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Kirche

Ninive tut Busse

Anette Spitzenberg liebt die Geschichte von Jona, dem Propheten wider Willen. Ihr Humor ist köstlich, und sie hält dem Leser, der Leserin mit einem Augenzwinkern den Spiegel vor.

Jona lässt sich nicht wie jeder anständige Prophet zur heidnischen Stadt Ninive (heute Mosul) schicken, sondern er flieht vor Gott in einem Schiff. Er tut gerade so, als wäre eine Flucht auf diese Art möglich. Das muss schief gehen und ein Sturm tobt, während Jona den Schlaf des Betäubten schläft. Geweckt von der verzweifelten Mannschaft ist ihm klar, dass der Sturm seinetwegen wütet. Nun, die sollen ihn ins Meer werfen, dann ist er den leidigen Auftrag sowieso los. Aber auch das klappt nicht, ein Walfisch kommt und rettet ihn, und Jona betet inbrünstig in den Tiefen des Walfischbauches. Er wird erhört, an Land gespukt, bekommt den Auftrag ein zweites Mal und geht tatsächlich.

«Ich vergesse, dass Gottes Erbarmen ausnahmslos allem gilt, nicht nur den Menschen, nicht nur den Christen, nicht nur den Schweizern.»

Die Leute tun Busse
Ninive soll sogar für Gott eine grosse Stadt sein. Sie ist drei Tagesreisen gross und hat 120 000 Einwohner – was die Gesamtheit der Völker symbolisiert. So verkündet Jona den Untergang der Stadt und zieht sich dann zurück, um dem Spektakel des Untergangs beizuwohnen. Doch die Leute in Ninive tun Busse, und es geschieht ihnen nichts.

Jona wird wütend
«Hab ich’s doch gleich gewusst, warum ich diesen Auftrag nicht wollte», zürnt Jona. Und nun die köstlichste Szene: Gott lässt einen Rizinusstrauch wachsen, der ihm Schatten spendet, und dann lässt er einen Wurm kommen, der ebendiesen absterben lässt und mitsamt dem heissen Wüstenwind Jona in seiner Wut arge Kopfschmerzen bereitet. Jetzt gibt Gott Jona seine und meine Lektion: «Ist es gerechtfertigt, dass du wegen des abgestorbenen Rizinusstrauchs wütend bist?», «JA!» «Und ich sollte mich nicht bekümmern um all die vielen Menschen und das Vieh?»

Teil des Ganzen sein
Ich fühle mich ertappt. Wie oft kreise ich um mein eigenes kleines Wohlbefinden, mein Ich, werde wütend, wenn etwas nicht passt, erlebe mich isoliert und vergesse, dass ich Teil bin des grossen Ganzen! Ich vergesse, dass der Schmerz anderer und mein Schmerz nicht getrennt werden können. Ich vergesse, dass Gottes Erbarmen ausnahmslos allem gilt, nicht nur den Menschen, nicht nur den Christen, nicht nur den Schweizern.

Die Liebe als grösste Kraft
Und dann danke ich Gott, dass ich Teil bin dieses wunderbaren und unergründlichen Universums, dass Gott humorvoll und augenzwinkernd auch mit mir die Geduld nicht verliert, und auch mit Ihnen nicht, liebe Leserin, lieber Leser. Notfalls wird ein Sturm, ein Walfisch, eine Riesenstadt, ein Rizinus und ein Wurm bemüht, bis wir endlich begreifen, dass Liebe und leidenschaftliches Erbarmen die grössten Kräfte des Universums sind. Um darin zu wachsen lohnt es sich zu danken, zu büssen, zu beten.

 

Text: Anette Spitzenberg, Spitalseelorgerin, St.Gallen | Bild: Daniel Stiefel  – Kirchenbote SG, September 2017

 


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