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 Ausgabe 11/2014 
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Die Haustüren stehen offen – Ein Landpfarrer berichtet über Hausbesuche

Seelsorge nimmt viel Zeit in Anspruch. Sie ist vielfältig. Manchmal über­raschend. Geschieht oft im Verborgenen. Und gehört zu den Kernaufgaben ­einer Pfarrperson. Seelsorge in einer dörflichen Struktur hat viele Gesichter. Hausbesuche öffnen dabei viele Türen.

Die Haustüren stehen immer noch offen und zwar weit offen. Wo ich klingele oder anklopfe, um zu einem Hausbesuch vorbeizuschauen, wird mir in aller Regel Einlass gewährt. Kaum einmal werde ich an der Türe abgewiesen. Hausbesuche werden geschätzt. Man setzt sich an den Küchentisch oder in die Stube, bei schönem Wetter auf den Sitzplatz im Freien, das ­Gespräch beginnt: über die Familie, über den Beruf, über die Aufgaben des Tages, zuweilen auch über die Erfahrungen mit Kirche und Glauben. Und wenn Letzteres fehlt? Ist es dann kein seelsorgerlicher Hausbesuch? Doch: ist er dennoch! Denn das, was Menschen in ihrem Alltag, sonn- wie werktags, tun und lassen, die ganz normalen Aufgaben, die alltäglichen Sorgen und Nöte, die Freuden und Erfüllungen bilden Stati­onen auf ihrem individuellen Lebensweg. Darin leben sie ihren Glauben. Deshalb ist in den Gesprächen über dieses Alltägliche immer die seelsorgerliche Dimension enthalten, ob sie nun explizit angesprochen wird oder nicht, ob explizit gebetet wird oder nicht. Ein Hoch auf Hausbesuche; «einfach so» vorbeischauen.

Von der Skipiste zur Seelsorge

«Du bist schon wieder auf den Skiern! Pfarrer sollte man sein!», begrüsst mich G. auf der Skipiste. «Ja sicher, die Verhältnisse sind ja auch bestens. Schliesslich arbeitete ich ges­tern bis spät abends.» «Aber es ist doch Mittwoch – hast Du frei und nichts zu tun?» Tatsächlich bin ich auf der Skipiste schon öfters so angesprochen worden. Wenn ich solche Worte wie von G. mit Humor entgegennehme, dann kann daraus sehr schnell eine seelsorgerliche Begegnung werden. «Wie geht es Dir heute? Wie hat es Deine Frau zu Hause? Welche Fortschritte macht Euer neugeborenes Kind?», frage ich vielleicht weiter. Und wenn mein Gegenüber spürt, dass dies nicht nur Höflichkeitsfragen sind, ja, dann wird aus der mehr oder minder zufälligen Begegnung ein «Besuch». Wir bleiben dann gut und gerne mal längere Zeit am Rande der Piste stehen. Wir schauen, dass wir auf dem Lift möglichst nur zu zweit sind, damit kein Mithörer dabei ist. Ich bin wirklich nicht nur zum Skifahren unterwegs. Seelsorge ist mir genauso wichtig.

Manch gutes Gespräch auf der Skipiste möchte ich nicht missen. Ähnliches geschieht auch auf Velo- oder Wandertouren, beim Kaffee in der Beiz, bei der Begegnung auf der Alp oder im Alpzimmer. «Besuche» können überall stattfinden, ja, ein ungewohnter Ort kann, weil ungezwungen, nochmals andere Türen öffnen. Wichtig ist dabei, dass ich als Pfarrer wach und geistesgegenwärtig bin, um den «Raum» für Seelsorge zu öffnen: mir genug Zeit nehme, wirklich am Erzählen teilhabe, zusammen mit dem Gegenüber Lösungen und Wege suche. Nicht der Ort ist wichtig, sondern die Präsenz und das Gespür für die Befindlichkeit meines Gegenübers.

Ähnliches erlebe ich mit Schülern am Skitag: Ich suche ein ruhiges Plätzchen, an dem wir eine Stille-Übung machen, wie zum Beispiel «zwei Minuten ganz ruhig sein». Das bedeutet für manche bereits eine recht grosse Herausforderung. Dann erzählen wir uns gegenseitig, was wir gehört und wahrgenommen haben. Ich spreche noch ein paar Worte aus den Psalmen. Und schon sind Gott und das Leben Thema unseres Gesprächs. Selbst wenn wir anschliessend nicht mehr darüber reden, hat sich Seelsorge ereignet. An den Schülern, und an mir als Pfarrer.


