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 Ausgabe 05/2013 
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Singen – ein Jungbrunnen, 35 Jahre «Singen für Ältere» mit Rudolf Lutz

Meist  sind es über 100 Personen, die zum monatlichen «Singen für Ältere» mit Rudolf Lutz ins St.Galler Centrum St. Mangen kommen – und das seit bald 35 Jahren.


Es ist 14.30 Uhr, ein warmer Maientag. Schon eine halbe Stunde vor dem «Singen für Ältere» im Centrum St. Mangen strömen sie herzu, Leute aus nah und fern. Elisabeth Schneider (89) erinnert sich: «Schon vor 30 Jahren, als ich noch im Schuhgeschäft nebenan gearbeitet habe, sah ich monatlich diese Scharen hierherströmen. Das gab mir das Gefühl, dass bei St. Mangen etwas Besonderes stattfinden muss – und heute gehöre ich selber zu denen, die monatlich zum Singen mit Ruedi Lutz kommen.» Dass der viel beschäftigte Musiker sich auch nach 35 Jahren noch Zeit nimmt für «uns Ältere», ist für Elisabeth Schneider nicht selbstverständlich. Doch sie weiss, dass Rudolf Lutz weit eher andere Verpflichtungen abgeben würde als das «Singen für Ältere». Denn auch er könne hier auftanken. «Wir Alten sind erfahren und sensibel, wir spüren genau, wie es ihm geht, und er weiss, dass er sich bei uns nicht verstellen muss. Wir brauchen ihn, aber er braucht auch uns.»


Etwas Einzigartiges

In der Eingangshalle zum Centrum St. Mangen herrscht reges Treiben. Am Treppenaufgang stehen Herr und Frau Berner mit Büchsen, in denen sie Geld sammeln. «Das ist speziell für ein Geschenk, denn bald feiert Ruedi Lutz ­seinen 61. Geburtstag», erklärt mir die Dame, zu der ich mich gesetzt habe. Frau Berner sei die gute Seele für solche Sachen. Auch an Weihnachten besorge sie ein Geschenk und übergebe es mit Versen in Appenzeller Dialekt. Frau Berner bestätigt. Sie tue das aus Dankbarkeit, denn dieses Singen sei ein Jungbrunnen, Heil für die Seele.

Auch von der Dame neben mir will ich wissen, was ihr am «Singen für Ältere» gefällt. «Es ist einfach grossartig, wunderbar», sagt sie und entschuldigt sich für ihre einfachen Worte. Dann erzählt sie weiter. Es sei diese Lust am Singen, bei der Humor Platz habe und auch das Religiöse eine Rolle spiele – dies alles mitei­nander mache das Besondere aus, das in dieser Art einzigartig sei. Immer wieder würden auch bekannte Instrumentalis­ten eingeladen. Und abwechslungsreich sei dieses Singen, da man das alte Liedgut entsprechend den Jahreszeiten und Jahresfesten pflege.

Nur zögerlich rückt die 87-jährige Dame mit ihrem Namen raus – sie sei eben katholisch, aus Winkeln. Zusammen mit ihrer Schwester aus Gossau ist sie regelmässig Gast bei diesem Singen, das ihrer Meinung nach weniger mit einer Konfession als eher mit dem Leben zu tun habe.

«Traulich beisammen»

Der Saal oben hat sich gefüllt. Alle sitzen sie bereit, ausgestattet mit dem Liederbuch «Mir singed eis», herausgegeben von Pro Senectute, und dem Liederbuch der Ostschweizer Gastroverbände. Mit Applaus wird Ruedi Lutz empfangen. Ein kurzer Gruss und sogleich geht’s zur Sache: Lied 51 «Wem Gott will eine rechte Gunst erweisen». Eine fröhliche Einstimmung am Flügel ermuntert zum Gesang, der nach einer Aufwärmphase bald in vollen Tönen erklingt und in den Worten des Dichters Eichendorff durch «Wald und Feld und Erd und Himmel» führt. Zurück in den Saal, ja in die Tiefe der  Herzens, leitet Lied 53 «Wir sitzen so traulich beisammen und haben uns alle so lieb, erheitern einander das Leben, o wenn es doch immer so blieb!». Volkstümlicher zu und her geht es mit: «Es Burebüebli mahn i nit» und «D Zyt isch doo». Als Überleitung vom einen zum andern Lied erzählt Rudolf Lutz oft Appenzeller Witze. Und dass er auch da ein wahrer Künstler und Improvisator ist – me mos die au chöne öberebringe –, zeigt sich in herzhaftem Lachen. Nach weiteren heimatlichen Liedern wird der Horizont erweitert, etwa nach Süden mit «Aprite le porte» und schliesslich bis zu «den Ufern des Mexiko-River».

In der Pause schenkt das Messmerehepaar Giger mit Helferinnen Kaffee aus, überall im Saal liegen Guetzli bereit, so- dass sich die grosse Schar nach dem Kaffee­bezug schnell wieder verteilt.

Margrith Müller hinter mir bleibt in der Pause sitzen. Sie hat sich selber etwas zum Knabbern mitgebracht, das sie in ihrem Alter gut verträgt. Die 93-Jährige erzählt mir, wie ihr Vater die sechs Kinder stets zum Singen animiert habe. Weil sie bis zum 78. Lebensjahr täglich im Verkaufsgeschäft stehen musste, habe sie erst im Alter zum Singen zurückgefunden.

Nach der Pause gibt’s auf Wunsch von Frau Müller das Lied «Wenn Schneeballe blüjet im Mai» – ein für die jüngern Alten unbekanntes Lied. Der mit einer Art Roulette erkorene Mai-Jubilär – er meldete sich bei der Zahl 23, da der 23. Mai sein Geburtstag ist – wünscht sich das Appenzeller Landsgemeindelied «Alles Leben strömt aus dir». Gegen 17 Uhr das  letzte Lied. Rudolf Lutz erinnert an die kommenden Daten und erwähnt den 5. Juli, an dem auf 35 Jahre «Singen für Ältere» zurückgeschaut wird.

Andreas Schwendener

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