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 Ausgabe 05/2013 
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«Singen ist wie Liebe» – Ein Plädoyer für das Singen

Ist Singen eigentlich noch populär? Oder ist Singen zur «kulturellen Verhaltensanomalie» geworden, wie vor vielen Jahren schon diagnostiziert wurde? Wie dem auch sei: Singen ist eine archaische und elementare Lebensäusserung. Und Singen ist wie Liebe – schwer zu beschreiben. Das Singen muss aber wie die Liebe gelebt werden.


Es gibt gute Gründe zu argumentieren, Singen sei populär. Vor ein paar Jahren machte der schwedische Film «Wie im Himmel» Furore. Zum Inhalt: Der Ruhm von Daniel Dareus, einem weltberühmten Dirigenten, wächst mit jedem Konzert, nicht jedoch sein Glück. Schon als Kind träumt er davon, durch die Musik die Herzen der Menschen zu erreichen. Aber sein Traum hat sich nie erfüllt. Nach einem Zusammenbruch auf der Bühne kehrt er in sein Heimatdorf zurück und übernimmt den örtlichen Kirchenchor. Sein leidenschaftliches ­Engagement zeigt schon bald Wirkung: Die Chormitglieder üben hingebungsvoll mit dem neuen Kantor. Schliesslich gelingt es Daniel, sich seinen alten Traum zu erfüllen: Er öffnet mit dem Gesang die Herzen der Menschen. Und offensichtlich hat dieser Film viele Menschen wieder für das Singen und den Chorgesang begeistert. Eine alte Weisheit wurde ­wieder- entdeckt «Wir können zwar gemeinsam singen, aber nicht gemeinsam reden.»

Auch Castingshows liefern Argumente, dass Singen wieder populär ist: Susan Boyle – das hässliche Entlein in Person – singt sich in England aus der Armut, Unbeholfenheit und ­Bedeutungslosigkeit auf die grossen Bühnen, um mit ihren grossen musikalischen Vorbildern aufzutreten und eine ­weltweite erfolgreiche Karriere zu starten. Luca Hänni, ein Maurerlehrling aus der Berner Provinz, löst als DSDS-Sieger einen Medienhype aus und stürmt die Charts. Castingshows stecken an: Konfirmandinnen und Konfirmanden reissen sich förmlich darum, an ihrem grossen Tag solo vor 400 Leuten singen zu dürfen. Schulbands und Schulchöre boomen und Jugendliche haben keine Probleme, sich mit ihrem Gesang vor grossem Publikum zu präsentieren.


Konsum statt Eigengesang

Es gibt aber auch Gegenargumente: Altes Liedgut geht ­verloren, weil es einfach nicht mehr gesungen wird. Bestenfalls werden noch unter der Dusche Opernarien geschmettert. In vielen Familien ist gemeinsames Singen verstummt: kein Morgenlied mehr, kein Schlaflied, kein Lied beim Abwasch oder beim Spaziergang. Wer mit einem Lied auf den Lippen durch die Gassen läuft, riskiert, schräg angesehen zu werden. Vielmehr wird das eigene Singen verdrängt durch den blossen Konsum. Eine seichte und lärmende Gaga-Kultur macht sich überall breit: «Ob Supermarkt, ob Zoo – Musik auf jedem Klo» – singt ein Liedermacher und prangert die Dauer­beschallung und Dauerberieselung an. Er weiss, dass unserer Zeit die Kultur der Stille fehlt. Und erst die Stille ermöglicht den Gesang.

Was aber ist das eigentlich, Singen? Man holt Luft. Das Gehirn steuert diesen Vorgang genauso wie die kontrollierte Gaumen-, Zungen- und Lippenstellung. Die Luft wird ventiliert. Durch die Schwingungen der Stimmbänder wird eine Kraft erzeugt, die die Luft um uns zum Schwingen bringt. Schliesslich entsteht ein mehr oder weniger melodischer Gesang. Singen ist demnach also ein physikalisch-neurologisch beschreibbarer Vorgang. Reicht dies als Erklärung? Singen ist mehr, viel mehr. Singen ist am allerwenigsten Physik. Singen ist wie Liebe – schwer zu beschreiben. Und Singen muss wie die Liebe gelebt werden.

