der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St.Gallen |
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Ausgabe 05/2013 Diese Ausgabe als PDF |
«Notlügen gehören dazu» – Jugendliche über den Umgang mit der WahrheitNotlügen sind nicht nur nützlich, wenn sie aus der Klemme helfen. Hin und wieder sind sie sogar nötig, wenn der Anstand sie fordert oder damit Schlimmeres verhindert wird. Eine Religionsklasse in Rapperswil-Jona setzt sich mit dem Lügen auseinander. Brav sitzen die Schülerinnen und Schüler in den Bänken, als ich mit der Unterrichtsstunde beginne. Ich glaube, ich würde allen von ihnen jede Lüge sofort abkaufen. Zum Thema «Wahrheit und Lüge» wurden in der älteren und jüngeren Geschichte bereits zahlreiche ethische und moralische Diskurse geführt. Sei es Kants absolutes Lügenverbot oder sei es die spätere Relativierung Bonhoeffers, dass in gewissen Situationen lügen «wahrhaftiger» sei, als die Wahrheit zu sagen. Das Thema gibt noch immer zu diskutieren. Diese Religionsstunde soll wegführen von der oft komplizierten Theorie. Für einmal beleuchten wir die Alltagserfahrungen der 1. Realklasse.
Lügen im Alltag verwurzeltIch staune, wie bereitwillig über das Thema Auskunft gegeben wird. Die SchülerInnen sind sich einig: In Notsituationen darf gelogen werden. Allerdings bleibt das Lügen nicht auf wirkliche Notsituationen beschränkt. Alle behaupten, durchschnittlich ein bis fünf Mal im Tag bewusst zu lügen, und zwar so dick, dass sie vom Gewissen geplagt werden. Sei es, dass sie von den Eltern gefragt werden, warum sie so spät nach Hause kommen, oder eine Antwort auf die Frage einer Bekannten geben, ob man zusammen abmache. Solche – meines Erachtens kleinere – Lügen haben für die Jugendlichen ihren festen Ort im Alltag und dienen als Strategie, schwierigen Situationen aus dem Weg zu gehen. «Lügen oder die Unwahrheit sagen ist im Grunde ein pubertäres Übergangsphänomen», sagt der bekannte Familientherapeut und Buchautor Wolfgang Bergmann – eines, das im Alter von 11 oder 12 von den Jugendlichen Besitz ergreife, sich dann aber mit 15 oder 16 auch wieder verflüchtige. Vertrauensbruch wird in Kauf genommenObwohl die SchülerInnen rasch zur – in ihrer Interpretation sehr weit gefassten – Notlüge greifen, erleben sie das Angelogenwerden als Vertrauensbruch. Von Eltern und Freunden erwartet man Aufrichtigkeit. Darum sind sie selber gegenüber Freunden sehr zurückhaltend, auch mit kleinsten Lügen; gegenüber den Eltern jedoch nicht – auch mit einem gewissen Stolz, es tatsächlich wieder einmal geschafft zu haben. Fliegt eine Lüge auf, bleiben meist Wut und Frustration zurück, bei den Eltern Enttäuschung und ein schlechtes Gewissen beim Jugendlichen – oder er wähnt sich im Recht und versteht die Enttäuschung der Eltern nicht. Es braucht Zeit und Lebenserfahrung, sich über die Konsequenzen des Lügens bewusst zu werden. Reine Worte oder Geschichten reichen bei den informationsüberfluteten Jugendlichen nicht. Sie brauchen Raum, um eigene Erfahrungen sammeln, interpretieren und umsetzen zu können. Lernen, die Wahrheit zu sagenEs gehört zum Erwachsenwerden, dass Jugendliche lernen, die Strategie des Lügens durch andere, aufrichtigere Möglichkeiten zu ersetzen. Auf diesem Weg brauchen sie Vorbilder, welche ihnen vorleben, dass man die Wahrheit sagen und dazu stehen kann. Es ist wichtig, sich selber im Umgang mit den Jugendlichen zu hinterfragen und ihnen gegenüber ehrlich zu sein. Sie brauchen Lebenserfahrung, um zu merken, dass es besser sein kann, die Wahrheit zu sagen und die Konsequenzen zu tragen, als sich in immer neuen Lügen zu verstricken. Und sie brauchen Weisheit, die richtigen Worte zu finden. Lüge oder WahrheitIch lege der Religionsklasse ein Fallbeispiel vor, um auf Chancen und Probleme der Notlüge aufmerksam zu machen: Ein Mädchen wird während des Unterrichts vor versammelter Klasse vom Lehrer konfrontiert: «Gell, dein Vater ist Alkoholiker.» Auf meine Frage an die Klasse, was sie antworten würden, Lüge oder Wahrheit, wählen praktisch alle SchülerInnen die Lüge und würden mit «Nein!» antworten. Ihre nachvollziehbare und richtige Begründung lautet, dass der Schaden für die Familie bei einer aufrichtigen Antwort sehr gross wäre. Und den Schutz der Familienwürde werten sie höher als die Schuld zu lügen. Ein Mädchen meldet sich: «Ich würde weder mit Ja noch mit Nein antworten, sondern entgegnen: ‹Und wäre es so, darüber gebe ich keine Auskunft!›» Bravo! Nachgefragt:Daniela: «Man soll sich nicht selber verletzen, indem man etwas nicht erzählen will und es trotzdem macht. Man darf auch seine Geheimnisse haben.» Adrian: «Ich entscheide selber, wem ich die Wahrheit sage und wem nicht. Manchmal lüge ich, um jemanden zu veräppeln.» Dandara: «Ich brauche nicht immer die Wahrheit zu sagen. Ausser bei Freunden, da lüge ich nicht unbedingt.» Carmen: «Manchmal kann die Wahrheit sehr verletzend wirken! Das Benutzen der Notlüge ist in bestimmten Situationen sehr gut.» Christian Baumgartner, Rapperswil |
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