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 Ausgabe 06-07/2013 
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Der Ort des Vertrauens - Einige Gedanken zum Thema Heimat

Der Begriff «Heimat» hat im Deutschen zwei Bedeutungen. Einmal bezeichnet er das Vaterland (lateinisch «patria»), dann die Wohnstätte, den Wohnsitz ­(lateinisch «domicilium»).  In beiden Bedeutungen ist Heimat emotional prägend,  ruft zur Verantwortung und führt über sich hinaus.


Wenn jemand den Flecken Erde, auf dem er geboren wurde und auf dem er lebt, liebt, wird er von einem gewissen Patriotis­mus getragen. Gegen dieses Gefühl ist nichts einzuwenden. Es ist der natürliche Ausdruck der Bindungen an eine Gegend, in der man aufgewachsen ist, deren Menschen man kennt, ­deren Orte, Wege und Plätze einem ans Herz gewachsen sind.


Heimat gibt es, weil es die Fremde gibt

Problematisch wird es, wenn der Patriotismus in den Nati­onalismus umschlägt und die Heimat mit den Landesgrenzen verwechselt wird. Diese Verschiebung ist der Grund für grosse Verletzungen, die sich durch die Geschichte der Menschheit ziehen. Sie lassen sich durch keine Heimatliebe rechtfertigen.

Oft bemerkt man die eigene Heimatliebe erst, wenn man in der Fremde ist. Man sehnt sich dann unter Umständen zurück nach dem Klima, dem Essen, den Geräuschen, den Menschen, mit denen man vertraut ist. Das Gegenstück zu dieser Empfindung von Heimweh ist das Fernweh, das einen ergreift, wenn man der Heimat überdrüssig wird. Daraus wird klar, dass es Heimat nur geben kann, weil es die Fremde gibt, wie es auch Nähe nur gibt, weil es die Ferne gibt, und ein Drinnen nur, weil es ein Draussen gibt. Wer wissen will, was es heisst, drinnen zu sein, muss draussen gewesen sein.

Wer deshalb die Heimat wirklich kennen will, muss in die Fremde gehen. Beim Zurückkommen in die Schweiz zum Beispiel sieht er dann klar, wie grün und saftig hier die Wiesen sind, wie die Bäume strotzen vor Kraft oder wie meterhoher Schneefall Landschaft und Sitten verändert etc. Er erkennt seine Heimat, sieht die gewohnten Ecken, Strassen, Wege wie neu. So nährt die Erfahrung der Fremde seine Heimatliebe.


Heimat, ein Ort des ersten Vertrauens

Ausgerüstet mit einem politisch soziologischen Blick, kann er auch feststellen, was es heisst, sich in einem der reichsten Länder der Welt zu befinden, in dem es zwar einen breiten Mittelstand und kein Elend gibt, aber eine verdeckte Armut und immer mehr Menschen, einheimische wie fremde, die in Verhältnissen leben müssen, die ans Prekäre grenzen. Er wird auch bemerken, dass er in einer Demokratie lebt, die, gerade weil sie eine lebendige Demokratie sein will, ständig an ihrer Selbstoptimierung zu arbeiten hat. Er bewegt sich in einer überwiegend alphabetisierten und medial erschlossenen Gesellschaft, in der pro Kopf oft mehrere Internetzugänge, Computer,

TV-Anschlüsse, Telefonverbindungen, Tageszeitungen etc. zur Verfügung stehen. Auch die medizinische Sicherheit ist hierzulande hoch. 

Doch trotz all dieser und weiterer Qualitäten weist unser Land weltweit eine der höchsten Suizidraten auf. In der Schweiz ist die Suizidrate so hoch, dass, rein statistisch, alle ­Leserinnen und Leser dieser Zeilen früher oder später im näheren oder ferneren Bekanntenkreis von einem Suizid ­betroffen sind. Der Gebrauch von Psychopharmaka und ­Alkohol ist weit verbreitet. Manche vereinsamen, Vereinzelte verwahrlosen vollständig. Viele leiden an Depressionen, Schlaf- oder ­Ess­­störungen. Der Fremdenhass nimmt zu, auch die verbale und die physische Gewaltbereitschaft, von der ­Zerstörungswut ganz zu schweigen.

Warum dies alles? Ohne die zahlreichen angedeuteten Phänomene auf einen Nenner herunterbrechen zu wollen, meine ich, dass einerseits der soziale Druck, anderseits die soziale Kälte in unserer Leistungsgesellschaft wichtige Faktoren für diese Missstände sind. Die Vergrösserung gerechter Verhältnisse gilt es im Allgemeinen anzustreben, aber an diesen beiden Faktoren gilt es im eigenen Umfeld zu arbeiten. Ob unsere Heimat freundlich, lebensbejahend ist und nicht nur zu Leistungen und Erfolgen anspornt, sondern auch zu Entspannung und Regeneration einlädt, hängt zuallererst von uns selbst ab. Hierauf können wir in unseren Tätigkeitsfeldern des Berufslebens, des Freundeskreises und der Familie bewusst achten. Auch dies, ob unsere Heimat eine sympathische

Fehlerakzeptanz und eine weltoffene Gastlichkeit ausstrahlt, hängt von uns ab.

