der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St.Gallen |
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Ausgabe 05/2013 Diese Ausgabe als PDF |
Die Evolution der Schöpfung – Oswald Heer und Charles DarwinIm selben Jahr 1809 wie Darwin ist am 31. August in Niederuzwil der spätere Naturforscher Oswald Heer geboren. Im Unterschied zu Charles Darwin hat er die Evolution der Schöpfung auf das Wirken der göttlichen Ideen zurückgeführt. Im 19. Jahrhundert entdeckte und erforschte man neue Erdschichten, welche unbekannte Knochen und Fossilien hervorbrachten. Auch die Pfahlbauer waren damals als die ersten Bewohner der Schweiz identifiziert worden. Von den Dinosauriern wusste man vorher noch nichts; und die ersten Mammutknochen hielt man für Reliquien des heiligen Christophorus, der ein Riese gewesen sein soll. Selbst das Skelett des in Öhningen am Bodensee entdeckten Riesensalamanders Andrias Scheuchzeri wurde zuerst noch für Knochenteile vom Bein eines in der Sintflut ertrunkenen Urmenschen oder für einen Fisch gehalten.
Vom Ursprung der ArtenNachdem die ersten Forscher ihre Funde durch ihre Bibelkenntnisse erklärt hatten, suchten die nachfolgenden Geologen aus den sichtbaren Objekten der Schöpfung herauszufinden, wie sich die Welt bis zur Jetztzeit entwickelt und verändert habe. Dazu untersuchte man alle greifbaren Schichten, welche sich von der gegenwärtigen Erdoberfläche unterscheiden und von früheren Zeitaltern erzählen. Bald fand man heraus, dass es vor der uns bekannten Welt noch ganz andere, weit zurückliegende Zeitalter gegeben hatte. Daher müsse auch die Erde sehr viel älter sein als die bisher angenommenen 6000 Jahre, welche man sich aus der Schöpfungswoche und dem Hinweis, für Gott sei ein Tag wie tausend Jahre, theologisch errechnet hatte. Der Schotte Charles Lyell (1797–1875) eröffnete mit dieser Einsicht das Rennen um die Frage nach dem Ursprung der Welt und der auf ihr lebenden Arten. Zunächst glaubte man mit Georges Cuvier (1769–1832), dass nach jedem Zeitalter, etwa nach der Eiszeit, die alte Naturwelt untergegangen wäre und wieder eine vollkommen neue Schöpfung entstanden wäre. Charles Darwin stellte mit seinem vor 150 Jahren erschienenen Hauptwerk vom «Ursprung der Arten» die Theorie auf, dass alle Formen des Lebens, inklusive diejenige des Menschen, direkt miteinander verbunden seien und von einem gemeinsamen Ursprung her kämen. Diese Erkenntnis hatten andere vor ihm, doch Darwin hat mit den beiden Stichworten «Zufall» und «Selektion» als erster eine Erklärung für die natürliche Entstehung der Arten geliefert. Ein Schöpfergott hatte in dieser Erklärung keinen Platz mehr.
