der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St.Gallen |
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Ausgabe 05/2013 Diese Ausgabe als PDF |
«Als ich das erste Lächeln meiner Tochter sah» – Die Meldestelle für Glücksmomente
von Daniel Klingenberg, St.Gallen Jedes Mal, wenn sie seit dem Abschluss ihres Praktikums zu Besuch kommt, steht ihre Mutter nämlich am Morgen extra früh auf – um einen Aprikosenfladen für Mark Riklin zu backen; den diese ganze Geschichte bei jeder Episode wieder Glücksmomente erleben lässt. Um eine solche Aufmerksamkeit auszeichnen zu können, ist Riklin darauf gekommen, eine Urkunde auszustellen. Eine Urkunde für «Stimmungsmacherei im Alltag», für die wiederholte «Glücksverbreitung» der kleinen Art. Auf ihr steht, die Aprikosenfladenbäckerin habe «heute zum wiederholten Male unaufgefordert auf selbstverständlichste Art und Weise frühmorgens einen wohl duftenden Aprikosenfladen gebacken und sogleich verschenkt».
Heiterer Ernst statt ProblemfixierungDas ist eine der Tätigkeiten der «angewandten Glückswissenschaft», die Riklin zusammen mit Noël, Joanna, Luisa, Axel und Ristinoph vom Haus des Lernens entwickelt hat. Was soll das sein, «angewandte Glückswissenschaft»? Scherz oder Ernst? Durchaus Ernst, und durchaus heiterer Ernst. «Für unzählige Schwierigkeiten im Leben gibt es eine Meldestelle …, auch die ganz andere Lebenserfahrung, nämlich erfahrenes Glück, sollte gesammelt werden!»Am Anfang stand ein Glücksmoment Riklins: Am Strand von Apulien las der 38-jährige Soziologe und Lehrer im Sommer 2002 ein Interview mit dem ungarischen Glücksforscher Mihaly Csikszentmihaly. Darin war die Rede vom berauschenden Gefühl, das Menschen überkommt, wenn sie tiefes Glück empfinden. Unsere Gesellschaft aber orientiere sich eher an den Problemen, die auftreten. Entsprechend gebe es für unzählige Schwierigkeiten im Leben eine «Meldestelle». Einen Ort, wo man sich im Bedarfsfall hinwenden kann: unsere Gesellschaft, eine grosse Problemerfassungsmaschinerie. Riklin erkannte: Auch die ganz andere Lebenserfahrung, nämlich erfahrenes Glück, sollte gesammelt werden! Hinausgehen, fragen,
reden, schenken!
Dabei war ihm von Anfang an klar: Glück und Glücksmomente können nur durch aufsuchende Arbeit und Aktionen gesammelt werden. Oder, wie es Riklin auch sagt: Die Menschen rennen einem nicht die Türe mit Glücksmeldungen ein. Das heisst: Die Initiative lag bei ihm und seinem Team. Anfang 2003 eröffnete er eine Meldestelle für Glücksmomente auf dem Internet. Gleichzeitig begann er mit den jugendlichen Mitarbeitern an diesem Thema zu arbeiten. Ein erstes Projekt war das Klassenlager «Expedition Fortuna» in Balsthal. Weil an diesem Ort das Glück – fiktiv – verloren ging, war es die Aufgabe der Schüler, dieses zurückzubringen. Sie fragten die Leute auf der Strasse: «Was für Glück haben Sie erlebt?» Die Leute hätten unterschiedlich reagiert. Einige mit spontanen Antworten, andere ganz verdutzt. Jemand habe gefragt, ob sie von einer Sekte seien. Oder die Jugendlichen fragten: «Durch was kann ich Sie glücklich machen?» Eine ältere Frau bat sie, auf ihre Tasche aufzupassen, während sie einkaufen ging. Das Lager begeisterte die Schüler – vielleicht besser: machte sie glücklich –, das Thema liess sie nicht mehr los. Der Glücksfunke war gesprungen, die angewandte Glückswissenschaft gegründet. Das führte zunächst zur Eröffnung von weiteren Meldestellen für Glücksmomente in Speicher, Flawil und Herisau. Zugleich fanden sie in einem Appenzellerhaus in Herisaus Zentrum am Spittel 3 einen Ort für ihre Tätigkeit. Dort wird die Organisation der Weiterverbreitung der Glücksmeldungen geplant. Die Glücksmomente sollen in einer anonymisierten Form wieder in Zirkulation gebracht werden. So dass sie andere Leute glücklich machen – denn «in fremdem Glück schnuppern tut gut», sagt Riklin. Die Rosenverweigerer
