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Gesellschaft

Medizin für Hirnzellen und Geist

Mit 60 Jahren suchte ich nach einem Sport, der körperlich fit und gesund hält, der auch mental eine Schulung beinhaltet und zugleich bis ins Alter gepflegt werden kann. Nachdem ich im Tischtennisspiel gegen einen 84-Jährigen keine Chance hatte, erkannte ich, dass dies der gesuchte Sport sein könnte.

Weil man in diesem Sport Gegner braucht, suchte ich nach entsprechenden Möglichkeiten – und wurde im Tischtennisclub St.Gallen fündig. Dort realisierte ich aber, dass ich richtig und gut spielen können muss, damit andere nicht nur aus Freundlichkeit mit mir spielen. Ja, Tischtennis ist eine hohe Kunst, die man von Grund auf erlernen muss. Wer nur am Tisch steht und mit Armbewegungen die Bälle auf die andere Tischseite zu bringen versucht, kann zwar Fortschritte machen, aber damit werden Bewegungen automatisiert, mit denen man bei besseren Spielen chancenlos bleibt. So hatte ich also diesen Sport von Grund auf neu zu lernen – mit einem persönlichen Trainer.

Schulung von Körper und Geist 

Bei diesem Training mache ich viele gleichnishafte Entdeckungen über das Lernen und die menschliche Entwicklung. So erkannte ich meine falschen Routinen, die sich nur schwer verändern lassen. Im Sprichwort sagt man vom krumm gewachsenen Baum, dass er kaum mehr gerade wird. Der Mensch ist anders. Ich habe erfahren, dass es möglich ist, automatisierte Bewegungen neu zu lernen. Aber das ist strenge Arbeit, bei der auch das Gehirn, der Geist, aufs Äusserste gefordert ist. Stimmige automatisierte Bewegungen sind wichtig, z. B. beim Autofahren. Wenn diese sitzen, können wir uns voll und ganz auf die je zu bewältigenden Herausforderungen konzentrieren.  

Ebenso ist es beim Tischtennis. Viele Bewegungen müssen automatisch, und zwar schnell und  präzis, vollzogen werden. Nur so erreicht man in Sekundenschnelle die richtige Position, um  den Schlag mit dem ganzen Körper vollziehen zu können und im letzten Augenblick den Ball auch noch dorthin zu führen, wo der Gegner ihn kaum erwartet. 

«Tischtennis ist ein unglaublich schneller Sport, der ganzen Körpereinsatz verlangt und das Gehirn enorm herausfordert.»

So zieht sich mein Training dahin, um die verschiedenen Schläge einzuüben: mit Rückhand und Vorhand, als Schlag mit Unterschnitt oder mit Überschnitt, stets aus der ganzen Kraft des richtig positionierten Körpers. Dazu die entsprechenden Bewegungen der Beine, hin zum optimalen Standort, was im Spiel immer der erste Impuls sein sollte. Ich merkte, wie das Einüben dieser Elemente eine enorme Herausforderung für das Bewusstsein ist. Alles musste einzeln geübt werden. Die Bewegung der Füsse, die Position des Körpers, der Schlag, die Platzierung…und dann immer mehr alles zusammen durch entsprechende Übungen. 

Beobachten und analysieren

Nun ist Tischtennis aber kein Sport, den man für sich allein üben kann wie etwa Schnell­lauf oder Schwimmen. Es ist ein Kampfsport. Da ist ein Gegner, den man möglichst schnell in seinen Gewohnheiten, Möglichkeiten und Strategien zu durchschauen hat. Die geistige Aufmerksamkeit muss auch dort präsent sein. Um den Ball rechtzeitig in der richtigen Position zurückschlagen zu können, muss ich den Gegner in der Vorbereitung und Ausführung seines Schlags präzis «lesen» und sofort darauf reagieren. Und es gibt kein Ausruhen. Schon in der Vorbereitung meines Gegenschlags muss ich beim Gegner beobachten, was er erwartet, wie er sich auf welche meiner Rückschlagmöglichkeiten zu positionieren versucht und was allenfalls schon seine nächste Strategie ist. 

Tischtennis ist ein unglaublich schneller Sport, der ganzen Körpereinsatz verlangt und das Gehirn enorm herausfordert: im Analysieren, Reagieren und Strategien entwickeln. Dazu muss das Gehirn stets neue Verbindungen von Nervenzellen herstellen. Man wird von diesen Herausforderungen wohl belebt und verjüngt. 

Tischtennis als Art der Meditation

Von Meditationsübungen weiss ich, dass es ein hohes Ziel ist, den Geist ganz konzentriert zu erfahren, sei es in seiner eigenen Ruhe, im Atem des Körpers, in einem Symbolbild, einem tiefsinnigen Wort oder in rituellem Gehen. Beim Tischtennis ist die geistige Präsenz im Bewegungsfluss des ganzen Körpers und in allen Sinnen. Der Geist ist darauf konzentriert, den Körper in den von Natur aus optimalen Möglichkeiten zu bewegen. In den Augen blitzt die scharfe Beobachtung des Gegners, auch das Gehör ist auf den Klang und die Deutung des Schlags ausgerichtet – absolute Präsenz im Geschehen, im Spiel. 

Alles andere wird ausgeblendet. Nach einem Ballwechsel, so sagte mir mein Trainer, wird ein guter Spieler nicht sagen können, was sonst noch im Raum war oder geschah. Aber er sollte fähig sein, innerlich zu rekonstruieren, wie der Ballwechsel lief, warum er so war und wie es hätte besser laufen können. Nur so lernt man. 

Auch diese Selbstanalyse kann Sinnbild für das Leben sein. Im Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist sollen wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie wir im Spiel des Lebens uns bewähren. Warum ist etwas gut gelaufen oder misslungen, wie kann ich Fehler vermeiden und das Gute noch verstärken?

 

Text: Andreas Schwendener | Foto: Pixabay   – Kirchenbote SG, Februar 2017

 


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