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 Ausgabe 01/2004 
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«Liebt eure Feinde» - Ein nicht gangbarer Weg?

«Ihr habt gehört,dass gesagt wurde: ‹Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.› Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die,die euch verfolgen.Dann werdet ihr Söhne und Töchter eures Vaters im Himmel.Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.» (Mt.5,43–45)

Die Geburt Jesu hat alle Grenzen gesprengt. Gott wird Mensch,die Himmel öffnen sich,und die Engel,zum Greifen nah, singen ihre Lieder auf den Feldern der Hirten. Auch die Botschaft des Wanderpredigers Jesus von Nazareth ist grenzenlos: Er isst mit Zöllnern und Sünderinnen und reisst am Sabbat Ähren ab.Selbst der Tod Jesu beinhaltet noch diese Botschaft: Christus hat «ausserhalb des Tores gelitten» (Hebr. 13,12),im Niemandsland draussen vor der Stadt.

Prinzip Entgrenzung

Schliesslich ist Christus hinabgestiegen in das Reich des Todes (vgl.1.Petr.4,6; 3, 19). «Der Tod ist verschlungen in Sieg» (1.Kor.15,54), die Hölle aufgehoben in einen Himmel, der jetzt omni-präsent ist und das All erleuchtet mit ewigem Licht. Das bedeutet: Es gibt in Gottes Wirkkraft keine Grenze mehr.

«Der, wie es scheint, nicht gangbare Weg der Feindesliebe ist in den Augen Jesu Christi unsere wahre Bestimmung.»Die Ethik der Bergpredigt ist geprägt von diesem Prinzip der Entgrenzung. «Der Nächste», den wir lieben sollen, ist nicht mehr nur die Nachbarin oder der Stammesgenosse. Die Liebe kennt keine Grenze: Unser Nächster ist der Fremde und sogar die Feindin.

Natürlich und einsichtig

Die Begründung ist einfach: Auch die Sonne geht aufüber Böse und Gute,und der Regen fällt über Gerechte und Ungerechte. Diese Naturbilder von Sonne und Regen sind jedem Menschen einsichtig. Man braucht nicht besonders religiös oder christlich zu sein,um sie zu verstehen.Ihre Natürlichkeit und Allge-meingültigkeit legen uns nahe, dass Feindesliebe nicht eine Utopie ist, die sich irgendwann am Ende der Zeit realisiert. Feindesliebe ist auch nicht eine Moral für den Hausgebrauch im trauten Heim, während draussen in Wirtschaft und Politik die anderen Regeln der so genannten «Realität» gelten. Sie ist auch nicht das besondere Werk eines dazu berufenen Standes von Pfarrerinnen und Heiligen. Die natürlichen Bilder sagen: Feindesliebe ist etwas Natürliches.

Wir sind frei und gross und der unbegrenzten Liebe fähig. «Den gangbaren Weg des Kompromisses», sagt Martin Luther King, «gehen wir nun schon viel zu lange».Der,wie es scheint, nicht gangbare Weg der Feindesliebe ist in den Augen Jesu Christi unsere wahre Bestimmung.

Andreas Fischer,St.Gallen

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