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Kultur

«Der Bettag verliert leider an Bedeutung»

36-jährig kam sie in die St. Galler Regierung. Diesen November – 17 Jahre später – soll sie den Vorsitz der kleinen Kammer in Bern übernehmen: Ständerätin Karin Keller-Sutter ist Vollblutpolitikerin.

Doch der Blick aufs Gemeinsame ist nie verloren gegangen, auch eine gewisse Demut und Dankbarkeit gegenüber der Schweiz nicht. Von ungefähr kommt dies nicht. Prägend war im Speziellen ihr Vater, das Elternhaus. 

1000 Tage Aktivdienst
In der «Ilge», einem gutbürgerlichen Restaurant in der Stadt Wil, das die Eltern von Karin Keller-Sutter führten, verkehrten Leute aus allen Schichten. Es wurde diskutiert, politisiert, mehrere Tageszeitungen standen den Gästen zur Verfügung. Die heutige Ständerätin las als Kind und Jugendliche darin, hörte den Gesprächen zu. Auch ihrem Vater. Er, der ohne Murren 1000 Aktivdiensttage leistete, liberal dachte, Gewerbler durch und durch, mit dem Staat verbunden, aber doch kritisch war. Er zeigte sich dankbar gegenüber der Schweiz, wo die Bevölkerung in Frieden und Sicherheit leben durfte. Dies sei jeweils am Bettag spürbar gewesen, so die 53-Jährige. 

Bedeutung geht verloren
«Wenn heute nach dem Sinn des Bettags gefragt würde, wüssten wohl neun von zehn Personen kaum mehr, weshalb dieser Feiertag eingerichtet wurde», vermutet die ausgebildete Übersetzerin und Konferenzdolmetscherin. «Der Bettag verliert an Bedeutung, es geht uns allen gut.Während des Dreissigjährigen Krieges (1618 bis 1648), bei drohenden Gefahren oder Naturkatastrophen hatte der Buss- und Bettag mehr Gewicht.» Der Verlust dieses Geschichtsbewusstseins (siehe auch Seite 6) bedauert die Wilerin. Der Individualismus habe im Gegenzug dazu stark zugenommen. Praktisch sämtliche Lebensformen seien möglich, egal ob jemand schwarz oder gelb, katholisch, reformiert, jüdisch oder muslimisch sei, und allen ginge es wirtschaftlich viel besser als früher. 

 «Jeder hat die Möglichkeit, einen Platz in dieser Gesellschaft zu finden. Der Staat ist bemüht, jeden durchzutragen.»

Errungenschaften der Schweiz
«Dabei wird schnell vergessen, was wir haben: Die direkte Demokratie, wo die Menschen mitbestimmen können, den Föderalismus, der auch in Europa hochaktuell ist: Nicht die Elite bestimmt, sondern die Basis.» Die Schweiz, so Keller-Sutter, böte Wohlstand, Sicherheit und Bildung. «Jeder, jede hat die Möglichkeit, einen Platz in dieser Gesellschaft zu finden. Der Staat ist bemüht, jeden durchzutragen.» Leider entstehe dabei der Eindruck, es werde Wohlfühlpolitik betrieben. «Stimmen werden laut, man vergesse, wer eigentlich die Gesellschaft trage.» Dies seien Zerrbilder. Abweichende Verhalten würden von den Medien aufgebauscht, scheinbar Gehaltvolles herausgepickt. Dann sei es wohltuend, zu wissen, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung ihrer guten Situation bewusst sei. «Und sie engagiert sich, zeigt sich solidarisch: in den Vereinen, in Serviceclubs, bei Hilfsaktionen.»

Der Blick von aussen
Diese Verbundenheit spürt die Politikerin an den Nationalfeiern, wo sie Jahr für Jahr eine Rede hält. «Der 1. August hat seit seiner Einführung 1994 als gesamtschweizerischer arbeitsfreier Tag die Rolle des Bettags übernommen.» Trotzdem hätte dieser eine Aufwertung verdient, sagt Keller-Sutter. Sie selbst stieg einst am 3. Septembersonntag in der Stadtkirche Wil auf die Kanzel und predigte. Und wer den Kirchenbesuch aus seinem Vokabular gestrichen habe, dem sei der Blick von aussen heilsam. «Wir können uns in der Schweiz frei bewegen, müssen nicht fürchten, dass uns jemand wegen einer Halskette ermordet.» Nur, unsere Werte seien zu bewahren. «Nicht, indem alles dem Staat delegiert wird, sondern indem wir einander helfen, auch im Kleinen.» Keine leeren Worte. Die Ständerätin betreut und bekocht, wenn immer möglich, eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter. 

 

Text und Foto: Katharina Meier  – Kirchenbote SG, September 2017

 

 

«Es braucht gemeinsame Werte»

Wie kommt es, dass Sie – in einem äusserst katholischen Umfeld grossgeworden – bei den Freisinnigen politisieren?
Es war die liberale Überzeugung, die Selbstbestimmung des Einzelnen, die mich zur FDP hinzogen. Das Interesse an der Aufklärung, das Gedankengut ihrer Philosophen faszinierten mich. Zudem befürwortete ich weder das Frauenbild, die ablehnende Haltung gegenüber der Fristenregelung (Schwangerschaftsabbruch) noch die Drogenpolitik der Katholischkonservativen. 

Wie begingen Sie früher den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag?

Die Erinnerung ist diffus. Als Kind ist mir aber vermittelt worden, dass dieser Tag wichtig sei, säkulärer als Weihnachten, kein Heiliger im Zentrum stehe, sondern der Staat, und wir dankbar sein müssten, dass wir hier in Frieden lebten.

Welche Bedeutung hat der Feiertag für Sie heute? 
Ich bin mir seiner Bedeutung sehr bewusst und der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist wichtig für unser Land. In einer Zeit, wo die Individualisierung dermassen zugenommen hat, müssen wir uns immer wieder überlegen, dass es jetzt erst recht ein gemeinsames Fundament braucht, wir die gemeinsamen Werte nicht vergessen dürfen. 

Zentral dabei sind für mich der Frieden, die Sicherheit, der Wohlstand und die Solidarität. (meka)


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