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Kirche

Leise Töne im Siegesrausch

Während sich in St.Moritz die Ski-Cracks an der Weltmeisterschaft unter dem Jubel begeisterter Zuschauer vom Munt San Murezzan hinab mit Höchstgeschwindigkeit ins Tals stürzen, schlägt die Evangelische Landeskirche von Graubünden leisere Töne an. Das Projekt «Licht und Vergänglichkeit» erinnert daran, dass das Leben neben Siegen auch Niederlagen bereithält.

Sport fasziniert, elektrisiert und fanatisiert. Manche reden im Zusammenhang mit Fussball auch von Ersatzreligion. «So schlimm ist es beim Skifahren nicht», meinte Britta Kaula, Verantwortliche für Kommunikation und Sponsoring beim Projekt «Licht und Vergänglichkeit», das die Evangelisch-reformierte und die Katholische Landeskirche Graubünden an der Ski-WM im Februar in St.Moritz durchführen. Die gebürtige Deutsche sieht bei den Schweizern im Zusammenhang mit Skiwettbewerben positivere Eigenschaften: «Ich finde, die Skiwettbewerbe begeistern, verbinden und sind identitätsstiftend.»

Raum zum Innehehalten

Doch neben den Wettbewerben sollte Raum zum Innehalten bleiben. «Licht und Vergänglichkeit» basiert auf drei Säulen. Der Fernsehmoderator und ehemalige DRS 1 Radiomann Ruedi Josuran spricht mit Alt-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und anderen prominenten Gästen. Alle Anwesenden inklusive Moderator verbindet eine tiefgehende Erfahrung: Sie haben neben Bekanntheit, Anerkennung und Lob auch schmerzliche Niederlagen und Rückweisungen erlebt. Damit bildet dieses Podiumsgespräch während des Eröffnungsgottesdienstes zu Projektbeginn am 5. Februar auch gleich den Bogen zum Sport. Es ist eine besondere Aufgabe, die gerade erfolgreiche Sportler lernen müssen: Ihre Anwesenheit im Scheinwerferlicht ist sehr vergänglich und so mancher Jubel verstummt schneller als sein Echo. Die zweite Säule des kirchlichen Rahmenprogramms bildet der etwas schiefe Turm der St.Mauritius Kirche im Zentrum von St.Moritz. Er dient als Leuchtturm, der mit sogenannten Lichtfängern korrespondiert, die den ganzen Ort während der Dämmerung zum Leuchten bringen. Lichtfänger und Leuchtturm symbolisieren die Vergänglichkeit und die Geschwisterlichkeit von Licht und Dunkelheit. Die dritte Säule schliesslich bildet die Internetplattform www.Stmoritzshine.ch, über die auch Aussenstehende – wenn sie ihre Gedanken zum Projektthema mit dem Hashtag stmoritzshine senden – den Turm zum Leuchten bringen können.

Dorthin gehen, wo die Menschen sind 

Die Kirche zeigt in der Schweiz an Sport-Grossanlässen immer wieder Präsenz. Zuletzt auch an der Fussball-EM 2008. Mit einem Gottesdienst, aber auch der Gründung des FC Religionen machten die Landeskirchen auf die spirituelle Ebene inmitten des Sportfests aufmerksam. Die schöne Randnotiz der Geschichte: Die gemischt nationale und interreligiöse Mannschaft FC Religionen gewann gegen die rein schweizerischen Politiker des FC Nationalrat mit 6:1. 

«Wir machen uns als Kirche dorthin auf, wo die Menschen sind und warten nicht darauf, bis sie zu uns kommen», erklärt Pfarrer Michael Landwehr aus Samedan. Er war es auch, der die Idee hatte, die FIS Alpine Ski-WM St.Moritz von seiten der Kirche zu begleiten. «Wir sind keine Spielverderber. Wir feiern mit Zuschauern und Athleten und begeistern uns für Gott und den Sport, denn beides verbindet. Und: Wir erinnern daran, dass Schweinwerfer-Licht, Jubel und Ruhm vergänglich sind, dass der Vierte der erste Verlierer ist, und bringen deshalb unsere christlichen Werte ins Spiel.» Der als Präsident der Kommission «Kirche und Tourismus» beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund engagierte Theologe hat auch andere Projekte im Engadin lanciert. Michael Landwehr: «Viele Menschen stellen sich in der Freizeit oder in den Ferien Sinnfragen, und sie suchen Ruhe und Stille. Wir möchten ihnen dafür in unseren offenen Kirchen auch unter der Woche einen Raum geben.» Touristen und Einheimische scheinen das Angebot bisher anzunehmen. Dabei geht es Landwehr nicht um Gefälligkeiten. «Wir möchten gerne einen Wow-Effekt auslösen und zeigen, dass Kirche auch ganz anders sein kann. Wir verfeinern damit unsere Visitenkarte, bisweilen provokant, hoffentlich aber immer in bleibender Erinnerung.» 

 

Text: Martin Arnold, St.Gallen | Foto: Alessandro Della Bella, Ski-WM St.Moritz 2017  – Kirchenbote SG, Februar 2017

 


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