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 Ausgabe 06-07/2013 
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Ein anderes Bild vom Islam

Am 28. August besuchte ich einen Freund in St.Gallen, um gemeinsam den Samstagabend zu verbringen. «Komm, wir gehen zum Fastenbrechen mit den Muslims», schlug der vor. «Muss das sein», fragte ich, «hast Du keine bessern Vorschläge?» Nun, ich liess mich überreden – und bereue es nicht. Ich habe aus dem dreistündigen Anlass in der Olma-Halle wertvolle Eindrücke mitgenommen. Vor allem erhielt ich ein Bild vom Islam, das den in Medien verhandelten Themen wie Minarette, Burka oder Kopftuch usw. eine andere Realität entgegenstellt.

Ich wusste wenig über den Fastenmonat Ramadan. Wie ich nun gesehen habe, ist dies eine Mischung von persönlicher Askese und intensiver Geselligkeit, alles im Hinblick auf Allah, der diese Praxis geboten hat. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wird gefastet – ziemlich radikal, auch kein Wasser getrunken, was mir eher unnatürlich vorkam. Ein Türke hat mir aber erklärt, dass es mit der richtigen Technik gut funktioniere. Man müsse das Fas-ten mit viel Flüssigkeit beginnen und dann auch abbrechen. Zudem dürften alte oder kranke Leute nicht fasten – sie dürfen, aber sie müssen nicht, korrigierte die Tochter. Ich bin froh, dass wir in unserer Religion keine derartigen Vorschriften haben. Doch ich sehe auch die Stärke dieser konkreten religiösen Praxis, die dem Islam Gestalt und Inhalt gibt.

Während man beim Fasten quasi mit Gott allein in ein Verhältnis tritt, ist das Fastenbrechen ein äusserst geselliger Anlass. Man lade dazu Freunde, Nachbarn und auch mal Nichtmuslime ein – wie an diesem Abend die Bevölkerung von St.Gallen. Und man könne diese Treffen mit geistlichen Inhalten füllen, wie Lesungen aus dem Koran oder wie an diesem Abend in der Olma-Halle mit Sufitänzen.

Ein Mann erklärte die Tanztradition, die auf den Mystiker Rumi zurückgehe. Er verlas auch Gedichte von Rumi, Texte, die davon sprachen, dass wir alle Glieder an einem Körper sind und somit teilhaben an Leiden und Freuden aller Kreaturen. Während viele bei diesen schönen Texten miteinander schwatzten oder am Handy hantierten, wurden beim Tanz alle andächtig. Tatsächlich kann man sich hinein- nehmen lassen von diesen Kreisbewegungen und etwas spüren von der Verschmelzung mit Gott. Auch eine Kindergruppe tanzte hingebungsvoll.

Punkt 20.20 Uhr wurde mit dem Ruf zum Gebet das Fastenbrechen angekündigt. Die Männer neben mir griffen zur Dattel, mit der man das Fasten bricht. Für das Gebet begab man sich in einen Nebenraum. Gäste konnten zuschauen. Wieder fiel mir dieses sinnlich Sichtbare, Konkrete des Islams auf. Mich hat das Niederwerfen an den Sonnengruss im Yoga erinnert.

Serviert wurden im Laufe des Abends Suppe mit Brot, Salat, Reis mit Fleisch und  ein süsses Dessert. Dazwischen übte Pfarrer Andreas Nufer von der Haldengemeinde, der den Anlass mitorganisiert hat, mit allen Leuten zwei Lieder und gemeinsam sangen alle, verstärkt durch Jugendliche der Haldengemeinde: «Ubi caritas, ibi deus est» – Wo die Liebe ist, da ist Gott. Pfarrer Andreas Nufer interviewte auch eine junge Frau. Für sie ist Fasten mehr als nur der Verzicht auf Essen. Dazu gehören auch das moralische Verhalten, Zurückhaltung oder Achtsamkeit für die Anliegen anderer. Solches hat ja auch Jesus gelehrt. Wie viel uns doch verbindet.


Urs Kobelt, Rossrüti

Zeitschrift

auftrag 2/2013 mit Schwerpunkt «Macht und Mission»

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