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 Ausgabe 05/2013 
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Gallus für Protestanten - Der Namensgeber von St.Gallen in neuem Licht

Ein Freund, ehedem reformierter Pfarrer, hat mir kürzlich geschrieben, für mein Gallusbuch würde mir der Papst gewiss noch den Titel eines Ehrenkatholiken verleihen. Hinter dieser Aussage steht die Auffassung, Gallus sei ein Katholik ­gewesen und deshalb für Protestanten im Grunde bedeutungslos. Beide Ansichten sind falsch. Gallus (um 560/70 bis um 640) ist ein Christ gewesen und gehört, wie Walter Nigg sagen würde, zu den namhaften Vertretern der «ungeteilten Christenheit». Zudem hat er auch uns Protestanten Wesentliches zu sagen.


Gallus war zuerst und vor allem ein betender Mensch. Tag und Nacht hat er gebetet. Stundenlang. Sicher hat er auch hin und wieder ein persönliches Gebet gesprochen. Vor allem aber betete er mit den Worten der Psalmen. Etwa 80 Psalmen dürften es gewesen sein, die er jeden Tag betete. Nicht nur betete, sondern sang, psalmodierte.


Innerlich unterwegs

Dies deshalb, weil er auf diese Art anwesend war, gegenwärtig, präsent. Er muss sich bewusst gewesen sein, dass Gott immer anwesend ist. Zugleich aber war er sich auch bewusst, dass nur der die Anwesenheit Gottes wahrnehmen kann, der selber anwesend ist. Und seine Form des Anwesendseins war das Beten.

Die beständige Anwesenheit im Gebet schien ihm offensichtlich nur dann möglich, wenn es in ihm und um ihn ruhig war. Wenn jeder Lärm verstummte, wenn er gar keine Ablenkung, gar keine Zerstreuung mehr erlebte. Im Unterschied zu so vielen Menschen unserer Zeit suchte er nicht die Unterhaltung, sondern die volle Sammlung, die Konzentration. Diese glaubte er zuerst im Kloster, dann noch vollkommener im Wald zu finden.

Den Wald an der Steinach scheint er nur äusserst selten ­verlassen zu haben. Dann, wenn Sachzwänge es verlangten, wie ­etwa ein Ruf zu einer Krankenheilung, eine Bischofswahl oder ein Predigtauftrag in Arbon. Sonst mied er die Mobilität. Es ist deshalb absurd, ihn als «Wandermönch» zu bezeichnen. Als ob er als vagabundierender Bettelmönch in den Landen umhergezogen wäre. Gallus lebte während Jahrzehnten an einem Ort. Ein Wanderer war Gallus nur in einem inneren Sinn.

Als Betender war er ohne Unterlass innerlich unterwegs. Er ging wie sein Lehrer Columban davon aus, dass wir hier keine bleibende Statt haben. Dass wir uns deshalb auf der Erde nicht einnisten und irgendwo anhaften dürfen. Unsere Heimat ist der Himmel. Auf ihn bewegen wir uns zu.


Folgen

Die Missionstätigkeit war deshalb nur eine kurzfristige Unterbrechung des inneren Weges zu Gott. Sie musste unternommen werden, weil man es dem König Theudebert so versprochen hatte. Sie lenkte vom eigentlichen Ziel ab.

Weil auch jede Art von Besitz ablenkt, verschmähte ihn Gallus. «Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein», hatte ­Jesus gesagt (Mt. 6, 21). Der Besitzende steht in Gefahr, an den Dingen, die er besitzt, kleben zu bleiben, sich darin zu verstricken. Deshalb lebte Gallus, so weit dies nur möglich war, ­besitzlos. Geschenke, die er vom Herzog Gunzo erhalten hatte, verteilte er den Armen. Ja, nicht einmal ein kostbar getriebenes Silbergefäss, das sich für den gottesdienstlichen Gebrauch ­geeignet hätte, behielt er zurück. Er zitierte den Apostel Petrus: «Silber und Gold besitze ich nicht …» (Apg. 3, 6). Wie anders würde es in der Welt aussehen, wenn die Menschen nur ansatzweise nach derselben Maxime lebten.

In einer anderen Beziehung können wir Gallus nicht mehr folgen. Mit seinem Lehrer Columban ging er davon aus, dass auch der Schlaf, das Essen und die Sexualität vom inneren Weg ablenken würden. Er übte sich deshalb im Schlafentzug. Er ass so wenig als möglich, und dann immer dasselbe. Schliesslich ­kasteite er sich, um ja nicht von sexuellen Fantasien verlockt zu werden. Von all dem nehmen wir Abstand. Der Schlaf, das Essen und die Sexualität sind Gottesgeschenke, die wir nicht unterdrücken müssen. Die Sinnlichkeit gehört zu unserer Geschöpflichkeit. Als ganze Menschen sind wir Gottes Geschöpfe. Die ­Reformatoren haben wohl gewusst, warum sie geheiratet haben.


Eigener Weg

Geradezu urprotestantisch ist schliesslich der Mut, den Gallus bewies, als er sich von Columban trennte und in unserer Region zurückblieb. Stern und Kern von Columbans Mönchstheologie war die Gehorsamsforderung. Auf das erste Wort des Abtes sollte der Mönch aufstehen und ihm gehorchen. Mit seinem unbedingten Gehorsam dem Vorgesetzten gegenüber sollte der Mönch den Gehorsam gegenüber Gott einüben. Er sollte ­lernen, sich ganz in den Willen Gottes zu ergeben.