Oswald Heer, ein Zeitgenosse DarwinsAus einer alten Glarner Pfarrersfamilie stammend, nahm sich auch der am 31. August 1809 im alten Pfarrhaus von Niederuzwil geborene Oswald Heer dieser bis heute noch nicht befriedigend gelösten Thematik vom Ursprung und den Umwandlungen des Lebens an. Seine Liebe galt früh den Pflanzen und Insekten, welche er sowohl als Kind wie auch als Theologiestudent an der Universität Halle eifrig sammelte und einordnete. Ein Kommilitone meinte dazu, dass Heers Studentenbude eher wie Fausts Hexenküche aussähe als wie die Wohnstätte eines frommen Pfarrers. Heer bestand zwar die Theologieprüfung in St.Gallen, ging dann aber nach Zürich, wo er an der frisch gegründeten Universität Professor für Biologie und Insektenkunde wurde. Nach den lebenden Pflanzen und Tieren wurde die Erforschung der fossilen Pflanzen zu Oswald Heers eigentlicher Spezialität. So entdeckte er, dass die Fossilien aus dem hohen Norden von Island bis zum Pol denjenigen Typen glichen, welche sich noch heute in Japan oder Nordamerika vorfinden. Ganze Vegetationen waren also strahlenförmig gewandert und hatten einen gemeinsamen Ursprung, den Heer zuerst mit der Existenz eines verbindenden Kontinents, des untergegangenen Atlantis, deutete. Erstaunlich ist auch, dass die Pflanzen oberhalb der Schneegrenze in den Alpen überall dieselben seien, während es in den Tälern verschiedener Länder unterschiedliche Arten zu finden gibt. Auf den Bergeshöhen und Gipfeln haben sich offenbar die Reste einer älteren Vegetation erhalten, welche die letzte Eiszeit überstanden hatten. Solche pflanzengeografischen Feststellungen ermöglichten Heer Rückschlüsse auf das Klima früherer Zeitalter. So muss es zur Zeit des Miozän in den Ländern vor dem Nordpol viel wärmer gewesen sein, da die dort gefundenen Fossilien mit den tropischen Pflanzen unserer Zeit verwandt sind. Tatsächlich hatte es in einem einst tropischen Europa bis in den hohen Norden hinauf Wälder gegeben und an den Ufern des Sees bei Lausanne sonnten sich Krokodile. Oswald Heer, der nach seiner Kindheit im Untertoggenburg mit seinem Vater, dem Pfarrer und Reformpädagogen Jakob Heer, und der bald darauf früh verstorbenen Mutter zuerst nach Glarus und dann ins Sernftal nach Matt gekommen war, verlebte eine Jugendzeit mit den Alpen vor seinen Augen. In Niederuzwil beleuchteten die Sonnenstrahlen jeden Tag den Säntis, im Kleintal von Glarus waren es dann nur noch wenige Schritte bis in die Berge. Ihm wuchs die alpine Natur so sehr ans Herz, dass er beschloss, Gott auf diesem Wege Ehre zu bereiten. Seine Entscheidung, anstatt Pfarrer Naturforscher zu werden, war keine Abkehr von der Religion, sondern eine Vertiefung in dieselbe. Denn er war nach einem alten Spruch Francis Bacons der Überzeugung, dass das Studium der Natur nicht von Gott wegführen müsse. Je tiefer man in die Geheimnisse der Natur eindringe und je genauer man deren wundersame Rätsel erforsche, umso näher werde man zu Gott geführt.
Planender Zweck statt ZufallDieser Glaube zeigt uns den fundamentalen Unterschied zu seinem berühmten Zeitgenossen, dem englischen Pfarrerssohn Charles Darwin (1809–1882). Dieser wurde gegen Ende seines Lebens zum Agnostiker und seine Lehre hat den Zufall an die Stelle Gottes gesetzt. Bei Heer ist wie noch bei Aristoteles ein geheimer, auf Harmonie programmierter Zweck in der Evolution der Schöpfung enthalten. Alles entwickelt sich nach einem Plan zielgerichtet und stufenweise von den niederen Formen zu den höheren. Selbst die Anhänger der Evolution postulieren, dass die Natur mit ihrer Auslese immer nur die nützlichen Formen wähle; damit strebe sie eine ständige Verbesserung bisheriger Lebewesen an. Pflanzen und Tiere bedingen sich gegenseitig und bilden ein Gleichgewicht. Niedere und höhere Formen, sehr alte und relativ neue Arten, stehen in einem Zusammenspiel. Das lässt auf eine Harmonie der Schöpfung schliessen, weshalb es nach Heers Überzeugung vernünftiger sei, statt an den blinden Zufall an einen planenden Zwecksetzer zu glauben, der das Programm aller Entwicklungen vorgegeben hat. Zusammenspiel der WeltzeitenAuf dem Hintergrund vergangener Zeitalter und den in ihrem Verlauf auftauchenden neuen