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 Ausgabe 05/2013 
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Ein Laie mit Utopien

Schon zwei Mal hat sich der Ökologe Karl Brunner in der Kirchgemeindeversammlung von St.Gallen Tablat zu Wort gemeldet. Es sei an der Zeit, dass sich die Kirchen das Gebot der Nächstenliebe zu Herzen nähmen. Denn das zentrale Gebot Jesu habe die Kraft in sich, die aus den Fugen geratende Welt zu heilen.

Der Vorbildcharakter des Lebens Jesu ist für Karl Brunner nicht nur eine persönliche Motivation. In der Nächstenliebe, dem Kern der christlichen Botschaft, sieht er ein Heilmittel für Nöte unserer Kirche wie auch globaler Konflikte. Er möchte darum auch andere Leute motivieren, sich damit auseinander zu setzen, wie das Gebot der Nächstenliebe in unserer Gesellschaft stärker beachtet werden kann. Denn nur dann könne es gelingen, der Utopie für eine Gesellschaft mit weniger Brutalisierungstendenzen und mit mehr Zuversicht Gestalt zu geben.

Um in sein Anliegen auch andere Laien einzubeziehen, will Karl Brunner die Thematik erneut an einer Kirchgemeindeversammlung zur Sprache bringen und folgenden Antrag unterbreiten:«Die Kantonalkirche möge prüfen, ob der folgende Artikel in die Verordnung der Kantonalkirche, z.B. unter Art. 88 als Absatz 2, aufgenommen werden könne: Das Gebot der Nächstenliebe sei in der Regel oder in Zweifelsfällen in der Beziehung zwischen Menschen als gewichtiger einzustufen als andere Gebote des Alten und des Neuen Testamentes.»

Karl Brunners Vorhaben hat bereits Kontroversen ausgelöst. Dafür hat er Verständnis, ja betrachtet sie als wertvoll. Im vergangenen Jahr hat es die Tablater Kirchenvorsteherschaft nämlich abgelehnt, seinen Antrag zu traktandieren – mit der Begründung, dass in der Präambel der Kirchenverfassung (1. Kor. 3, 11) das Anliegen an prominenter Stelle angesprochen sei und die Nächstenliebe, welche Gott ins Herz lege (Jer. 31, 33) und darüber Menschen nicht zu richten hätten, in die persönliche Verantwortung, nicht in eine Verordnung gehöre.

Ökumenische Biographie

Karl Brunner lebt in einer ökumenischen Ehe. Sein Sohn wurde katholisch, seine Tochter evangelisch erzogen. So besuchte die Familie katholische und evangelische Gottesdienste. Als vor 20 Jahren eine Verlautbarung des Vatikans den Reformierten die Teilnahme an der Eucharistie absprach, empfand er dies wie einen Bruch durch die Familie. Wichtig und heilsam wurde für ihn die wunderbare Erfahrung, im Feiern der Kommunion oder des Abendmahles sich mit den Feiernden und mit Jesus verbunden zu fühlen, unabhängig davon, ob die Oblate, das Brot oder der Kelch entgegengenommen wurde.

Jesu globale Ethik

Diese Erfahrung hat wohl dazu beigetragen, dass Karl Brunner 1988 das Präsidium der Kirchgemeinde St.Gallen Tablat als Quereinsteiger übernehmen konnte. Gleichzeitig war er auch im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Umwelt (OeKU) aktiv. Damals war er beruflich als Chemiker beim Amt für Umweltschutz tätig und konnte darum in die OeKU wichtige Impulse für die Umsetzung des Umweltschutzes in Kirchgemeinden einbringen, vor allem was das Energiesparen betrifft. Bis heute fühlt sich der inzwischen selbständige Ökologe dem ökumenischen Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (GFS) verbunden. Angesichts der weltweit zunehmenden Spannungen wünscht er für die Kirchen und für alle Menschen guten Willens, dass sie sich mit dem Gebot der Nächstenliebe neu auseinander setzen. Unter anderem erhofft sich Karl Brunner auch im Kirchenboten eine Diskussion darüber, wie die Botschaft der Nächstenliebe in Kirche und Gesellschaft vermehrt zur Geltung kommen kann.

Andreas Schwendener

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