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Gesellschaft

Erstes Todesurteil Europas in Schaffhausen

Am 7. September startet in Neuhausen SH das Musical «Anna Göldi». Göldis Schicksal bewegt nach wie vor. Doch nicht nur der letzte, sondern auch der erste nachweisbare Hexenprozess mit Todesurteil fand in der Schweiz statt. In Schaffhausen. Und die Hexe war ein Mann.

Der Name Grosshans erscheint in den Schaffhauer Stadtrechnungen aus den Jahren 1402/1403. Darunter stehen die Ausgaben für dessen Henker. So wird ein Schiff aufgeführt für die sogenannten «Versuche». «Wahrscheinlich handelte es sich um die Wasserprobe», erklärt der Schaffhauser Stadtarchivar Peter Scheck. «Der Angeklagte wurde gefesselt ins Wasser geworfen. Schwamm er oben auf, galt dies als Beweis für Hexerei. Ging er unter und ertrank, war er unschuldig. Man glaubte damals, dass das reine Element Wasser Hexen abstossen würde.»

In der Stadtrechnung steht weiter: «Hans Eberli umb Brot, do man Grosshans vieng/umb türr Holtz zuo dem Hegsen Brand.» «Die Hexe war also sehr wahrscheinlich ein Grosshans, der in Beringen eingefangen, von den Knechten nach Schaffhausen geführt und dort gefoltert, verurteilt und verbrannt wurde», folgert Peter Scheck. «Selbst das trockene Holz für den Scheiterhaufen wurde abgerechnet.»

Viele Männer hingerichtet
Die Einträge zeugen vom ersten nachweisbaren Hexenprozess mit Todesurteil in Mitteleuropa. Die erste mitteleuropäische Hexe wurde demnach in Schaffhausen verbrannt und war ein Mann. Laut Peter Scheck war dies keine Ausnahme: «Rund ein Drittel aller als Hexen Hingerichteten waren Männer», sagt er. Man schätzt, dass 40 000 bis 50 000 Personen dem damaligen Wahn zum Opfer fielen, rund die Hälfte davon in Deutschland. «In Würzburg wurden allein zwischen 1627 und 1629 157 Menschen unterschiedlichen Alters, Standes und Geschlechts hingerichtet.»

Die Verurteilungen beriefen sich auf die durch Papst Johannes XXII. erlassene Bulle aus dem Jahr 1326, laut derer Ketzer und Zauberer durch den Tod durch das Feuer bestraft werden mussten. Und auf das Bibelwort Exodus 22,18: Maleficos non patieris vivere: Zauberer sollst du nicht am Leben lassen.

Der Historiker Peter Scheck beschäftigt sich seit zwanzig Jahren intensiv mit den Hexenprozessen. Der Hexenglaube liege gar noch nicht so lange zurück. «Die Märchen der Gebrüder Grimm waren vor zwanzig Jahren noch sehr populär», sagt er. «Und selbst meine Grossmutter aus dem Schwarzwald glaubte noch an den bösen Blick.»

Statt Juden nun die Hexen
Im Mittelalter kam der Hinweis, dass jemand eine Hexe sei, oft aus der Bevölkerung. «Es reichte, dass eine alte Frau an einem Bauernhof vorbeiging und hustete, wenn dem Bauern grade ein Ross lahmte», erzählte Scheck. Den Nährboden für das Denunziantentum sieht Scheck in den beinharten Lebensumständen und im Aberglauben der damaligen Zeit. «Die Bevölkerung litt wegen Missernten oft Hunger. Das führte zu Aufständen gegen die Obrigkeit. Die Stadträte lieferten die Sündenböcke, um den aufgebrachten Mob zu besänftigen.» Sünden habe es viele gegeben zu jener Zeit, nur musste man die Böcke dafür finden. Für diese These spreche, dass die Hexenverfolgung die Judenverfolgung nahtlos ablöste, erklärt der Stadtarchivar. So fand die letzte Judenverfolgung im Jahr 1401 statt. Das erste Todesurteil wegen Hexerei folgte im Jahr 1402.

17 Todesurteile
Wer als Hexe angeklagt wurde, hatte kaum eine Chance, der Verurteilung zu entrinnen. «Es gab nur wenige Fälle, bei denen die Frauen und Männer die Folter ohne Geständnis überstanden», sagt Scheck. Die grausame Folter richtete sie so übel zu, dass sie nur wenige Wochen überlebten.

In Schaffhausen gab es trotz dieser unrühmlichen Vorreiterrolle nur wenige Hexenprozesse. «Es kam im Hoheitsgebiet Schaffhausen ganz selten zu Anklagen», so Scheck. Bekannt sei ein Todesurteil im Klettgau im Herrschaftsgebiet der Grafen von Sulz in der Mitte des 15. Jahrhundert. 1482 liess die Stadt Schaffhausen Margreth Stöcklin hinrichten. Die meisten Urteile auf Schaffhauser Boden geschahen in Stein am Rhein, wo 17 Todesurteile zwischen 1510 und 1667 vollstreckt wurden. Auffallend sei, dass die Hexen oft in der Familie der bereits Hingerichteten gesucht wurden. «In der Regel waren die Opfer arm und randständig», erzählt Peter Scheck. Häufig waren sie betagt und von Krankheiten, Behinderungen und Verletzungen gezeichnet.

Ein allmähliches Ende nahm der Spuk im frühen 18. Jahrhundert mit der Aufklärung. Für Anna Göldi kamen die rationalen Erklärungen allerdings zu spät. Sie wurde 1782 als Opfer eines Prozesses mit falschen Anschuldigungen und Folter enthauptet. Die Schweizerische Anna-Göldi-Stiftung pflegt das Andenken an Göldi und setzt sich für Randständige, Minderheiten und Opfer von Willkür ein. Am 20. August öffnete das neu erbaute Anna-Göldi-Museum im historischen Hänggiturm in Glarus/Ennenda seine Pforten.

Adriana Schneider, kirchenbote-online, 28. August 2017

annagoeldi-musical.ch


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