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 Ausgabe 01/2004 
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Gewaltfreiheit – ein Schatz im Acker? - Vier Visionen für eine friedliche Welt

Entgegen einem weitverbreiteten Missverständnis bedeutet Gewaltfreiheit nicht passives Erdulden der Gewalt oder gar ein Ausweichen. Vielmehr handelt es sich dabei um eine höchst aktive Haltung, in der man sich den Problemen stellt, sie ­anpackt und gegen das Unrecht Widerstand leistet. Noch ist die Dynamik, die in einer gewaltfreien Handlung steckt, kaum erforscht. Dass der verborgene Schatz im Acker ans Licht kommen kann, zeigt Ueli Wildberger in vier Visionen.

Die technischen Fortschritte des 20. Jahrhunderts haben nicht gleichzeitig auch zu Fortschritten auf dem Gebiet des Respektes der Menschen füreinander geführt. Das vergangene Jahrhundert gibt in dieser Hinsicht wenig Ursache zu Optimismus. Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat darum 1998 an seiner Vollversammlung in Simbabwe eine «Dekade zur Überwindung von Gewalt» beschlossen. Welche Vision beseelt mich für die «Dekade», die der Weltkirchenrat zum Auftakt des neuen Jahrtausends für die Jahre 2001–2010 ausgerufen hat?

Vor einiger Zeit fuhren meine Frau und ich spät nachts auf ­unsern Velos bei der Langstrasse in Zürich nach Hause.

Plötzlich eine Schlägerei am Strassenrand: Zwei Männer stehen sich ­gegenüber, wutentbrannt. Der eine schwingt eine Velokette, der andere einen Stock, ein Kreis von Gaffern rundherum. Schnell steigt meine Frau – klein und zierlich, aber quick – vom Velo und geht auf die beiden Männer zu. Sie drängt sich dazwischen, ruft laut: «Stopp!» und drängt die beiden auseinander. Diese sind verblüfft, beschimpfen sich aber weiter. Sie bringt den ­einen dazu, seine Velokette herunterzunehmen – die Lage be­ruhigt sich etwas. Noch stehen beide aber aggressiv da, ­jederzeit bereit, wieder aufeinander loszugehen. Nun mischen sich auch ihre Kumpels ein, nehmen sie bei der Schulter, ziehen sie mit sich fort.

Selbstvertrauen und Fantasie

Meine erste Vision wäre, dass sich Christinnen und Christen zu Menschen mit Zivilcourage entwickeln, die den Mut haben, sich einzumischen. Zivilcourage setzt Selbstvertrauen und Fantasie voraus, in schwierigen Situationen das Richtige zu tun, mit einer unerwarteten Reaktion oder Humor sie zu entschärfen. Beides – Mut und Fantasie – fällt nicht einfach vom Himmel, kann entwickelt und eingeübt werden.

Lernen, fair zu streiten

Meine zweite Vision wäre es, dass wir die zehn Jahre der ­Dekade nutzen, um fair streiten zu lernen. Offen Konflikte austragen will gelernt sein, gerade auch in Kirchgemeinden, wo so oft die falsche Meinung herrscht, Konflikte dürften ­unter Christen nicht sein. Kirchen sollten zum Ort werden, wo ­Menschen mutig und ehrlich miteinander streiten, so dass sich beide Seiten als Gewinner fühlen können. Dies schon von klein auf zu lernen – gerade auch als Knaben und Mädchen –, wäre die beste Gewaltprävention.

