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 Ausgabe 05/2013 
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Integra und Solidaritätshaus – Orte der Begegnung und Integration

In den Lokalen der ehrenamtlich betriebenen Schule «Integra» haben bereits 120 Personen Kurse besucht. Dazu soll nun gegenüber an der Fidesstrasse das «Solidaritätshaus» ­kommen – betrieben vom «Solidaritätsnetz» –, mit Mittagstisch und Sitzungsräumen.


Es ist zwei Uhr nachmittags. Das Schulzimmer ist klein: zwei Reihen Tische, eine Wandtafel, die schon bessere Tage gekannt hat, ein Wandschrank und ein Gestell. Keine Bilder an den Wänden, kein Lavabo. Doch sie sitzen da, vor den abgewetzten Tischen, auf Stühlen, von denen jeder ein anderes Modell darstellt. Junge Männer aus der halben Welt, viele zwischen zwanzig und dreissig Jahren alt, ­eine einzige junge Frau, alle voll Neugier auf das, was kommen wird. Die Deutschstunde beginnt. Die Lehrerin setzt zur Begrüssung an. Zwei junge Afrikaner schlüpfen noch rasch ins Zimmer. Doch es ist kein Stuhl mehr da. Die Lehrerin weist sie ins Nebenzimmer, das ist grösser, dort findet auch eine Deutschstunde statt, und dort gibt es noch freie Plätze.


Ort der Integration

Die Rede ist von der autonomen Schule Integra. Die Idee dazu entstand im ostschweizerischen «Solidaritätsnetz», das sich um Flüchtlinge kümmert. Anfang Jahr wurde der Betrieb aufgenommen. Im ersten Semester besuchten bereits 120 Schülerinnen und Schüler die Kurse. Das Angebot scheint sich rasch herumzusprechen. Es ist niederschwellig, was aber nicht heisst, dass man sich nicht ordentlich für die Kurse anmelden müsste. Auch wird eine Absenzenkontrolle durchgeführt. Und es wird Wert auf Pünktlichkeit gelegt. Die Schule ist kostenlos, die zwanzig Lehrerinnen und Lehrer, darunter auch Flüchtlinge, arbeiten ehrenamtlich. Neben Deutsch, das der Renner ist, gibt es Kurse in Französisch, Englisch, Spanisch, Arabisch, Amharisch, Schweizerdeutsch und in Schweizer Kultur. Auch Musik, Tanz und Meditation haben ihren Platz. Es dürfen durchaus auch eingesessene Schweizerinnen und Schweizer diese Kurse besuchen. Ziel der Schule ist, wie es ihr Name sagt, die Integration, ­deren Notwendigkeit in der Schweiz mehr und mehr anerkannt wird.

Zurück zur Deutschstunde: Die meis­ten Schüler der Klasse sind seit mehr als einem halben Jahr in der Schweiz und können sich schon recht gut ausdrücken. Heute geht es um die Höflichkeitsformen der deutschen Sprache. Voll Eifer bilden die Schüler Sätze mit «Sie», «Ihnen» und so weiter. Wie spricht man mit einem Arzt, einer Ärztin, ist zum Beispiel die Frage. Wenn den Schülern eine Antwort einfällt, können sie fast nicht warten, bis sie es sagen dürfen. Dann wird gelesen, einzeln und im Chor, was grosse Heiterkeit auslöst. Überhaupt freuen sich die Schüler über jedes Spässchen. Zum Schluss wird ein Zeitungsartikel über den neuen Schwingerkönig Kilian Wenger gelesen und diskutiert. Was Schwingen ist, weiss keiner der Anwesenden. Die Lehrerin muss es mit Händen und Füssen erklären. Am Schluss der Stunde – sie dauert 1 1/4 Stunden – bedanken sich viele der Schüler bei der Lehrerin.



Ein wenig Gastlichkeit

Ohne die Schüler und Schülerinnen zu fragen, erfährt man gelegentlich doch ­einiges über sie und die Gründe ihrer ­Anwesenheit in der Schweiz. Da ist ein Iraner, der in seinem Land keine Zukunft mehr sah, da ein Eriträer, der Frau und Kind zu Hause in seinem kriegsversehrten Land lassen musste, da eine junge Frau, frisch aus Sri Lanka, die soeben geheiratet hat und nun so rasch wie möglich Deutsch lernen möchte, da ein Tibeter, der bis vor Kurzem noch Mönch in seinem Heimatland war, da eine Frau aus der Karibik, seit zwanzig Jahren mit einem Schweizer verheiratet und mit zwei halbwüchsigen Töchtern, die endlich richtig Hochdeutsch sprechen und schreiben möchte. Hinter jedem dieser Menschen steht ein zumeist schweres Schicksal.


«Verein Solidaritätshaus»

Im Verein «Solidaritätsnetz», dem bereits 2000 Leute angehören, ist auch der Plan eines Solidaritätshauses in der Stadt St.Gallen herangewachsen. Ein solches Haus gibt es bereits in Bern und anderswo. Zu diesem Zweck ist ein eigener ­Verein, der «Verein Solidaritätshaus», gegründet worden. Die Idee ist, einen festen Ort der Begegnung zwischen Schweizern, seit Längerem anwesenden Migranten und Flüchtlingen zu schaffen. Der ­bereits bestehende Mittagstisch für mittellose Flüchtlinge soll neu in diesem Haus durchgeführt werden. Auch ältere Schweizerinnen und Schweizer, die nicht auf Rosen gebettet sind, sind zu diesen Essen eingeladen. Ein Raum soll für die Beratung der Flüchtlinge und anderer Personen bereitgestellt werden. Dazu werden den Migrantenvereinen und dem «Solidaritätsnetz» Arbeitsplätze und Räume für Sitzungen bereitgestellt. Anwohner sollen die Gelegenheit bekommen, kleinere Treffen und Feste in diesem Haus zu veranstalten. Für das Solidaritätshaus sind ein Alkohol- und Rauchverbot und feste Benützungszeiten geplant. Nachts ist das Haus geschlossen.

Die Stadt St.Gallen begrüsst dieses Projekt sehr. Sie ist gewillt, ein Haus zu günstigem Mietzins zur Verfügung zu stellen. Die Renovationskosten müssen aber weitgehend vom «Verein Solidaritätshaus» übernommen werden, ebenfalls die zu erwartenden Betriebskosten. Er ist deshalb auf der Suche nach Vereinsmitgliedern und Fördermitgliedern.

Marianne Jehle, St.Gallen

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