der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St.Gallen |
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Ausgabe 05/2013 Diese Ausgabe als PDF |
Vom Zustand des Menschen – Zugänge zur Idee der ErbsündeObwohl heutzutage in der Theologie das Wort «Erbsünde» kaum noch verwendet wird, geistert es dennoch in den Köpfen vieler Menschen herum. Es ist mit negativen Vorstellungen behaftet, die den Zugang zu dem verstellen, was es an Wichtigem und Unaufgebbarem zu sagen hätte.
Das menschliche Genom ist mittlerweile fast vollständig entziffert. 99 Prozent der chemischen Buchstaben im menschlichen Erbgut gelten als identifiziert. In die Forschungsergebnisse der Genanalyse werden grosse Hoffnungen gesetzt; sie sollen den genetischen Ursprung von Krankheiten lokalisieren und spezifische Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen. Unter anderem werden so verschiedenartige Erkrankungen wie Alzheimer, Schizophrenie, grauer Star, Parkinson, Krebs oder Hämophilie (die Bluterkrankheit) genannt. Die Erbsünde wird nie genannt. Weshalb? Gehört die der Erbsünde zu Grunde liegende defekte Gensequenz vielleicht zu dem einen noch nicht entschlüsselten Prozent des menschlichen Erbguts? Oder hat die Pharmaindustrie noch keine Millionen gesprochen zur wissenschaftlichen Erforschung der Erbsünde? Oder ist die Erbsünde trotz ihres Namens keine Erb-Krankheit? Oder etwa nicht einmal eine Krankheit? Oder fehlt ihr gar jegliche genetische Basis? ErbstückDie Vorstellung von der Erbsünde ist zunächst einmal ein Erbstück in unserer christlichen Tradition. Auch wenn wir die Idee von der Erbsünde möglicherweise für überholt oder kurios ansehen, kann sie doch zumindest historische Neugier wecken: Welche Fragen beschäftigten die Menschen früher, auf die sie mit der Idee von der Erbsünde antworten konnten? Von wem wurde uns dieses Erbstück vererbt? Hier ist vor allem ein Name zu nennen: Aurelius Augustinus, geboren 354, gestorben 430 als Bischof von Hippo Regius im heutigen Algerien. Im Römerbrief stiess er auf Vers 12 im fünften Kapitel und las die Stelle folgendermassen: «Deshalb, wie durch einen Menschen (Adam) die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen. In ihm (Adam) haben alle gesündigt.» Augustin fasste dies so auf, als wären im Stammvater Adam gewissermassen alle Menschen aller zukünftigen Generationen enthalten gewesen und als werde deshalb Adams Sünde allen Menschen zugerechnet. Die Sünde sei durch das Begehren (der verbotenen Frucht im Paradiesgarten) in die Welt gekommen, und sie werde im Begehren (im Geschlechtsakt) von Generation zu Generation weitergegeben.
ErhaltenswertesSo fremd uns diese Vorstellung heute anmuten mag, so enthält sie theologisch doch manches, das nicht unbesehen auf den Scheiterhaufen der Geschichte geworfen werden sollte. Getrost verzichten können wir auf die Leib- oder Sexualfeindlichkeit (die Übertragung der Sünde im Geschlechtsakt) und die Frauenfeindlichkeit (Adam wurde durch Eva zum Genuss der verbotenen Frucht verleitet), die zur Wirkungsgeschichte der augustinischen Vorstellung von der Erbsünde gehören. Wenn wir bei dem überlieferten Erbstück der Erbsündenvorstellung diese Patina entfernen, die es im Laufe der Jahrhunderte angesetzt hat, dann kommt darunter etwas zum Vorschein, das durchaus wert ist, gepflegt und erhalten zu werden. Erstens: Zwar können wir Augustins Vorstellung, die Sünde werde im Geschlechtsakt auf den neu entstehenden Menschen übertragen, nicht nachvollziehen – aber die sich aus Augustins Idee ergebende Konsequenz ist auch für uns bedeutungsvoll: Kein Zeitpunkt unseres Lebens, an welchem wir von uns behaupten könnten, frei von Sünde gewesen zu sein. Wir brauchen nicht darüber nachzugrübeln, wann wir die angebliche «kindliche Unschuld» verloren haben könnten; im Sinne von «Sündlosigkeit» haben wir sie gar nie besessen. Und zweitens: Auch wenn wir die Erzählung von Adam und Eva im Paradiesgarten nicht als historischen Tatsachenbericht lesen, sondern symbolisch interpretieren, hat die Vorstellung der Abstammung aller Menschen von einem Urelternpaar Folgen: Kein Mensch dieser Erde, der von sich behaupten könnte, ohne Sünde zu sein.