Singen ist belebend und heilend

Und es gibt gute Gründe zu singen, auch medizinische und psychologische. Wissenschaftler haben nämlich bei aktiven Chorsängern untersucht, wie das Singen sich auf den menschlichen Organismus auswirkt. Ihre Feststellung: Aktives Singen fördert die Immunkompetenz. Andere Untersuchungen ­zeigen, dass durch regelmässiges Singen die psychische und physische Leistungsfähigkeit von Schülern verbessert wird. Schulkinder, die regelmässig musizieren, erzielen auch in ­anderen Fächern bessere Leistung. Die soziale Kompetenz wird ebenso gefördert wie die allgemeine Intelligenz und Konzentrationsfähigkeit. Denn die Aufmerksamkeit richtet sich beim Singen und Musizieren auf einen komplexen Vorgang. Dieser ist aber zugleich unmittelbar sinnlich zu spüren. Warum sollte diese Erkenntnis nur für Kinder und nicht auch für Erwachsene gelten?

Oder wie Erfahrungen bei demenzkranken Menschen zeigen: Das tägliche gemeinsame Singen von bekannten Liedern hat geradezu eine seelenheilende Wirkung. Singen ist neben der liebevollen Zuwendung oft der wichtigste und manchmal der einzige Zugang zu verwirrten alten Menschen.


Ursprache der Menschen

Es wird von manchen Forschern sogar behauptet, dass das Singen älter sei als das Sprechen. Es habe bei der Mensch­werdung eine beträchtliche Rolle gespielt. Ihr Argument: Die Hirnareale, die zum Singen gebraucht werden, waren schon früher entwickelt als das menschliche Sprachzentrum. Ärzte im alten Griechenland erkannten schon, dass das Singen schwer verletzten Menschen bei der Genesung und Rehabilitation helfen kann. Mit dem Singen von Altvertrautem kommt eine Art Erinnern des Körpers zurück.

Singen ist wie Liebe. Singen muss gelebt werden. Das gesprochene Wort hat Kraft, dem gesungenen Wort wohnt ein Zauber inne. Die Musik rührt uns Menschen an. Die Musik kann auch ein Gleichnis für Gottes Wirken in uns sein. Wie die Pfeife einer Orgel, die – wenn die Luft durch sie fährt – zu singen und zu klingen beginnt. Wo der Geist Gottes durch einen Menschen geht, da erklingt etwas von Gott. Da wird Gottes Wirklichkeit hörbar. Da sind wir ein Instrument in Gottes Hand, das zu singen und zu klingen beginnt. Es schwingt. Es musiziert. Wenn wir singen, klingt Gott selbst mit ein, singt unser Alter Ego, unsere Ebenbildlichkeit Gottes.

Was ist es aber, das in uns singt, wenn wir singen? Dazu ­Martin Luther King: «Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir doch stets daran denken, dass es in der Welt eine segnende Kraft gibt, die wir Gott nennen und die wir als Musik des Herzens vernehmen.»

Gott – das ist die Musik unseres Herzens. Der uns gegen ­alles Hasten und Hetzen, gegen alle Oberflächlichkeit und ­Lüge, gegen alle Not und Ungerechtigkeit seine Noten ins Herz schreibt. Das ist unser Singen: dass wir zusammen mit der ganzen Schöpfung zum Klangkörper Gottes in dieser Welt werden.


Einfach mitsingen

Das einfachste und überzeugendste Plädoyer jedoch für das Singen liefert jenes kleine Mädchen in einem Schnellzug: Während alle Fahrgäste in ihre Laptops und Zeitungen vertieft sind oder stumm aus dem Fenster blicken, ist nur ein kleines Mädchen zu hören, das Kinderlieder singend durch den Mittelgang hüpft. Böse Blicke lassen nicht lange auf sich warten, bis schliesslich auch die Mutter ihre Tochter genervt zur Ruhe mahnt. Das Mädchen fragt natürlich: «Warum darf ich denn nicht singen?» Die Antwort leuchtet ein: «Was würdest du denn machen, wenn alle anderen Leute im Zug anfangen würden, laut zu singen?» Worauf das Mädchen begeistert antwortet: «Na, dann würde ich natürlich mitsingen!»

Hansueli Walt, St.Gallen


Hansueli Walt ist Pfarrer in der Kirchgemeinde Tablat-St.Gallen und ­Lehrbeauftragter im Fach «Musikalische Gottesdienstgestaltung»

an der Kirchenmusikschule, St.Gallen.


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