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 Ausgabe 05/2013 
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Moderne Heiligkeit – Carl Hilty (1833–1909) über vorbildliches Leben

Als evangelischer Christ lehnte Carl Hilty den Absolutheitsanspruch der römischen Kirche ab, schätzte aber manche ­katholische Heilige, da diese als Vorbilder gelebten Glaubens auf Werte hinwiesen, die für das geistige Wachstum aller Menschen relevant seien. Aus dem Schrifttum von Hilty hat ­Raphael Baer Zitate zum Thema Vorbild zusammengestellt.

«Ihr sollt vollkommen sein wie der Vater im Himmel», heisst es in der Bergpredigt nach Matthäus. Der himmlische Vater, von dem der Mann aus Nazareth sprach, ist kein Idol, er wird hier nicht als Abbild zur Verehrung und Anbetung angesprochen. Anthropologische Vorstellungen von Gott – seine barmherzige Liebe, Güte und Gerechtigkeit – funktionieren als Vorbild, als idealer Leitstern auf dem ­individuellen Lebensweg.

Da möchte man einwenden, ob Heiligkeit in unserer modernen Zeit, die nach eigenen, wenig christlichen Gesetzen ihre Runden dreht, überhaupt möglich sei? Doch dieser Gedanke wird abgeschmettert durch die Tatsache, dass Christus unwiderruflich jeden einzelnen Menschen zur «Nachfolge» aufgefordert hat.


Zur Freiheit geboren

Dass zum göttlichen Leben eine besondere Berufung gehört, darüber kann kein Zweifel bestehen. Damit ist aber nicht die allgemeine Bestimmung zum Gerettetwerden oder die Verurteilung zu ewiger Verwerfung gemeint. Dies wäre die furchtbarste Weltordnung, die man sich denken könnte. Kein Mensch glaubt in der heutigen Christenheit wirklich noch daran, dass irgendeine Menschenseele schon vor ihrer Geburt ohne jede Möglichkeit einer Rettung zur ewigen Verdammnis bestimmt sei. Alle Menschen sind berufen, der Wahrheit zum ewigen Leben zu folgen. Nur zu einer tieferen Erkenntnis derselben gelangen längst nicht alle. Warum das so ist, wissen wir nicht anzugeben. Der Apostel Paulus weiss es ebenso wenig. Zwar hilft er sich mit einer wenig beweiskräftigen Argumentation (Römer 9, 18–27); eine Bibelstelle, die zum Ausgangspunkt der Gnadenwahl geworden ist. Jedoch bleibt die Prädestination ein dunkler Punkt der christlichen Dogmatik wie des menschlichen Lebens.


Vorbildliches Leben

Die charakteristischen Eigenschaften der modernen Heiligen lassen sich an dem «Leben heiliger Seelen» früherer Zeiten ablesen. Die gemeinsamen Kennzeichen aller Heiligen (nicht nur der katholischen) sind auch heute noch erkennbar. Es sind: Demut, Freundlichkeit, Furcht­losigkeit und Arbeit.

Unter Demut ist weder Selbstunterschätzung noch Selbstverachtung zu verstehen, sondern die tiefe, mit Freudigkeit des Geistes vereinbare Erkenntnis der ­geringen menschlichen und der grossen göttlichen Kraft. Das schliesst alle Menschenvergötterung, inklusive die des eigenen Ichs, aus.

Eine stets sich gleichbleibende Freundlichkeit zeigt sich als Abglanz des göttlichen Wesens, das über Gerechte und Ungerechte seine Sonne scheinen lässt und das geringste, schwächlich Gute in einem Menschen zu sehen und aufzumuntern versteht.

An zornige Heilige glauben wir nicht, denn Zorn kommt von Furcht (Psalm 37, 8). Das sicherste Anzeichen von Heiligkeit ist darum vollständige Furchtlosigkeit. Diese ist eine Folge des völligen Vertrauens auf Gott. Immer wieder heisst es in der Bibel: «Fürchte dich nicht!», was aber wenig befolgt wird. 

Endlich Arbeit. Müssiggehende Heilige gibt es nämlich nicht. Christus hat immer Zeit, sich mit einer fremden Frau am Brunnen umständlich zu unterhalten. Die Bekehrungsarbeit und Eile unserer Zeit beginnt erst mit Paulus; untätige ­Beschaulichkeit kannte aber auch der Apostel nicht. Arbeit und stetes sich ­Erhalten in Gottes unmittelbarer Nähe sind unsere Aufgabe, solange das Licht des ­Tages und des Lebens scheint. Zeit zur ­Ruhe geben uns dazwischen der Schlaf und der Sonntag, an welchem reine Betrachtung ohne Arbeit nichts schadet.

Von einem «Nachahmen» der klassischen Heiligen soll hier keine Rede sein: Es muss jeder Mensch seine eigene Natur veredelnd ausbilden, nicht eine fremde annehmen. Dazu haben wir uns an Chris­tus und sein Beispiel zu halten. Heiligkeit besteht ausschliesslich in grösserem Gehorsam, grösserer Reinheit des inneren Lebens, mit einem Wort in grösserer ­Ähnlichkeit mit unserem einzigen Vorbild Christus.

Die Heiligkeit ist eigentlich anspruchsloser Heroismus. Denn Helden dienen, und zwar nicht sich selbst. Dienen ist das menschliche Wesen Gottes auf Erden. «Diakonos» war nach Lukas 22, 27 einer der wichtigsten Titel des Christus Jesus, den dieser sich selbst gegeben hatte.


Morgenrot der neuen Weltzeit

Viele Menschen werden in unserer allernächsten Zukunft Irrlichtern folgen, wenn einmal die naturwissenschaftlich-materialistische Weltanschauung ihre Wirkungen für das Leben der Völker gezeigt haben wird. Dann kommt nach dem Gesetz des Gegensatzes eine Zeit des ebenso ungesunden Spiritualismus und Aberglaubens aller Art in eine nach Geist dürstende Welt. Zuletzt wird die wahre, alles überwindende Heiligkeit der modernen Art sich zeigen und das Morgenrot ­eines neuen Menschheitstages, von dem wir heute bloss die ersten schwachen Spuren sehen.

Carl Hilty / Raphael Baer (Text­restauration)



Carl Hilty (1833–1909) 


Der in Werdenberg geborene Carl Hilty (1833–1909) glaubte an die Notwendigkeit einer zweiten, inneren Reformation von Kirche und Staat. Seine als Schriftsteller und Laienprediger entwickelte Theologie des Glücks ist im fernen Japan auf fruchtbaren Boden gefallen. In den letzten hundert Jahren ist er dort ein ­literarischer Klassiker und für viele ein geistiger Begleiter auf dem Lebensweg geworden, während er bei uns als Prophet, der er für die Eidgenossenschaft sein wollte, in Vergessenheit geriet und nur noch als historische Person erforscht wurde. Um seine Gedanken wieder aufzufrischen, werden demnächst seine christlichen Texte und seine Überlegungen zur Politik der Schweiz in zwei Bänden zur Eröffnung der neuen Reihe «Geis­tiges Erbe Schweiz» erscheinen.

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