Die Klassiker der Hausbesuche

Die Besuche einer Pfarrperson – bei Krankheit, im Spital, bei Geburtstagen, zur Vorbereitung von Taufe, Konfirmation und Hochzeit, bei einem Trauerfall – gehören zur Selbstverständlichkeit im Pfarrberuf. Menschen jeden Alters werden an den Übergängen des Lebens begleitet. Die Anzahl der Besuche richtet sich nach den Bedürfnissen der Besuchten. Die Themen der Besuche sind gegeben: Wie sind Krankheit und Leid zu verstehen? Was bleibt? Wie geht es weiter? Welche Hilfe bietet der Glauben?

Bei Tauf-, Konfirmanden- und Traugesprächen wird der bevorstehende Gottesdienst miteinander besprochen. In Liturgie und Predigt nehme ich dann Bezug auf das, was wir im Gespräch zum Glauben diskutierten. Beim Apéro oder beim Leidmahl nach dem Gottesdienst wird neben der leiblichen Stärkung das Gehörte diskutiert, vertieft, kritisiert und weitergeführt – und siehe da: Sehr oft mündet dies in ein seelsorgerliches Gespräch. Einige Wochen oder Monate später liegt dann meist auch noch ein «Hausbesuch danach» drin.


Wie Predigten überarbeitet werden

Den Predigttext habe ich im Kopf, das Thema kristallisiert sich immer deutlicher heraus und ich habe bereits gute Beispiele zur Illustration. Ich lege den vorbereiteten Sonntagsgottesdienst zur Seite – und «muss» ihn plötzlich wieder hervornehmen. Mich bewegt etwas, das in einem Seelsorgegespräch angesprochen wurde und in Beziehung zum Predigttext steht. Dann kann es gut sein, dass ich Teile der Predigt nochmals umschreibe, anders formuliere, andere Schwerpunkte setze. Selbstverständlich ist, dass ich dabei nichts vom Seelsorgebesuch ausplaudere. Sollte nach einem Gottesdienst jemand bemerken, dass Liturgie und Predigt sehr ansprechend und vor allem lebensnah gewesen seien, dann freue ich mich, dass es gelungen ist, Alltagsleben und biblische Botschaft aufeinander zu beziehen.


War es denn so richtig, wie es war?

Hausbesuche könnte man immer machen. Viele Menschen warten darauf. Ebenso gibt es Anlässe zuhauf. Nach einem getätigten Besuch warten im Prinzip bereits die nächsten fünf oder zehn Besuche. Ich komme ins Grübeln: Habe ich den Menschen besucht, der es gerade jetzt benötigte? Habe ich die richtigen Worte gefunden? Bin ich geistesgegenwärtig genug gewesen? Hätte ich nicht noch dieses und jenes ...? Schliesslich ist man als Pfarrer auch nur ein Mensch, mit Grenzen, mit Stärken, mit Schwächen. Was hilft aus dem Fragen heraus? Einmal das Grundvertrauen zu Gott, dass es sein Geist ist, der letztlich wirkt und hilft: und zwar genauso durch meine Worte und Gesten, wie auch trotz meiner Worte und Gesten. Zudem sind nicht immer dies die wichtigsten und hilfreichsten Sätze, die ich bestens formuliert oder perfekt rübergebracht habe. Nein, manchmal hilft genau anderes, solches, was ich gar nicht erwartet oder gar nicht bemerkt habe. Auch als Pfarrperson wird man immer wieder von Gottes Geist überrascht.

Weiter ist sehr hilfreich, wenn Menschen sich bei Pfarrpersonen melden und um Seelsorge bitten. In dringenden Fällen kann man innerhalb eines halben Tages zu einem Hausbesuch vorbeikommen. Wenn die Probleme allerdings zu tief und kompliziert sind, muss zur Begleitung durch den Pfarrer noch andere professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.


Hausbesuche werden nie veralten

Pfarrersein und Hausbesuche gehören zusammen wie Fisch und Wasser und wie Vogel und Wind. Je mehr ich mich in meinem Wohnort zu Hause und daheim fühle, desto selbstverständlicher sind die Besuche und werden zu einem tragenden Pfeiler für das Zusammenwirken und Zusammenstehen in der Kirchgemeinde. Die Türen, nicht nur die der Häuser, stehen offen. Auch andere Orte eignen sich für Gespräche. Beispielsweise auch das Kirchengebäude ... Nicht vergessen will ich, dass viel Seelsorge auch ohne die bezahlten Mitarbeiter geschieht, ganz im Sinne des Priestertums aller Gläubigen. Diese Kultur gilt es auch zu erhalten und zu pflegen.

Martin Böhringer, Pfarrer in Alt St. Johann

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