der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St.Gallen |
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Ausgabe 05/2013 Diese Ausgabe als PDF |
«Weihnachten ohne Familie – das ist gar nichts» - Jesus erlebte keine gemütliche WeihnachtDas Jesulein in der Krippe, unter dem Weihnachtsbaum die Geschenke, und alle sind nett zueinander: So schön kann Weihnachten sein. Was aber, wenn dieses Idyll Risse hat? Dann schlägt die Stunde der biblischen Weihnachtsgeschichte. Frau L. bewohnt ein kleines Zimmer in einem Altersheim. Pfarrerin W. hat sie besucht, mit ihr geplaudert. Beim Abschiednehmen wünscht sie ihr frohe Weihnachten. Ein Schatten geht über das Gesicht der alten Frau. «Für mich gibt es in diesem Jahr keine Weihnachten. Seit die Ehe meines Sohnes geschieden worden ist, feiert die Schwiegertochter mit den Kindern zusammen mit ihrem neuen Freund. Mein Sohn verreist für die Feiertage in die Karibik. Weihnachten ohne die Familie, vor allem ohne Kinder, das ist gar nichts.»
Die Äusserungen von Frau L. sind typisch für die Vorstellungen über das Weihnachtsfest, wie sie sich im Verlauf der letzten zwei oder drei Jahrhunderte entwickelt haben. Weihnachten gilt für viele fast ausschliesslich als Familien- und vor allem Kinderfest. Damit hängt der Schmerz zusammen, der bei Alleinstehenden und Kinderlosen über die Festtage oft besonders gross ist. Oder es führt häufig auch zu kritischen Situationen in der Familie, wenn das Weihnachtsfest die hohen Erwartungen dann doch nicht erfüllt. Nichts Romantisch-NiedlichesIn diesem Zusammenhang mag hilfreich sein, sich an den Ursprung des Weihnachtsfestes in der Bibel zu erinnern. Die Weihnachtstexte machen nämlich deutlich: Im Fest der Geburt Christi geht es nicht um etwas Romantisches und Niedliches. Weihnachten ist nicht nur ein Fest für Kinder – das natürlich hoffentlich auch. Zur Weihnachtsfreude sind aber alle eingeladen, auch – oder sogar besonders – Männer, Frauen und Kinder, die aus irgendeinem Grund traurig sind. Die, vielleicht zu Recht, meinen, sie könnten sich in diesem Jahr über Weihnachten nicht freuen. Von Randständigen begrüsstMan lese die Weihnachtsgeschichten im Neuen Testament! «Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging (…).» Der Text aus dem Lukasevangelium ist alles andere als niedlich. Ein Mann aus dem Volk wird gezwungen, zusammen mit seiner schwangeren Frau eine unbequeme und gefährliche Reise zu unternehmen. Das neugeborene Kind wird nicht in einen liebevoll vorbereiteten Stubenwagen, sondern in eine Futterkrippe gelegt. Die Ersten, die von der Geburt erfahren, sind Männer, die in der damaligen Gesellschaft als so unzuverlässig galten, dass sie vor einem Gericht nicht als Zeugen auftreten durften: die Hirten. «Und die Hirten (…) priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.»
Die Freude hängt hier nicht von den äusseren Umständen ab, sondern von der völlig unerwarteten Botschaft: «Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren.» Auch die Allerärmsten und Verachtetsten dürfen sich über die Geburt Jesu freuen. «Die Freude hängt in den Weihnachtsgeschichten der Bibel nicht von den äusseren Umständen ab.»Die Weihnachtsgeschichte im Matthäusevangelium ist fast noch härter: Joseph ist enttäuscht darüber, dass seine Verlobte ohne sein Zutun schwanger geworden ist. Er will sie verlassen. Es braucht einen von Gott geschickten Traum, damit er trotzdem bei Maria bleibt und die Verantwortung für den neugeborenen Jesus übernimmt. Und dann die Geschichte von der Flucht nach Ägypten und vom Kindermord in Bethlehem: König Herodes fühlt sich vom neugeborenen Kind bedroht, weshalb er alle Kinder in Bethlehem und Umgebung töten lässt, die «zweijährig und darunter waren». Das Haus auf den Kopf stellenIn den andern Evangelien im Neuen Testament gibt es keine Weihnachtsgeschichten im eigentlichen Sinn. Durchaus sachgemäss fasst das Johannesevangelium das Geschehen so zusammen: «Die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.» «Und das Wort ward Fleisch.» «Fleisch» ist in der biblischen Sprache Ausdruck der Hinfälligkeit und des Ausgeliefertseins an den Tod. «Alles Fleisch ist Gras (...). Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt», heisst es im Buch Jesaja. Das Leben Jesu ist gemäss der Bibel bereits von Anfang an vom Sterben überschattet, es läuft auf den Tod am Kreuz zu. Von diesem Jesus glauben Christinnen und Christen, dass er der Welt das Heil und das Leben bringt. Das ist die Weihnachtsbotschaft, die besonders auch für Menschen wie Frau L. gilt. Die Weihnachtsfreude ist nicht nur für Leute, denen es vergleichsweise gut geht und die ein schönes Familienleben haben, sondern besonders für diejenigen im Schatten. Es ist dies ein Aspekt des Jesusbildes in der Bibel, der in immer neuen Zusammenhängen aufscheint. «Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet», schreibt der Apostel Paulus. Oder an einer anderen Stelle: «Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäusserte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an (…). Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.» Auch diese Texte kann man als Kurzfassungen der Weihnachtsgeschichte lesen. Über das Jesusbild der Bibel kann man ganze Bücher schreiben. Wichtig ist ausnahmslos Jesu kompromisslose Hinwendung zu den Menschen. Er macht keinen Bogen um Aussätzige und Geisteskranke. Er muss es sich gefallen lassen, dass man ihn dazu auffordert, die Gegend wieder zu verlassen, nachdem er einem schwer Behinderten zu einem neuen Leben verholfen hat. Oder in einem andern Fall wird der Plan, Jesus vor Gericht zu bringen, unmittelbar mit einer Krankenheilung verknüpft. Jesus wird nicht müde, den Menschen in Tat und Wort einen Gott nahe zu bringen, der selbst den Menschen unermüdlich nachgeht – wie ein Hirte auf der Suche nach einem verlorenen Schaf oder wie eine arme Frau, die das ganze Haus auf den Kopf stellt, um eine verlorene Münze zu finden. Wie dieser Gott sollen auch wir sein und vorbehaltlos die andern lieben. Weihnachten – auch für Frau L.!Weihnachten ist das Fest der Geburt Jesu und ein Angebot für alle – auch für Frau L.! Die Gottesdienste am Heiligen Abend und am Weihnachtstag – besonders auch das Abendmahl – sind gerade für Menschen da, die an Weihnachten die emotionale Geborgenheit in ihrem Umfeld nicht finden.
Frank Jehle, Pfr. Dr. theol., war lange Seelsorger und Dozent an der Universität St.Gallen. Heute ist er freischaffend. Bildlegenden oben: Henri Loevenbruck, Das Jesusfragment, Thriller, München 2005, 428 Seiten, Fr. 16.50 unten: Gerd Theissen, Annette Merz, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen 1997 (zweite Auflage), 557 Seiten, Fr. 56.– |
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