der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St.Gallen |
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Ausgabe 01/2004 ![]() Diese Ausgabe als PDF |
Religion – ein Hindernis der Integration? - Gott spricht vielfältig unter den MenschenDer vor vier Jahren gegründete «Runde Tisch der Religionen» pflegt interreligiöse Gespräche nach innen, aber immer wieder auch öffentlich. Am 2. Dezember stellt er sich in der Offenen Kirche St.Leonhard der Frage, ob religiöse Überzeugungen ein Hindernis für die Integration sind. Mit der Frage nach der Motivation zum Dialog eröffnete Clara Obermüller, ehemalige Sternstunden-Moderatorin, die Gesprächsrunde.
Motive zum Dialog«Ich will die Meinungen anderer Religionen kennen lernen, wie auch meine eigene Religion erklären und gegenüber Vorurteilen schützen», antwortete die Hinduistin Anita Pawar. Für den Vertreter des Buddhismus, Roland Steffan, sind wir in unserer klein gewordenen Welt zum Dialog verdonnert. «Aber», fragte er, «was gibt es Spannenderes, als im Hinhören auf die Lehren anderer selber bereichert zu werden?» Beat Dietschy, als Inhaber einer OeME-Stelle von Berufs wegen zum Dialog verpflichtet, erinnerte an die Geschichte christlicher Mission. Die Mentalität der Kolonialisierung sei weitgehend einem respektvollen Dialog und Dienst am Menschen gewichen. Mit Koranzitaten erinnerte der Muslim Bekim Alimi an die bereits im Koran begründete Dialogkultur. Gott habe die Menschen als verschiedene Völker geschaffen, damit sie einander kennen lernen. Einen alle Religionen umfassenden Standpunkt glaubt Rüdiger Wohlwend in der Baha’i-Religion gefunden zu haben. Dieser befähige ihn zum fruchtbaren Dialog. Wo liegen die Probleme?«Das tönt alles so friedlich und selbstverständlich. Wo liegen denn die Probleme?», fragte die Gesprächsleiterin. Damit brachte sie den Runden Tisch dazu, über die eigene Position hinaus von Ängsten in der Bevölkerung zu reden, wie sie tags zuvor im Abstimmungsergebnis zu den Zürcher Religionsvorlagen zum Ausdruck gekommen waren.
Woher also die Ängste? Glaube, so Beat Dietschy, habe auch mit Entwicklung, mit Identitätsbildung zu tun. Je ungefestigter ein Glaube sei, desto fixierter trete er auf und löse Befremdung aus. Anita Pawar hat keine Angst vor andern Religionen, aber vor Menschen, welche die Religion missbrauchen. Ihr Glaube helfe ihr aber, in allen Geschöpfen das göttliche Licht zu sehen. «Ich verstehe die Ängste angesichts der Bedrohungen im Namen des Islam», sagte Bekim Alimi, doch der Terror habe wenig mit Islam zu tun. Das sei eine Pervertierung, die auch von islamischen Regierungen verurteilt werde. Gemäss Koran gebe es nur ein Recht, sich mit Gewalt gegen Bedrohungen zu verteidigen. Der Islam kenne keine Missionierung. Islam habe sich gemäss Koran durch gelebten Glauben zu verbreiten. Grenzen der IntegrationAber wie weit müssen und wie weit können Andersgläubige sich anpassen? Der Dalai Lama, so Steffan, habe ihn gebeten, in der Schweizer Öffentlichkeit das Mönchsgewand nicht zu tragen. Die «religiöse Folklore» solle er ablegen und dafür umso eher den religiösen Kern pflegen. Alimi stimmte dieser Haltung zu:«Auch Muslime können das Zentrale bewahren, etwa das Gebet, und sich im Weitern der Umgebung anpassen.» Und sogleich war die Runde beim «Streit- und Reizthema» Kopftuch. Sachlichkeit forderte Beat Dietschy:«Bei der Integration haben wir primär zu fragen, was an staatlichen Regelungen nötig ist, um als freie Menschen gut zusammenleben zu können.» Das Kopftuch erachte er als persönliches Glaubenszeugnis, wie etwa ein Kreuz um den Hals einer Lehrerin. Religion lebe davon, dass sie auch öffentlich wahrnehmbar sei. Für Alimi ist das Tragen eines Kopftuchs – gemäss Koran – eine religiöse Pflicht. Und weil der Islam das ganze Leben regelt, «im Diesseits wie im Jenseits», dürfe ein Kopftuch auch im Berufsalltag keinesfalls als Provokation gedeutet werden. Rüdiger Wohlwend versuchte mit der Religionslehre der Baha’i zu vermitteln: Jede Religion habe drei Stufen: Der geistige Gehalt sei überall der selbe. In der Stufe der göttlichen Manifestation würden je verschiedene Mittlergestalten verehrt. Und auf der Stufe der Menschheit sei die Offenbarung stets kulturell bedingt. Ähnlich Steffan: Religion beginne im Herzen, strebe aber nach äusserer Erscheinung in Ritualen, weshalb auch jede Religion ihre Andachtsstätte brauche. Was ist Offenbarung?Die Publikumsfrage nach der koranischen Vorschrift der Steinigung bei Ehebruch prägte den weiteren Verlauf des Abends. Ein Muslim, so Alimi, könne den Koran nicht abändern. Die Bestimmung gelte dem Schutz der Sexualität, habe viele Hürden und werde kaum je angewendet. Ob über derlei Bestimmungen kein Disput im Islam geführt werden könne, wurde gefragt. Denn über ähnliche Passagen in der Bibel, etwa die Todesstrafe bei homosexueller Praxis, werde öffentlich gestritten. Warum sich der Islam mit der Kritik am Koran schwer tue, versuchte Beat Dietschy theologisch zu erklären. «Was für Christen die Person Jesus Christus, das ist für Muslime der Koran, nämlich letzte und unüberbietbare Offenbarung.» Die Schlussvoten bestätigten die Unterschiede: Für Baha’i ist Offenbarung relativ, für Muslime absolut im Koran, für Christen im Gottessohn, für Hindus ist sie vielfältig und für Buddhisten persönliche Erfahrung. «Wir haben es mit Unvergleichbarem zu tun, wie bei Mann und Frau, die aber trotzdem zusammenpassen», sagte Dietschy. Unvereinbarkeit, auch Ängste, müssen wir stehen lassen und damit leben lernen, resümierte die Gesprächsleiterin. as |
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