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Gesellschaft

Auf den Sprung gebracht

Täglich richtet Pascal Kälin aus Einsiedeln (SZ) seinen Blick hinauf zum Hügel – dorthin, wo die grosse Skischanze des Wallfahrtsorts steht. Heute herrschen zwar günstige Windbedingungen, lässt sein Gesicht schliessen, aber es regnet. Kein Grund, das Training des A-Kaders des Swiss-Skijump-Teams abzusagen. «Wir sind ja nicht aus Zucker.»

Zum Springen ist der 24-Jährige vor zwölf Jahren durch Zufall gekommen. Spät, im Vergleich zu seinen Kollegen. Als wäre dies seine Bestimmung.

 

Fliegen wie ein Drachen

Das Training beginnt mit dem Aufwärmen jener Muskeln, die beim Sprung besonders beansprucht werden: Hüften, Oberschenkel, unterer Rücken. Es ist auch die Verantwortung jedes Springers, seine Skier zu wachsen und die Schuhbindungen gründlich zu kontrollieren. Pascal Kälin zieht danach seinen Skisprung­anzug an. Dieser wird aus Schaumstoff gefertigt und soll seinem Körper mehr Luftwiderstand verleihen, der schliesslich zum längeren Flug führt. Wie ein Drachen.

Der Aufstieg zum Schanzenturm verläuft in Stille. Jeder Springer ist nun in seinen Gedanken. Beim Ausgang zum «Gate», wo der Anlauf beginnt, hängt ein signierter Anzug des ehemaligen Weltmeisters, Olympiasiegers und gebürtigen Toggenburgers Simon Ammann. Daneben zwei gebrochene Skier. Vielleicht wollte so jemand die jungen Athleten an mögliche Karriere-Szenarien eines Springers erinnern. Aber nein. «Die sind da für die Touristen», lächelt Kälin.

«Wenn du richtig gut gesprungen bist, spürst du es sofort.»

Nach den letzten Vorbereitungen, wenige Minuten vor dem ersten Sprung des Tages, steht Kälin auf und schliesst seine Augen. Er hält dann für einige Sekunden inne und klopft zwei Mal auf seine Brust. «Es hält dich wach», wird er später sein Ritual erklären. Denn ab diesem Moment muss sein Kopf frei von Gedanken sein, was nicht leicht fällt. «Der Sprung darf nicht im Kopf sein», meint er, «es klingt blöd, aber wenn du dir mit 90 km/h am Schanzentisch deine Bewegungsausführung überlegst, bist du zu langsam.» Er setzt sich dann auf den Metallbalken und legt seine langen Skier in die Anlaufbahn. Der Trainer gibt das Signal und Kälin lässt sanft los.

Der Kontakt zwischen den Skiern und der Keramikbahn klingt etwa wie ein Flugzeug beim Abheben: Schschschuuuuuuu! Die Aufgabe ist jetzt, den genauen Punkt am Schanzentisch zu erwischen, an dem er sich mit voller Kraft in die Höhe katapultieren sollte. Danach muss er sofort in die Flugposition wechseln, mit Beinen in «V-Form». Und dann ist es wieder still. Pascal Kälin fliegt rasch den steilen Abhang entlang und landet gut 100 Meter weiter.

«Sonst kommt die Angst»

So wie die Wissenschaft, befindet sich das professionelle Skispringen in konstanter Entwicklung. Die heutige Ausrüstung ermöglicht den Athleten so weite Sprünge wie nie zuvor. So steht der jetzige Weltrekord bei 251,5 Metern. Manche Trainer arbeiten sogar gemeinsam mit Flugexperten, um ihre Schützlinge weiter und weiter zu bringen. Allerdings: Als die Zahl der Springer, die sich bei Stürzen schwer verletzt haben, anstieg, fragten sich viele: Ist dies nicht zu viel vom menschlichen Körper verlangt? Pascal Kälin meint trotzdem, dass Skispringen eine sehr sichere Sportart sei. Sollte es bei ihm zu einem Sturz kommen, hilft hier eines: «Du gehst dann so schnell wie möglich wieder rauf und springst nochmals. Sonst kommt die Angst.»

Am Ende des Trainings trifft sich das Team im Trainerraum, um die Sprünge mithilfe von Videoaufnahmen zu analysieren. Zufrieden mit seinen heutigen Resultaten gab sich Kälin nicht. Doch seit Oktober 2011 braucht es viel mehr, um seinem Optimismus Abbruch zu tun. Damals kam er vom Trainingslager nach Hause zurück, als plötzlich Vertreter der Antidoping-Schweiz vor seiner Tür standen – Überraschungstest. Einige Tage später kam die unerwartete Nachricht: Der Dopingtest war «positiv». «Ich habe aber genau gewusst, dass ich nichts genommen habe», sagt Kälin. Weitere ärztliche Untersuchungen entkräfteten die Doping-Vorwürfe, brachten aber eine andere bedrohliche Gewissheit mit sich: Das hohe Niveau an hCG-Hormon in seinem Blut bedeutete Hodenkrebs. «Die Doping-Geschichte war abgeschlossen und nichtig», erinnert er sich, «dafür aber standen drei Monate von Spitalsaufenthalten vor mir.»

Üben bis es «klickt»

Im Gegensatz zu seiner Umgebung fühlte er sich von der Diagnose wenig belastet. «Ich war überzeugt, dass alles gut wird und habe nur auf den Moment, an dem ich wieder springen kann, hingearbeitet.» Und so war es. Die damalige Wintersaison war für ihn zwar vorbei, doch nach seiner Rückkehr ging es für ihn bergauf mit mehreren guten Resultaten im internationalen Wettkampf.

Heute trainiert Pascal Kälin hart, um regelmässiger seine Höchstleistung erbringen zu können und dadurch ein fixes Mitglied im Worldcup- Team zu werden. Beim Skispringen brauche es manchmal Zeit, bis es «klickt», meint er. Bis dies gelingt, holt er seine Stärke aus jenen Momenten heraus, die ihn von seinem Weg so fest überzeugen: «Wenn du richtig gut gesprungen bist, spürst du es sofort. Dann machst du nichts anderes, als zu geniessen, dass du für
einige Sekunden in einer anderen Welt bist.» 

 

Text und Bild: Itamar Treves-Tchelet  – Kirchenbote SG, Februar 2017

 


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