen, Mut machen und mit ihrer eigenen Geschichte Vorbild werden. All das sagt sie voller Energie und Lebensfreude. ­Andere Jugendliche scharen sich um sie und entdecken Hoffnungsspuren im eigenen Leben.

Ursula Germann, Fontnas

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