Mensch ohneDas mittelhochdeutsche Wort «sunder» gehört zwar nicht zur – bislang ungeklärten – Herkunftsgeschichte des Wortes «Sünde». Dennoch lässt sich von diesem Wort eine Brücke schlagen zum Verständnis dessen, was mit Sünde gemeint ist. Im «Mittelhochdeutschen Taschenwörterbuch» lautet der Eintrag zum Wort «sunder»: «abgesondert, allein stehend, einsam, besonders, ohne». Das führt sehr nahe an das heran, was den Zustand des Menschen unter der Sünde ausmacht. Denn anders als die augustinische Vorstellung der Übertragung der Erbsünde suggeriert, handelt es sich bei der Sünde nicht um «etwas». Sie ist vielmehr, in den Worten des Schweizer Theologen Karl Barth, «das Nichtige». Das bedeutet nicht, dass sie nichts wäre, inexistent und damit belanglos. Aber sie ist nicht in sich selbst «etwas», sondern sie ist nur Verneinung von etwas. Ihr einziges Dasein ist die Negation. Der Mensch in der Sünde, das ist «der Mensch ohne»: ohne Gottesnähe, ohne Gottvertrauen, ohne Gnade, ohne Hoffnung. Ein solcher Mensch ist, wie es im Lexikon heisst, «abgesondert, allein stehend, einsam», auch wenn er von vielen Menschen umgeben ist, und auch wenn er sich nicht einsam zu fühlen braucht. «Ein solcher Mensch»: Nach dem im vorigen Abschnitt Gesagten sind wir das alle, von Anfang an.
Pessimistisch?Diese Behauptungen klingen für viele Ohren nach einem unerträglichen Pessimismus. Aber die theologische Intention der Vorstellung von der Erbsünde ist eine ganz andere: Wenn erstens die Aussage zutrifft, dass wir zu keinem Zeitpunkt unseres irdischen Daseins (nicht einmal als befruchtete Eizelle im Leib unserer Mutter) frei von Sünde waren, dann kann uns diese Sünde auch nicht zum Vorwurf gemacht werden. Es trifft uns keine moralische Schuld, denn moralisch schuldig machen können sich nur verantwortliche, zurechnungsfähige Personen. Wie entlastend! «Sünde» ist nicht einfach ein anderer Name für moralisch verfehlte Handlungen. Und mehr noch: Mit «Sünde» kann zunächst überhaupt keine Handlung gemeint sein, wenn schon das ungeborene Leben mit der Sünde in Verbindung gebracht wird. «Sünde» ist nicht das Gegenteil von Wohlanständigkeit oder Tugendhaftigkeit; der Gegenbegriff zu «Sünde» ist «Glaube», verstanden als «Leben invertrauensvoller Beziehung zu Gott». Damit ist etwas ganz Grundlegendes gemeint. Und so spricht die Theologie in diesem Zusammenhang denn auch von «Grundsünde» oder «Ursünde» als dem Zustand fundamentaler Entfremdung von Gott, der allen einzelnen sündhaften Handlungen («Aktsünden») zu Grunde liegt. Wenn zweitens die Aussage richtig ist, dass kein Mensch von sich behaupten kann, ohne Sünde zu sein, dann brauchen wir die Sünde nicht nur bei andern zu suchen. Wir können uns auch die Unterscheidung in «bessere» und «schlechtere» Menschen ersparen. Nicht weil alle Menschen «schlecht» wären, sondern vielmehr, weil ausnahmslos jeder Mensch darauf angewiesen ist, dass Gott einen Beitrag leistet zur Wiederherstellung der Beziehung zwischen Gott und Mensch.
Halb so schlimmUnd das ist ja nichts Schlimmes. Es gibt nur zwei Konstellationen, unter denen diese Ausgangslage als «schlimm» erscheinen könnte: Sie muss demjenigen Menschen unangenehm sein, der glaubt, alles aus eigener Kraft sein und leisten zu können oder zu müssen. Diese Haltung vergiftet zwischenmenschliche Beziehungen und sie vergiftet auch die Beziehung zu Gott: Sie ist gerade das, was mit «Sünde» gemeint ist. Schlimm wäre diese Ausgangslage auch dann, wenn der Angewiesenheit auf Gottes Hilfe keine Hilfe Gottes entspräche. Das wäre schrecklich! Das wäre Verlorenheit! Wäre! Denn Ostern ist das Ereignis, das die Verlorenheit des Menschen in den Konjunktiv setzt. Karin Scheiber, Theologin, St.Gallen |
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