1983 wurde auf den Philippinen der führende Oppositionspolitiker Ninoy Aquino bei seiner Rückkehr aus dem Exil noch auf dem Flughafen ­ermordet. Führende Katholiken wie Bischof Cleaver und befreiungstheologische Gruppen luden Jean und Hildegard Goss-Mayr vom Internationalen Versöhnungsbund ein, in einem zweiwöchigen Modellseminar Strategien des ­gewaltfreien Widerstands zu erarbeiten, die nachher in über dreissig Workshops in allen Teilen des Landes weitergegeben wurden. «Freiheitsläufe», Boykott-Kampagnen gegen Marcos-Bierbrauereien, Marcos-Banken usw. erfassten immer weitere Kreise. 500 000 Wahlbeobachterinnen und Wahlbeobachter setzten sich an den Urnen für faire Wahlen ein. Cory Aquino ­erklärte sich vor einer Million Anhängern zur Wahlsiegerin. Hierauf sagten sich zwei Generäle mit ihren Truppen von ­Marcos los und verschanzten sich in ihren Kasernen. Marcos schickte loyale Militärs mit ihren Tanks gegen sie. In diesem ­kritischen Moment rief Radio Veritas der katholischen Kirche die Bevölkerung auf, sich zwischen die Truppen zu stellen. Ein ganzes Wochenende lang versammelten sich 250 000 unbewaffnete Zivilisten – Männer, Frauen, Nonnen, Alte und Kinder – auf dem Edsa-Platz, umringten die Panzer, forderten die ­Soldaten auf: Ihr seid doch auch Söhne des Volkes; ihr könnt doch nicht auf eure eigenen Leute schiessen; schliesst euch ­unserer gewaltlosen Revolution an!» Viele Soldaten kletterten aus ihren ­gepanzerten Fahrzeugen. Schliesslich gab Marcos auf und dankte ab. Ein Diktator war gestürzt worden, ohne einen Schuss abzugeben.

Aktive Gewaltfreiheit als schöpferischer, gesellschaftlicher Prozess ist eine relativ neue Entdeckung: Erst Gandhi und Martin Luther King haben aufgezeigt, dass Gewaltfreiheit ein realistischer, wirksamer Weg des Widerstands und der sozialen Veränderung sein kann. Endlich wird deutlich, dass der seit 2000 Jahren schlummernde Schatz des Evangeliums, nämlich Jesu Auftrag zur Feindesliebe und Gewaltlosigkeit, nicht eine naive, weltfremde Schwärmerei darstellt, sondern die Ermächtigung zur höchst aktiven, kämpferischen, aber ­gewaltfreien Auseinandersetzung mit Unrecht und Gewalt. Noch haben wir die Dynamik, die in einer mutigen, gewaltfreien Haltung steckt, kaum erforscht.

Im Krieg wirksame Friedenszeichen setzen

Meine dritte Vision wäre, dass die Kirchen auch in bewaffneten Kriegen wirksame Friedenszeichen setzen. Der Weltkirchenrat hat für die Dekade ein Monitoring-Projekt in Israel/ Palästina lanciert, das in der Schweiz von Peace Watch Switzerland koordiniert wird. Dieses Programm hat zur Aufgabe, durch seine überparteiliche Präsenz internationaler ­Be­obachterInnen einheimische Friedensgruppen zu ermutigen, sie bei schwierigen Gängen durch Kontrollposten zu ­be­gleiten, Augenzeugen zu sein bei Übergriffen, um dadurch vielleicht Gewaltakte zu verhindern. Ähnliche Frieden­­sein­sätze leisten «Peace Brigades International» in Kolum­bien, ­Indonesien, Südmexiko oder die «Nonviolent Peace Force» in Sri Lanka.

Wie viel Wachstum brauchen wir?

Meine vierte Vision wäre schliesslich, dass wir als Kirchen wieder zum Ort werden, wo eine Diskussion stattfindet darüber, was wir zum Leben brauchen, wie viel Wachstum wir wollen (Stichwort «Einfacher Lebensstil»). Und dass wir auch dort, wo es unbequem ist, den Mut zu widerständigem ­Handeln finden: Gedankenlos zerstören wir die Natur, tagtäglich ­verhungern etwa 25  000 Menschen in einer Welt des Überflusses …

Ueli Wildberger


Ueli Wildberger, geb. 1945, lebt verheiratet in Zürich, ist Theologe und Friedensarbeiter. Als Mitarbeiter des Forums für Friedenser­ziehung ist er in Kursarbeit sowie in gewaltfreien Kampagnen und Projekten aktiv.  ­
Von den beiden Landeskirchen SG und AR/AI ist Ueli Wildberger beauftragt worden, Impulse für die Dekade zu entwickeln, Aktivitäten zu koordinieren, Gemeinden und kirchliche Mit­arbeiter zu beraten oder auch an Anlässen seine Erfahrungen einzubringen oder Workshops zu gestalten.


Weitere Informationen und Materialien bei:
Forum für Friedenserziehung, Magnihalden 14,
9004 St.Gallen, Tel. 01 244 17 37 (Di – Do Nm),
www.friedenserziehung.ch, fff.ifor@bluewin.ch,
Homepage zur Dekade: www.wcc-coe.org
oder Ueli Wildberger, Tel. 01 242 20 59, ueliw@dataway.ch

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