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Spiritualität

«Ein gutes Kirchenlied ist ein Ohrwurm»

Oliver Wendel, Leiter der Fachstelle Popularmusik, hat für die Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau ein neues Kirchenliederbuch erarbeitet. Wie ein Kirchenlied zum Ohrwurm wird, verrät er im Interview.

Herr Wendel, welches ist Ihr Lieblingskirchenlied?
Ein eigentliches Lieblingslied habe ich nicht. Es gibt einige Kirchenlieder, die mir gefallen. Wichtig ist, dass diese eine schöne Melodie und textlich Tiefgang haben.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Aus dem Kirchengesangbuch finde ich das Lied «Lobe den Herrn» gelungen. Das wird heute noch oft gesungen. Bei den zeitgenössischen Liedern kommt mir «In Christus ist mein ganzer Halt» in den Sinn. Eine moderne Hymne, die das Geschehen rund um Kreuzigung und Auferstehung zum Inhalt hat.

Was macht ein gutes Kirchenlied aus?
Es muss aussagekräftig sein und für die Kirche passend. Das heisst, das Lied braucht eine eingängige Melodie, einen dienlichen Rhythmus, damit die Kirchgemeinde schnell mitsingen kann. Es hat sich gezeigt, dass die Lieder in der Tonlange nicht zu hoch sein dürfen, sonst können viele nicht mehr mitsingen. Ein gutes Kirchenlied ist bestenfalls ein Ohrwurm, der die Kirchenbesucher auch nach dem Gottesdienst begleitet.

Sie haben ingesamt 122 Lieder für das neue Zusatzliederbuch «Rückenwind» der Evangelischen Landeskirche Thurgau ausgesucht. Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?
Ein Team aus rund zwanzig Musikern und Theologen hat sich letztes Jahr einige Male getroffen, um die Liedervorschläge aus den Gemeinden anzusingen und zu bewerten. Zudem konnten wir auf unsere Singtaglieder zurückgreifen. Das sind 48 von der Spurgruppe Repertoire empfohlene Lieder, die wir an vier kantonalen Singtagen den Gemeinden zur Verfügung stellen konnten.

Welche Bedeutung hat der Name des neuen Gesangbuchs?
Die Idee stammt von Martin Peppers Lied «Rückenwind.» Das Singen und die Musik in der Gemeinde sollen uns neue Kraft für den Alltag geben.

Warum braucht es eigentlich dieses Zusatzliederbuch?
Das bestehende Kirchengesangbuch ist bald zwanzig Jahre alt. Darin hat es sicherlich noch immer viele zeitlose Lieder. Doch die Mitglieder in den Kirchgemeinden wollen auch Lieder singen, die moderner klingen.

Wie hören sich solche Lieder an?
Es gibt heute viele beschwingte, fröhliche Lieder mit groovigen Elementen. Aber auch moderne Hymnen und Balladen werden geschrieben.

Gibt es bei den modernen Kirchenliedern auch Trends?
Ja, lange Arrangements mit wenig Text.

Werden für Kirchensongs auch Melodien von modernen Pophits adaptiert und dazu Kirchentexte verwendet? Beispielsweise ein Kirchenliedcover von Rihannas «Umbrella»?
Das ist mir nicht bekannt. Wobei, spannend wäre es, denn Luther hat zu seiner Zeit genau das gemacht. Im Gegensatz zu heute brauchte Luther aber keinen Anwalt, der die Copyrights klärte. Dafür bedient man sich beim Schreiben der Lieder gerne typischer Akkordfolgen und Melodiebausteine aus der Popularmusik.

Warum ist es wichtig, dass in der Kirche überhaupt gesungen wird?
Das Ziel ist, dass Menschen im Gottesdienst Trost, Zuspruch und Ermutigung erfahren. Dazu möchten auch die Kirchenmusik und der Gemeindegesang beitragen. Der Gesang beinhaltet auch einen wichtigen theologischen Aspekt. Schon in den Psalmen heisst es, dass Gott im Lobpreis seiner Leute wohnt.

Das Kirchenliederbuch «Rückenwind» wird der Öffentlichkeit zum ersten Mal am Thurgauer Kirchensonntag am 11. Juni in Neukirch-Egnach präsentiert. Danach ist es im Buchhandel erhältlich.

Andreas Bättig / ref.ch / 9. Juni 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Oliver Wendel ist Leiter der Fachstelle Popularmusik der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau. Der heute 44-Jährige erhielt ab 1981 Klavierunterricht. Ab 1988 trat er als Keyboard-Spieler in lokalen Bands auf Festivals auf. In der eigenen Kirchgemeinde wurde er als Pianist und Bandleiter aktiv. Nach seinem Studium und seiner Tätigkeit als Sekundarlehrer wandte er sich ab 2005 wieder ganz der Musik zu. Heute arbeitet er neben seiner Tätigkeit als Stellenleiter auch als Musiklehrer und Musikdiakon im Kanton Thurgau.


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