der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St.Gallen |
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Ausgabe 05/2013 Diese Ausgabe als PDF |
Im Steineggwald bei Gallus 2.0 – Dasein für die Ruhe und für Gespräche
Im Rahmen seiner dreijährigen Teilzeitanstellung bei der St.Galler Kantonalkirche, bei der Patrick Schwarzenbach mit neuen Formen des geistlichen Lebens experimentieren soll, wohnt der junge Theologe noch bis Ende August im Steineggerwald bei St.Gallen-St.Georgen. Hier sucht er die Gemeinschaft mit Gott und führt, wie sein Vorgänger vor 1400 Jahren, geistliche Gespräche mit Ratsuchenden.
So vereinbaren wir einen Besuch am Tag, an dem Patrick Schwarzenbach auf seiner wöchentlichen Einkaufstour in St.Gallen anzutreffen ist. Für mich die Gelegenheit, zusammen mit dem Eremiten statt mit einer Wegbeschreibung den Weg zu seiner Klause zu finden.
Mit Handy und GaskocherAngesprochen auf sein Handy rechtfertigt sich der Einsiedler selbstbewusst. Er imitiere nicht den heiligen Gallus, sondern lebe eine neue, zeitgemässe Version, eben Gallus 2.0. Da gehöre ein Handy dazu, auch ein Gaskocher und ein wöchentlicher Einkauf anstelle der Jagd. Auch das Toilettenhäuschen, das nach einigen Minuten Fussweg durch den Wald auffällig am Wegrand steht, gehört der modernen Zeit an. «Das ist heute Pflicht», erklärt Patrik Schwarzenbach, «auch die Pfadfinder müssen heute solche WCs nutzen, wenn sie länger im Wald leben.» Der Platz für die Klause ist gut gewählt. Zehn Meter abseits vom Weg findet sich eine kleine Holzhütte. Diese hat die Stadt, die Waldbesitzerin, zur Verfügung gestellt. Dort kann er seine Kleider, seinen Proviant und seine geistlichen Bücher sicher vor Wildtieren und Regen aufbewahren. Ein Plache vor der Hütte markiert den Schlafplatz, auf dem der Einsiedler tagsüber seiner Arbeit nachgeht: aufstehen, eine Stunde meditieren, Zmorge, Holz suchen, lesen oder Besuche empfangen, spezielle Lesungen vor dem Mittagessen, ein Spaziergang am Nachmittag, nach dem Znacht wieder eine kleine Feier mit Gebet, Textlesung und einem Lied. Gegen 22 Uhr legt sich Gallus 2.0 zur Ruhe.
Mittagsdämon und RuhePatrick Schwarzenbach deponiert seinen Einkauf in der Hütte, kocht heisses Wasser und serviert einen Grüntee. Ich erkundige mich nach seinen ersten Erfahrungen im Wald. Stürmisch und nass seien die ersten zwei Wochen im Juni gewesen, aber auch abwechslungsreich. Natürlich kenne er auch Krisen, gesteht er und erzählt vom «Mittagsdämon», einem bei Einsiedlern bekannten Phänomen. In Zeiten der Müdigkeit trete er an einen heran und streue Zweifel. Man frage sich dann, wozu man sich diese Einsamkeit antue, oder man habe das Gefühl, dass man vergeblich nach Gott suche. Patrick Schwarzenbach hat erfahren, dass der Dämon sich von selbst wieder zurückzieht. So überleuchten die positiven Erfahrungen die Schatten. Patrik Schwarzenbach ist sich und seinen wahren Bedürfnissen nähergekommen. Er weiss jetzt, wie wichtig für ihn die sozialen Kontakte sind und dass der geistliche Weg zu ihm gehört. Unbedeutender wurden ihm materielle Bedürfnisse und das Ringen nach Status – weil man das alles hier im Wald nicht brauchen könne. Zentrum seines Suchens ist die Ruhe. Sie sei eine Art Seelenzustand, in dem man offen ist für die Natur, die Mitmenschen, für Gott. Es gelinge ihm in dieser Umgebung immer leichter, in diesen Zustand zu kommen, und er hoffe, dass er etwas davon auch in den späteren Alltag mitnehmen könne.
Seelsorger im WaldAuch in den Gesprächen – bereits über 70 Personen haben vorbeigeschaut – ist Gallus 2.0 überrascht, wie schnell man hier in geistliche Tiefe kommen könne. Vor allem junge Leute würden ihn besuchen, auch solche, die er vorher nicht gekannt habe – wohl aufgrund eines Artikels in der Gratiszeitung 20 Minuten. Die Leute erzählen von ihren Problemen mit dem Glauben, auch von Erfahrungen mit Yoga und andern Formen der Spiritualität. Der Austausch sei für beide Seiten befruchtend. Dabei bleibt Patrick Schwarzenbach ein bedürftiger Mensch, der sich riesig freut, wenn jemand ihn am Morgen mit Eiern und Speck überrascht oder wenn hin und wieder seine Freundin vorbeischaut – er ist eben Gallus 2.0. Im Wald, sagt er, erlebe er quasi eine Art Urform seines Pfarrberufs.
Das geistliche Leben und Gespräche werden zum täglichen Brot. Andreas Schwendener |
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