der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St.Gallen |
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Ausgabe 01/2004 ![]() Diese Ausgabe als PDF |
«Wir reden nicht über Hass» - Interview mit Arno GruenWie vor ihm Erich Fromm versucht der Psychoanalytiker Arno Gruen die menschliche Destruktivität zu verstehen. Und wie Fromm bringt er das Erbe der Religion therapeutisch neu zur Sprache. Kirchenbote:Ist Hass für Sie ein Modethema der letzten Monate? Arno Gruen:Nein. Hass wird noch immer nicht wahrgenommen als das, was es ist: Hass ist ein integraler Teil vom Menschsein in unserer Kultur. Aber wir verschweigen das. Wir reden davon, dass Terroristen und andere religiös motiviert sind. Wir reden nicht über Hass. Das wird verdeckt.
Wieso ist Hass Teil des Menschseins? Hass entsteht dadurch, dass ein Mensch gedemütigt wird. Schon als Kind. Wenn ein Mensch nicht akzeptiert wird als Kind, dann lernt er diesen Teil des Menschseins zu hassen. Es als Fremdes zu erleben. Und er projiziert es nach aussen. Zum Beispiel: Wenn ein Kind weint, dann hört es von den Eltern: Es soll kein Weichling sein. Es merkt, dass die Eltern seine Trauer nicht aushalten können. Es beginnt, seine eigenen Tränen zu verachten. Warum machen Eltern das?
Die Trauer des Kindes verunsichert die Eltern in ihrem Selbstwert.
Eltern haben ein Bild von der guten Mutter, dem guten Vater. Zu diesem
Bild passt kein weinendes Kind.
Schwierig ist es, wenn Menschen, die schon gedemütigt wurden, in der
Welt keinen Platz finden. Zum Beispiel keinen Arbeitsplatz. Das
vergrössert den Hass, den sie schon haben. Indem sie jemanden zum
Feind deklarieren, können sie sich des Hasses entledigen. In Ihrem neuen Buch reden Sie in diesem Zusammenhang von «falschen Göttern». Was meinen Sie damit? Falsche Götter sind Politiker, die Ängste schüren, die Menschen erlauben, den Hass auszuagieren. Es gibt politische Parteien, die Erfolg ernten, indem sie diese Ängste schüren. Leider nehmen die anderen Parteien den Hass gar nicht ernst. Dadurch erkennen sie nicht, dass Menschen sich gefährdet fühlen, Angst haben, und verlieren als Politiker den Boden. Warum sagen Sie «falsche Götter» und nicht: «falsche Führer»? Götter, weil sie von vielen so erlebt werden: Das sind die Menschen, die uns sagen, was richtig ist. Die uns erlösen werden. Wir glauben an sie. Das ist nichts Intellektuelles, sondern hat mit emotionalen Bedürfnissen zu tun. Man übernimmt keine Verantwortung für sich selber, sondern erwartet, dass einer mich aus der Sackgasse führt. Sehen Sie Wege aus dem Hass? Hasserfüllte Menschen müssen zuerst Zugang finden zu dem, was sie als Schwäche erleben. Es geht darum, ihr Mitgefühl zu stärken. Sie müssen erleben können: Wenn sie etwas für andere Menschen tun, werden sie selber stärker. Also Mitgefühl für die, die hassen? Nein, das hilft nichts. In Therapien, wo Hassende lieb und nett behandelt werden, äussern die nur Verachtung. Die haben den Schmerz ihrer Opfer völlig ausgeschaltet. Man muss verstehen, was dahinter steckt: Schmerz für sie ist Schwäche. In England habe ich bei einer Therapie mitgewirkt, wo Strafgefangene Dramen von Shakespeare mitspielten. Wenn diese Menschen als Schauspieler mitmachten, fingen sie nach einer Weile an zu fühlen. «Die Lehre Christi zeigt, was uns durch Liebe möglich ist», sagen Sie an einer Stelle in Ihrem Buch. Jesus war ein Mensch, der barmherzig war und das als Kraft erlebte. Er konnte diese Haltung anderen Menschen weitergeben: das Trösten. Mit jemandem leiden, wenn er leidet. Das ist die einzige Art, eine wahre Kraft in sich zu erleben: durch das Fühlen des Schmerzes und Leidens eines anderen. Die meisten von uns haben Angst davor. Sie versuchen durch Eroberungen, ob im Geschäft oder sonst, erfolgreich zu sein. So versuchen wir, Schmerz und Leid zu entkommen. Christus ging in die andere Richtung. Er betonte, sein Weg des Mitgefühls sei die einzige Wahrheit. Und er gab Menschen die Möglichkeit, so zu wachsen.
Reinhard Kramm, «Wir reden davon, dass Terroristen und andere religiös motiviert sind. Wir reden nicht über Hass. Das wird verdeckt.»
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