Gattungen – Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Menschen – erscheint die jetzige Schöpfung als die vollkommenste. Wenn man alle Zeitalter im Überblick betrachte, ergebe sich ein harmonisches Ganzes. Zu dieser Vollkommenheit gehöre als eine späte Erscheinung in der Abfolge der Entwicklung aus dem Wasser zu den Reptilien am Land und den auf diese folgenden Säugetieren auch der Mensch. Als Christ unterscheidet Heer zwischen dem vergänglichen, dem biologischen Menschen, und dem zu Höherem bestimmten Geistwesen, dem Abbild Gottes. Ihm war nämlich klar, dass auch unsere Schöpfung irgendwann wieder in eine historische Schicht versinkend untergehen würde. Selbst das Lebewesen Mensch gehöre dereinst der Vergangenheit an, während dann aus der Natur längst wieder ganz neue Lebensformen hervorgegangen wären. Die Zukunft des Geistwesens Mensch liegt ja nicht in der Welt der chemischen Stoffe, Gesteinsformationen, Pflanzen und Tiere; seine zum Glauben berufene Existenz transzendiert die materielle Welt und sucht die Ewigkeit. Das Zusammenspiel der Weltzeiten und ihrer Lebewesen führe auf eine Harmonie, die nur mit einem Schöpfer denkbar sei. Der Zufall oder der Nutzen, den Darwins Jünger als Regelprinzip an dessen Stelle setzen, erkläre das Rätsel der Veränderungen in der Natur nur bedingt. Um Material für seine Forschungen zu finden, unternahm Heer viele Bergbesteigungen, oft zusammen mit Studenten: «Auf unseren Bergeshöhen werden wir ergriffen von der Grossartigkeit und dem Reichtum unserer Schöpfung; wie klein und unbedeutend kommen wir uns da vor, dieser wundervollen Natur gegenüber!» Raphael A. Baer, Niederuzwil
Zitate von Oswald Heer (1809–1883)«Unser Gemüt wird wunderbar ergriffen, wenn im Frühling die Natur zu neuem Leben erwacht und die Pflanzenwelt in ihrem Blütenschmuck aufs Neue aus den Tiefen der Erde emporsteigt. Eine ganze Welt von Pflanzen aber, welche in der Erde Schoss verborgen, vermag die Frühlingssonne nicht aufzuwecken; sie bleibt in Todesschlummer gebannt, bis der Zauberstab der Wissenschaft sie berührt und nun auch für sie Frühling anbricht, an welchem sie aus dem dunkeln Felsengrabe aufsteigen und aufs Neue ins Reich des Lebens eintreten kann. Die tief in der Erde verborgenen Pflanzenschätze bringen uns mit einer längst vergangenen Welt in unmittelbare Beziehung, versetzen uns mitten in dieselbe und zaubern uns den Pflanzenteppich vor Augen, der unsere Erde bekleidet hat, längst bevor das Morgenrot der jetzigen Schöpfung anbrach. Die Sonne der Wissenschaft wird auch diesen Nebel allmählich zerreissen. Dann wird es möglich sein, die grossen Schöpfungsgedanken Gottes, welche in der Natur sich offenbaren, in ihrem Zusammenhang zu erkennen!» (Widmung im dritten Band der «Tertiärflora der Schweiz» von 1858) «Jedermann würde den für einfältig halten, der behaupten wollte, dass die Noten einer Symphonie aus zufällig auf das Papier gekommenen Punkten entstanden seien, und mir will scheinen, dass diejenigen nicht weniger unverständig urteilen, welche die unendlich viel wundervollere Harmonie der Schöpfung als ein Spiel des Zufalls betrachten. Erst der Glaube an einen allmächtigen und allweisen Schöpfer lässt uns die Geschichte unseres Landes, seine Pflanzen und Tierwelt im rechten Lichte betrachten.» (Aus «Urwelt der Schweiz», 1865) «Mir will es aber scheinen, dass diejenigen nicht weniger unverständig urteilen, welche die unendlich viel wundervollere Harmonie der Schöpfung als ein Spiel des Zufalls betrachten. Je tiefer wir daher eindringen in der Erkenntnis der Natur, desto inniger wird auch unsere Überzeugung, dass nur der Glaube an einen allmächtigen und allweisen Schöpfer, der Himmel und Erde nach ewig vorbedachtem Plane erschaffen hat, die Rätsel der Natur, wie die des menschlichen Lebens zu lösen vermöge. Es ist daher nicht allein des Menschen Herz, das uns Gott verkündet, sondern auch die Natur, und erst wenn wir von diesem Standpunkte aus die wunderbare Geschichte unseres Landes und seiner Pflanzen- und Tierwelt betrachten, wird sie uns im rechten Lichte erscheinen und uns den höchsten Genuss gewähren.» (Schlusswort «Urwelt der Schweiz», 1865) |
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