Für Gallus muss aber spätestens in Bregenz die Einsicht gekommen sein, dass er den menschlichen Mittler zwischen sich und Gott nicht mehr brauchte. Er war selbst in der Lage, die dritte Bitte des Unser Vaters zu beten: «Dein Wille geschehe.» Er konnte in eigener Verantwortung seinen täglichen Weg zu Gott weitergehen. – Mit dieser Einsicht muss aber ein Kampf in ihm ausgebrochen sein. Einerseits hatte er seinem Abt auf Lebenszeit Gehorsam gelobt, andererseits hatte er sich entwickelt und war zu einer neuen Gottesbeziehung gereift. Kein Wunder, dass er von einem heftigen Fieber ergriffen wurde.

Aber Gallus hat den Kampf bestanden. Er löste sich von Columban. Nicht einmal dessen Verbot, die Messe zu lesen, konnte ihn schrecken. Er ging fortan seinen Weg. Nicht als moderner Mensch, in völliger Autonomie, sondern wie später ein Martin Luther in tiefer Verbundenheit mit Gott, aber ohne den Mittler und ohne Rücksicht auf die Meinung und die Drohungen anderer Menschen.


Mitmenschen

Die Mitmenschen waren Gallus allerdings in anderer Hinsicht sehr wichtig. Zunächst wäre festzuhalten, dass Gallus nie ein Einsiedler im engeren Sinne war. Von Anfang an lebten andere Beter mit ihm zusammen. Ihre Zahl nahm mit der Zeit zu. ­Gallus lebte in einer Gemeinschaft. Gemeinsam sang die Mönchsschar im Oratorium die Psalmen. Gemeinsam ass sie auch. Gallus lebte in einem sozialen Netz.

Zu diesem gehörten auch zahlreiche Menschen, die ihn unterstützten. Zu nennen wären der Priester Willimar in Arbon, Bischof Johannes in Konstanz, Graf Talto, Priester Willibert, Herzog Gunzo sowie mehrere merowingische Könige. Ohne deren Hilfe wäre die Waldexistenz des Gallus und seiner Mitmönche gar nicht möglich gewesen. Der Wald gehörte jemandem. Die zahlreichen nötigen Bauten konnten die Männer nicht alleine errichten. Das Essen kam wahrscheinlich grossenteils aus Arbon. Auch weibliches und männliches Dienstpersonal dürfen wir annehmen.

Es ist aber auch offensichtlich, dass Gallus seinerseits anderen Menschen geholfen hat. Zu einem «Helfer für viele» sei er geworden, schreibt einer der beiden Biografen des 9. Jahrhunderts. Dies ist auch nicht verwunderlich. Nachdem Gallus der Herzogstochter Fridiburga hatte helfen können, war er zur öffentlichen Person geworden. Andere kranke, wohl auch ­verunfallte Menschen suchten bei ihm Hilfe. Auch Menschen, die einen Rat brauchten, und solche, die durch seine Predigt ­gestärkt werden wollten.

Die Stille zum Gebet, die Gallus eigentlich gesucht hatte, wurde wahrscheinlich täglich gestört. Nach der anfänglichen Flucht nach Grabs hören wir aber kein einziges Mal mehr ­davon, dass er sich den bei ihm Hilfe suchenden Menschen entzogen hätte. Offenbar hat er seine soziale Verantwortung wahrgenommen und jene Zeiten genützt, in denen er die Ruhe zum Gebet fand. Insofern kann er geradezu als Vorbild für eine ­Kirche gelten, die sich die Formel «Nahe bei Gott – nahe bei den Menschen» zum Wahlspruch erkoren hat.

Biblische Verwurzelung

Zutiefst mit protestantischen wie auch mit katholischen Christen verbunden ist Gallus schliesslich durch seine Vertiefung in die ­Bibel. In der Heiligen Schrift hat Gallus täglich gelesen. Wir dürfen annehmen, dass er gleich seinem Lehrer Columban kaum ein biblisches Buch nicht gekannt hätte. Viele Bücher, wie etwa die Psalmen und die Evangelien, wird er auswendig gekannt haben.

Er muss sich auch mit der Auslegung der biblischen Schriften befasst haben. Die Geistlichen in Arbon «erquickte er mit der Speise der Schrift», wie es heisst. Den Grabser Diakon Johannes führte er zur Vorbereitung auf das Bischofsamt in das tiefere Verständnis der Bibel ein. Und auch mit den sechs Mönchen, die ihn aus Luxeuil besuchten, unterhielt er sich über die Heilige Schrift.

Wie weit sich Gallus in seinem Lebensvollzug an die biblische Botschaft hielt, ist an sich eine offene Frage. Wenn wir aber das Voranstehende nochmals bedenken, uns die enge Gottesverbindung des Mönchs, sein Unterwegssein, seinen Mut zum eigenen Weg und seine Mitmenschlichkeit vor Augen führen, können wir kaum daran zweifeln, dass Gallus wirklich im biblischen Sinn und Geist gelebt hat. Und damit auch in Verbindung mit den Reformatoren, für welche die Bibel Grundlage des christlichen Glaubens und Lebens war.

Max Schär, Rorschach


Von dem Historiker und reformierten Theologen Max Schär stammt das ­erste umfassende Buch über Gallus: Gallus – Der Heilige in seiner Zeit, Schwabe Verlag Basel 2011.

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