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 Ausgabe 05/2013 
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«Vorbild»Jesus?

«Die er aber zuvor erwählt hat, die hat er auch im Voraus dazu bestimmt, nach dem Bild seines Sohnes gestaltet zu werden, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.»     (Röm 8, 29)

Abraham war bereit, seinen Sohn zu opfern. David sorgte dafür, dass der Mann seiner Geliebten Bathseba umgebracht wurde. Und Petrus leugnete, Jesus überhaupt gekannt zu haben, als es brenzlig wurde. Die grossen Persönlichkeiten der Bibel sind oft nicht gerade grosse Vorbilder.

Es sei denn, man findet eben die Art, wie sie mit ihrem Versagen umgegangen sind, vorbildlich: dass sie Reue zeigten, auf Gottes Wirken vertrauten, an den ­eigenen Problemen gewachsen statt ­stehen geblieben sind. So gesehen wären sie dann sogar die Idealbesetzung für den Typus des modernen Helden, der allzu perfekt nicht sein darf. Ein paar Ecken und Kanten, ein paar Brüche in der Biografie, das gehört dazu, macht einen glaubwürdiger und lässt die guten Seiten umso heller erstrahlen.


Eine sperrige Gestalt    

Da hat es Jesus schwerer. Zwar sind wir als Christen in seine Nachfolge gerufen. Und im Römerbrief findet sich sogar die Vorstellung, dass wir «zu seinem Bilde» gestaltet werden sollen. Aber was soll das heissen? Ich meine, das Problem ist doch, dass vieles, was an Jesus so faszinierend war und ist, viel zu weit weg ist von unserer Lebenswirklichkeit: Nicht dass er mit Dreissig noch Single war – das war damals die Ausnahme, heute normal –, sondern dass er kein festes Dach über dem Kopf hatte, von Zuwendungen seiner Freundinnen und Freunde lebte. Er ging furchtlos auf Menschen zu, wo er es für wichtig achtete, auch auf Ausgestossene, und Schwerkranke (ohne dass ein Tross von Medienleuten ihm auf Schritt und Tritt folgte). Er provozierte das religiöse Establishment, verkündete das Evangelium bei jeder Gelegenheit (und nicht nur am Sonntagmorgen). Und dabei war er sehr selbstbewusst, man könnte sagen: arrogant. Er nahm für sich in Anspruch, Menschen in Gottes Namen Vergebung zuzusprechen und ihnen das Himmelreich durch seine Präsenz nahe zu bringen – zum Heil des Volkes Israel und der ganzen Welt.

Wie kann dieser Jesus im Alltag unser Vorbild sein (natürlich ohne ihn darauf reduzieren zu wollen)? – Es bleibt uns nichts anderes übrig, als immer wieder neu versuchen zu sehen und zu benennen, was an Jesus für uns vorbildlich ist und sein kann, woran wir uns orientieren wollen – im Bewusstsein, dass da dann immer auch viel von unserer familiären, kulturellen, historischen Prägung mitschwingt.


Geschichten und Taten

Ich selbst würde sagen: Mich beeindruckt, dass Jesus mutig war. Er hat sich nicht darum gekümmert, was die Leute dachten, sondern frei gesagt, was ihn richtig dünkte. Und er tat, was er sagte. Er verstand sich auf die Kunst des Unterscheidens: Jetzt ist Zeit zum Feiern, jetzt ist Zeit zum Zornig-Sein; jetzt ist Zeit fürs Gebet in der Einsamkeit, jetzt ist Zeit, um da zu sein für die anderen. Er lebte ganz aus Gottes Hand: nicht aus seiner Herkunft, sondern aus dem Vertrauen in die Zukunft Gottes. Er gab sein Leben; und schenkte so auch anderen Lebenskraft, Lebensfreude, Heilung.

Sie werden vielleicht noch ganz anderes an Jesus überzeugend finden. Und es ist auch nicht verkehrt, sondern notwendig, sich von Zeit zu Zeit ein neues Bild von Jesus zu machen. Dabei ist es, denke ich, paradoxerweise hilfreich, dass nirgends überliefert ist, wie Jesus ausgesehen hat. Während wir von den Stars, denen viele Menschen nacheifern, fast nur noch Bilder haben – kaum eine Botschaft, kaum Geschichten, die der Rede wert sind, kaum eine mutige Tat – ist es bei Jesus gerade umgekehrt. Das verhindert falsche Fixierungen und fördert eine lebendige Beziehung zum «Vorbild». Und darauf kommt es letztendlich an. andrea anker, st.gallen


Andrea Anker ist Assistentin an der Theologischen Fakultät in Zürich und Leiterin des Theologiekurses in St.Gallen.

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