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 Ausgabe 05/2013 
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Der Kässmann-Effekt – Kirchentag mit Manifest gegen Rüstung

Am Bodensee-Kirchentag in Überlingen gibt es Kirchentagsatmosphäre mit einem «Wir-sind-Kirche»-Gefühl. Hunderte wollen die frühere Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Kässmann, hören.


Es ist kurz nach sieben Uhr und an den Kirchentüren hängen Schilder «Müns­ter übervoll». Margot Kässmann, gefallener Engel, Strahlefrau, medial anschlussfähige Protestantin, wird sprechen. Im ehrwürdigen gotischen Bau im Zentrum von Überlingen wuselt es von Christen verschiedenster Couleur. Ein Nasiräer mit Rauschebart und weissem Gewand zieht die Blicke auf sich: Freundlich erklärt er, dass er seit dem Gelübde 2007 die Haare nicht schneide. Teenies knipsen mit dem iPhone rum, Junggebliebene hocken sich angesichts überfüllter Bänke auf den Steinboden – Hauptsache Kässmann-Nähe ergattern. Und die über ein Rotlicht gestolperte ehemalige Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland stärkt, als sie kurz nach 20 Uhr auftritt, gleich mal das Selbstbewusstsein der kunterbunten Gemeinde: «Jeden Sonntag gehen in Deutschland fünf Millionen Christen in Gottesdienste – aber nur 700000 in Bundesligastadien.» Applaus.


Predigt und Performance

Margot Kässmann tritt mit einer denkbar einfachen Übungsanlage, weitab von Empfehlungen aus Event-Manager-Handbüchern, an: «Bibelarbeit und Gespräch mit dem Publikum». Was he­rauskommt, ist ein Mix aus Predigt und Performance. Zwar trägt sie nicht frei vor, aber Ausstrahlung und Stimme haben einen Sog, und man ertappt sich nach dem letzten Satz beim Gedanken: Schade, ist es vorbei.

«Come and see» lautet das Kirchentagsmotto, und auf dem Plakat ist ein Junge zu sehen, der seine Finger wie einen Feldstecher vor die Augen hält. Das Zitat stammt aus dem Johannes-Evangelium und ist für Kässmann eine Aufforderung, Glaube als sinnliche Erfahrung zu leben. Sie versteht die Einladung «Komm und sieh!» an die Jesus-Jüngerinnen und -Jünger als Aufruf zur Lebens- und Entdeckerfreude, um aus dem stillen Kämmerlein in die Gemeinschaft zu kommen. «Die Zukunft gehört denen, die an die Schönheit ihrer Träume glauben.» Diese Glaubensfreude ist für sie aber auch eine Absage an die «Karnevalisierung der deutschen Gesellschaft», die nach Auftritten in Cas­tingshows giert und den Wert der Person an deren Lohnniveau misst: «Was für ein gruseliges Weltbild.»


Kein Platz für Kriegsgurgeln

Man mag dies als Populärtheologie abtun. Doch die neuerdings als Botschafterin für das Lutherjahr amtende 54-Jährige wirkt auch ernsthaft und erreicht in ihren besten Momenten das, was man «Authentizität» nennt. Es ist die alte evangelische Botschaft, die sie durchbuchstabiert: Der christliche Gott ist kein Siegergott, beim Kreuz ist kein Platz für Kriegsgurgeln, Gott ist da, wo Menschen leiden. «Darum ist es richtig, dass nach Rüstungsexporten gefragt wird», sagt sie in Anspielung an das Manifest gegen Rüstungsexporte in der Bodenseeregion (siehe Kasten).

Auch zur Ökumene findet sie eine gute Mischung von Austeilen und Versöhnlichkeit. Auf die Frage nach ihrer Haltung zur ökumenischen Gastfreundschaft sagt sie: «Ich gehe nicht zur Eucharistie, weil ich mich nicht eingeladen weiss – sondern ausgeladen.» Und stellt fest, dass die geschwisterlichen Bemühungen von offizieller katholischer Seite «nicht so ganz dynamisch» seien.


Open Air ohne Kommerz

Gibt es eine «Margot Kässmann der Schweiz»? Nein. So wenig wie die hiesigen Landeskirchen eine Kirchentags-tradition kennen, deren Atmosphäre etwas von einem Wirgefühl eines friedlichen Open Airs ohne Kommerz­walze hat. Es ist die hier selten zu machende Erfahrung, «dass wir gar nicht so wenige sind». Natürlich gab es auch kritische Stimmen zu Kässmann: «Das habe ich schon einmal von ihr gehört», wird über einzelne Episoden gesagt. Aber eben auch, als Argument für das Dabeisein: «Wir haben nicht viele solcher Frauen.»

Daniel Klingenberg 


Daniel Klingenberg ist Redaktor beim St.Galler Tagblatt und Pfarrer von Krinau.



2014 in St.Gallen


Am 15. Bodensee-Kirchentag vom 15. bis zum 17. Juni in Überlingen – mit Workshops, Gottesdiensten und Konzerten – haben rund 2000 Leute teilgenommen. Neben dem Kässmann-Auftritt war die ökumenische Erklärung zur Rüstungsindustrie ein Höhepunkt des Anlasses. «Es gibt Alternativen zur Konstruktion, zur Produktion und zum Export von Waffen», heisst es darin. Auch das heisse Eisen, dass solche ­Firmen «gute» Arbeitgeber seien und wirtschaftlichen Wohlstand garantieren, wird dabei angepackt. Auf Schweizer Seite gibt es am Bodensee ebenfalls Firmen, die Rüstungsmaterial herstellen und exportieren.

Der 16. Bodensee-Kirchentag findet vom 16. bis 18. Mai 2014, zum zweiten Mal nach 2006, in St.Gallen statt. Nach Auskunft von Jens Mayer von der evangelischen Kantonalkirche gibt es am Montag, 3. September, ein erstes Planungstreffen. Wer an einer Mitarbeit interessiert ist, kann an diesem Datum um 15.30 Uhr ins Kirchgemeindehaus St. Mangen in St.Gallen kommen. kl



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