Wir sehen schon: Der Begriff «Heimat» ist zu wertvoll, um ihn ausschliesslich jenen zu überlassen, die mit diesem Begriff zweifelhafte Identitätsangebote machen und ihn missbrauchen, um ihre politischen Ziele zu erreichen.

Heimat sollte der Ort sein, wo wir blind die Schritte machen können, wo uns nichts unheimlich ist, wo alle Dinge

uns zutraulich entgegenkommen. Heimat ist der Ort unseres ­ersten Vertrauens.


Von der ewigen Heimat

Vertrauen ist eine Grundbedeutung des Wortes «Glauben». Von daher überrascht es nicht, dass der Begriff «Heimat» in der Religion eine Rolle spielt. Seit alters gilt das himmlische ­Jerusalem, gilt der Garten Eden, das verlorene, das verheissene Paradies als eigentliche Heimat der menschlichen Seele. Heimkehren bedeutet in diesem Zusammenhang sterben, um in ein anderes Reich aufgenommen zu werden, bedeutet die Erde verlassen, auf welcher der Mensch nur zu Gast, ein Fremdling, ist, auf dass seine Seele ihrer wahren Bestimmung, ihrem wahren Ziel, ihrer wahren Heimat entgegengehen kann. Diese Lesart überträgt die positiven Gefühle für die irdische Heimat auf ein Jenseits, dessen Wirklichkeit auf dem Glauben beruht.

In diesem Sinn begegnen wir dem Begriff «Heimat» in den Versen des tragisch früh, im Alter von 27 Jahren, an Schwindsucht verstorbenen Dichters Ludwig Hölty (1748–1776):


Wann, Friedensbote, der du das Paradies

Dem müden Erdenpilger aufschliessest, Tod,

Wann führst du mich mit deinem goldnen

Stabe gen Himmel, zu meiner Heimat?


Diese Fassung des Begriffs «Heimat» hat Romantik, gewiss, Romantik avant la lettre, denn Hölty gehörte als Mitglied des Göttinger Hains zu den Vorbereitern des Sturm und Drang. Sehnsucht trägt Höltys Verse, ein Heimweh anderer Art. Ein Heimweh, das zwar viele Wanderer, Morgenlandfahrer, Glücks- und Heilssucher aufbrechen und in der Fremde das Eigene suchen liess, das aber eine auf Erden unstillbare Bewegung auslöst: die Suche nach dem göttlichen, dem unsterblichen, dem höchsten Licht. Die Romantiker wussten, dass dieser Suche die Nacht besonders zuträglich ist. Joseph Freiherr von Eichendorff (1788–1857) hat in seinem Gedicht «Mondnacht» diesem romantischen Wissen einen unvergänglichen Ausdruck verliehen:


Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküsst,

Dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst.

 

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

 

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.


Den Flug der Seele, den diese Verse beschreiben, zu überprüfen, wird an einem jeden von uns liegen, wenn seine Stunde schlägt. Jeden ereilt es. Doch die Verheissung lautet, dass dieser Flug sanft in eine höhere, eine bessere Welt führen könnte. In einer Mondnacht ist dieselbe für Eichendorff ahnbar geworden. Dieser Erfahrung hat er mit seinem Gedicht Ausdruck verliehen. Schon die erste Strophe spricht von einer verwandelten Welt, in welcher die heilige Hochzeit von Himmel und Erde vollzogen wird. Wie im Traum liegt die Erde da, schimmert. Dadurch werden die schlicht aufgezählten Naturphänomene der zweiten Strophe mystisch aufgeladen: Sie werden durchsichtig für das Geheimnis. Die dritte Strophe hebt zum Seelenflug an, lässt die Seele in der sternklaren Nacht über die Ährenfelder und Wälder gleiten und spricht, ohne explizit zu werden, von der letzten Heimkehr.  Zweifellos ein tiefer, ein wunderschöner Text.

Doch darf dieser Ausblick hier nicht den Blick für die Gegenwart verstellen. Vorderhand ist unser aller Heimat hier, und wie sich diese Heimat gibt, das hängt von einem jeden Einzelnen von uns ab. 

Florian Vetsch, St.Gallen


Florian Vetsch unterrichtet am Gymnasium der Kantonsschule am Burggraben Philosophie und Deutsch; von ihm sind zahlreiche Bücher erschienen, zuletzt das amerikanische Tagebuch «Im Ledig House – Ein Frühling in New York», Books Ex Oriente, München 2012.

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