Um dies zu erreichen, entwickelten die angewandten Glückswissenschaftler eine Reihe von Glücksaktionen. Zum Beispiel den «Zug ins Glück», eine Fahrt mit der Trogenerbahn von St.Gallen nach Trogen und zurück. Unterwegs wurden von den Fahrgästen Glücksmomente aufgenommen und mit einer Schreibmaschine aufgeschrieben. Gleichzeitig verteilte ein Jugendlicher – der Rosenkavalier – den Fahrgästen Rosen – als glücklich machende Aufmerksamkeit. Ein anderer verteilte «Glücksproben»: Das sind in der Meldestelle eingegangene Glücksmomente, anonymisiert aufgeschrieben auf einen Streifen Papier. Zum Beispiel: «Als ich ohne Stützräder Fahrrad fahren konnte»; oder: «Als ich das erste Lächeln meiner Tochter sah»; oder auch: «Als ich denen verzeihen konnte, die mich in der 4. Primarklasse ausgestossen hatten». Auch hier haben die Jugendlichen unterschiedliche Reaktionen wahrgenommen: von den «Rosenverweigerern» bis zu den Menschen, die auf ihre Frage nach Glücksmomenten spontan und initiativ reagiert haben. Findet s Glück eim?
Zurzeit befinde sich die Gruppe in einer Umbruchphase, sagt
Riklin. Die Meldestelle wurde vom Schulunterricht entkoppelt, Jugendliche kommen
und gehen, die Homepage von Noel (www.gluecksmoment.ch.vu) entsteht nach und
nach. Er sieht einen solchen «work in progress» als sinnvoll an. Er
unterscheidet mehrere Ebenen im ganzen Projekt: Da ist die individuelle Ebene,
die bei jedem der Gruppe und von den «angewandten Glückswissenschaften»
angesteckten Menschen eine Orientierung zum Gelingenden, zur Ressource auslöst.
Das erfahrene Glück darf festgestellt und aufgeschrieben werden – allein das
sei ein seltener Vorgang. Ihm falle auf, dass Ereignisse – sei es in der
Familie, Schule oder Gesellschaft – oftmals durch das Negative beschrieben
würden. Warum nicht die Beschreibung des Positiven wagen? Ohne natürlich
deswegen Schwierigkeiten zu verdrängen. «Die Glücksmomente sollen … wieder in Zirkulation gebracht werden. So dass sie andere Leute glücklich machen – denn in fremdem Glück schnuppern tut gut.»Als Zweites sieht er eine pädagogische Ebene. Die Jugendlichen werden durch ein solches Projekt gefordert und gefördert. Sie kommen in neue Rollen (zum Beispiel bei Strassenumfragen), und sie können vorhandene Kompetenzen einsetzen (zum Beispiel im Computerbereich). Als dritte Ebene sieht Riklin das Projekt als «gesellschaftliche» Arbeit: Wenn Menschen mit der Tätigkeit der angewandten Glückswissenschaft in Berührung kommen, kann dies bei ihnen einen ebensolchen Impuls auslösen wie bei den Jugendlichen damals im Lager. Beleg dafür sind ihm Meldungen von Glücksmomenten, in denen Menschen in «Kürzestgeschichten berührende Einblicke in ihr Leben geben und dadurch jedem Lesenden ein Fenster in eine fantastische Welt öffnen». Sie befinden sich damit in prominenter Gesellschaft. Schliesslich raunte den ganzen Sommer durch Kuno Lauener von Züri West in sämtlichen Radiostationen: «Findet s Glück eim?» Daniel Klingenberg, St.Gallen |
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