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Gesellschaft

Das Zwingli Denkmal – ein anderer Blick darauf

Mit der Zwingli-Statue wurde das Reformierte demonstriert. Doch nicht nur. Und ein Teil des Bildes, das wir vom Denkmal machen, ist falsch.

Wenn wir vor dem Zwingli-Denkmal in Zürich stehen, werfen wir einen dreistufigen Blick in die Vergangenheit. Zuerst blicken wir ins 19. Jahrhundert. Damals wurde das Denkmal konzipiert, ausgeführt und aufgestellt. Man kann vermuten, dass die damals nach Zürich strömenden katholischen Innerschweizer in der bisher rein reformierten Stadt das Bedürfnis geweckt haben, mit der Zwingli-Statue das Reformierte zu demonstrieren.

Populäres Bild ist falsch
In einem zweiten Schritt fällt auf, was Menschen heute angesichts der Statue unwillkürlich denken. Das Schwert scheint auf Krieg und Gewalt hinzudeuten, das Buch auf Gesetz, Ordnung und Besserwisserei. Ich denke, dass dieses populäre Bild ganz falsch ist.

Blick zurück in eine andere Welt
Erst ein dritter Blick führt bis zur Reformation zurück, von der uns heute 500 Jahre trennen. Dieser Blick reicht zurück in eine andere Welt, über die wir uns zuerst informieren müssten, um sie zu verstehen. Dabei haben wir uns grossen Unterschieden zum gewohnten Denken zu stellen. Die damalige Kirche wurde von Zwingli nicht nur abgelehnt, sie wurde in Zürich ganz einfach abgeschafft. Luther bekämpfte Zwingli als «Erzketzer», die Täufer haben ihn als «Antichrist» beschimpft – wie soll man das harmonisieren? Wenn wir unparteiisch und unvoreingenommen bleiben, können wir die Differenzen gelassen betrachten und als Reichtum entdecken und erleben.

Lehren ist nicht nur Wissensvermittlung
Ich habe vor Jahren eine Figur des buddhistischen Bodisattvas Manjusri gekauft. Dieser hat zwei Attribute: Ein Schwert zur Vertreibung des Unwissens und ein Buch zur Verbreitung des Wissens. Es scheint mir sinnvoll, mit diesem weit hergeholten Bild einen neuen Blick auf Zwingli zu werfen. Denn er nannte seine Predigt nicht Bekennen (wie Luther) und nicht Verkündigung (wie die Theologie), sondern «lehren», nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch Lebenslehre.

«Die damalige Kirche wurde von Zwingli nicht nur abgelehnt, sie wurde in Zürich ganz einfach abgeschafft.» 

Leer und bescheiden
In diesem Kirchenboten (sehen Sie auch E-Paper) finden Sie nebenan einen kurzen Auszug aus einem Buch Zwinglis abgedruckt («Im Glauben ist Gott da»). Wenn Sie diesen Text genau lesen und etwas Ahnung von reformierter Theologie haben, kann es Ihnen auffallen, dass etwas fehlt, was Luther von höchster Bedeutung war und in der Theologie noch heute als zentral gilt: die Rechtfertigung aus Glauben. Zwinglis Glaube dagegen hat gewissermassen keinen Inhalt – er ist nur «das feste und wesentliche Vertrauen» auf die «Gottheit». Auch diese Bezeichnung für Gott kann auffallen: Sie wirkt seltsam leer. Denn, so Zwinglis Überzeugung: Gott ist im Himmel, und nichts auf Erden kann ihn abbilden. Darum wollte er in den Kirchen keine Hostie, keine Kreuze und keine Bilder, die man als Heiliges anbetet. Die reformierten Kirchen waren leer und nur bescheiden ausgeschmückt. 

Eine Anmerkung
(Eine Anmerkung: Religionsphänomenologisch entsprechen die reformierten Kirchen dem Typus, den die Juden mit der Synagoge entwickelt haben – ich habe in Zwinglis Schriften bis jetzt keine negative Aussage über die Juden gefunden, dafür einiges Positive – und dem auch die Moschee des Islams entspricht – auch hier bin ich bei Zwingli, was den Islam betrifft, nur einem positiven Zitat begegnet. Diese Offenheit Zwinglis wird im Allgemeinen wenig oder kaum bemerkt.) 

Die anwesenden Armen
Zwingli hatte einen zweiten Grund zur Entfernung der «Bilder», der auch seine Auffassung des Abendmahls betrifft, nämlich die Ablehnung jeglicher Form von «Wandlung», ob real oder geglaubt: Die Bilder des Christus in der Kirche sind die anwesenden Armen, d.h. die gewöhnlichen Leute.

«Wir müssen mit Überraschungen rechnen, wenn wir Zwinglis Theologie verstehen wollen.» 

Daraus ergeben sich zwanglos und nicht als moralisches Anhängsel die soziale Dimension von Zwinglis Theologie – es wurde eine geregelte Armenunterstützung, ein Sozialstaat eingerichtet –, ebenso die politischen Postulate wie Entschuldung der Bauern und das Ideal der Demokratie.

 

Kehren wir zum Denkmal zurück. Es erinnert uns an die Figur, zeigt aber nicht, was die Person gedacht hat. Zwingli hat einmal geschrieben, er habe die glückliche Gabe, durch gedankliche Arbeit etwas ganz neu zu denken «wie nie zuvor». Wir müssen mit Überraschungen rechnen, wenn wir seine Theologie verstehen wollen.

 

Text: Samuel Waldburger, Psychoanalytiker, reformierter Theologe | Bild: dreamstime.com – Kirchenbote SG, Januar 2018

 


KIRCHENBOTE E-PAPER

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