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Gesellschaft

«Für Erschöpfung habe ich keine Zeit»

Bondo ist verwüstet, die Einwohner wissen nicht, was die nächsten Stunden und Tage bringen. Simona Rauch ist reformierte Pfarrerin im Bergell. Die 46-Jährige stammt selber aus dem Tal. Die Naturkatastrophe geht ihr darum besonders nahe. Als Pfarrerin versucht sie, im Chaos etwas Stabilität zu vermitteln, und hört den Menschen zu.

Frau Rauch, sind viele Ihrer Gemeindemitglieder betroffen von der Naturkatastrophe in Bondo?
Alle sind betroffen, wir leben hier sehr nah beieinander, jeder kennt jeden.

Wohnen noch Menschen in Bondo?
Nein, das ganze Dorf ist evakuiert. Am Anfang sind die Leute einfach weggerannt, um aus dem Dorf zu kommen. Jetzt ist ihr Dorf nicht mehr da. Viele sind bei Familienmitgliedern oder Freunden untergekommen. Das ehemalige Hotel Helvetia in Vicosoprano hat Wohnungen für ältere Menschen und Familien zur Verfügung gestellt. Inzwischen leben die Einwohner von Bondo über das ganze Tal verstreut. Das macht es schwierig, sie aufzufinden, und zudem sind ja auch noch wichtige Strassen gesperrt.

Hat sich die Lage inzwischen etwas beruhigt?
Am Samstag konnten wir tatsächlich ein bisschen aufatmen. Am Freitag standen wir alle noch unter dem Schock des zweiten grossen Murgangs. Das Problem ist die Ungewissheit: Die Situation kann sich jeden Moment ändern. Niemand weiss, was die nächste halbe Stunde bringen wird. Wir stecken noch mittendrin.

Wie geht es den Menschen aus Bondo?
Es herrscht ein grosses Gefühlschaos. Trauer, Sorge, Angst vor neuen Katastrophen.

Was tun Sie, um die Menschen zu unterstützen?
Viel kann man noch nicht tun. Ich versuche einfach, so gut wie möglich meine Arbeit zu machen. Die Umstände haben sich geändert, aber der Auftrag ist der gleiche: Bei den Menschen zu sein, ihre Geschichten zu hören. Wenn sie überhaupt eine Sprache finden für das, was ihnen passiert ist. Oft gelingt es ihnen noch nicht. Ich suche dann mit ihnen nach Worten für das Unsagbare. Und nach Worten, die ein bisschen Stabilität vermitteln. Worte, die bleiben, auch wenn die Berge einstürzen.

Was für Fragen stellen sich diese Menschen?
Es ist viel zu früh, sich Fragen über eine längerfristige Zukunft zu stellen. Im Moment geht es um ganz konkrete Dinge: Was mache ich heute, was mache ich morgen, wann kann ich in mein Haus, um meine Sachen zu holen?

Wie gehen Sie persönlich mit dieser Belastung um?
Auf der einen Seite geht es mir sehr nahe. Nicht nur weil es meine Gemeinde betrifft, sondern weil es mein Tal ist. Ich stamme von hier und meine Eltern verbringen einen grossen Teil des Jahres im Haus meiner Grossmutter in Bondo. Auf der anderen Seite muss ich als Pfarrerin eine gewisse Distanz behalten, um meine Arbeit machen zu können. Ich mache weiter. Für Erschöpfung habe ich gar keine Zeit.

Was können wir hier in der Deutschschweiz für Sie tun?
Wir sind sehr dankbar für die vielen Zeichen der Anteilnahme und der Solidarität, die wir von aussen erhalten. Aber im Moment ist es noch zu früh, um irgendetwas Konkretes zu planen oder zu organisieren. Was ihr tun könnt: In Gebeten und Gedanken bei uns bleiben.

Marianne Weymann, kirchenbote-online, 4. September 2017


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