der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St.Gallen |
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Ausgabe 05/2013 Diese Ausgabe als PDF |
DefinitivSonderfälle: Wir Schweizer - Alfred Dubach: 35 Jahre ReligionssoziologieVor zehn Jahren erschien «Jede(r) ein Sonderfall», die erste Studie über Religion in der Schweiz. Alfred Dubach wirkte prägend mit. Nun geht er in Pension: Nahezu gleichzeitig erschien die «Zweite Sonderfallstudie». Die Schweizerinnen und Schweizer habens mit der Religion wie mit ihrem politischen Selbstverständnis: Sonderfälle sind sie alle. Die einen stehen traditionell kirchennah, die anderen suchen den Lebenssinn in einer Kombination von Religionen, die Dritten glauben an das Gute im Menschen. Die Glaubensinhalte gelten aber nicht für immer: Auch in der religiösen Orientierung ist der heutige Mensch immer unterwegs, ein moderner Nomade.
Diese – mittlerweile Allgemeingut gewordene – Erkenntnisse über das
religiöse Verhalten der Schweizer stammen von der Studie «Jede(r) ein
Sonderfall», die vor rund zehn Jahren erschien. In diesen Tagen kam die
Nachfolgearbeit «Ein neues Modell von Religion» auf den Markt (Kasten). Made in St.GallenPubliziert wurden diese Studien vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut, das an der Gallusstrasse in St.Gallen beheimatet ist und in der Soziologie einen internationalen Ruf geniesst. Treibende Kraft dieses Instituts war lange Jahre Alfred Dubach – nun geht er in Pension. 1970 kam der in Sursee aufgewachsene Luzerner nach dem Studium der Theologie und der Soziologie und der Promotion in Rom nach St.Gallen. Zwei Jahre vorher – «die kirchliche Grosswetterlage war damals reformfreudiger» – war das Institut in der Aufbruchstimmung des zweiten Konzils gegründet worden. «Religionssoziologie ist eine Art Selbstaufklärung der Kirchen.»«Die Religionssoziologie ist eine Art Selbstaufklärung der Kirchen», sagt Dubach. Durch das Aufzeigen der empirischen Wirklichkeit – nämlich wie die Menschen von heute Religiosität leben – hat sie ein sehr praktisches Anliegen: Der Kirche und den Kirchenleuten Einsichten in die religiöse Landschaft zu geben und damit die «Anschlussfähigkeit» der Kirche an die Moderne zu fördern. Die Haupterkenntnis der «Sonderfall-Studien», dass sich Religion ähnlich wie andere Lebensbereiche individualisiere, habe vielen Seelsorgern geholfen, die eigene Situation besser zu verstehen. Dass es nämlich nicht einfach das eigene Versagen sei, wenn im Gottesdienst immer weniger Menschen sässen. Sondern dass sich dahinter ein grundlegender Wandel der Gesellschaft verbirgt, der unabhängig von der Kirche geschieht: Das eigene Ich rückt in den Mittelpunkt, das Leben ist eine fortwährende Selbstthematisierung und -inszenierung. Kirche auf dem Markt
Dies hat gewichtige Folgen für die Kirchen: Weil Religion dadurch nicht
mehr in der Institution, sondern biographisch verankert ist, muss die
Kirche plötzlich auf dem Markt der Sinnanbieter bestehen. Eine Chance
hat sie, wenn sie lernt, dass sie eigentlich ein
Dienstleistungsunternehmen in Sachen Lebenssinn ist – und ihre
Leistungen gemessen werden. Solche Erkenntnisse würden auch
provozieren, stellt Dubach mit Schmunzeln fest: «Je höher die
Hierarchie, desto schwieriger die Akzeptanz.» Und weil sich
insbesondere «die Katholische Kirche schwer tue, wenn die Leute selber
zu denken beginnen», wolle die Religionssoziologie mit ihren
Forschungsergebnissen auch die Theologie aus ihrem Elfenbeinturm holen. Religiöses KribbelnWas hat Alfred Dubach zu seinem ausserordentlichen Engagement in der Religionssoziologie angetrieben? Er zitiert aus dem Gedicht «Tagesordnung» von Hans Magnus Enzensberger. Gott lasse den Menschen nicht in Ruhe und umgekehrt, eine Art «religiöses Kribbeln» erfasse sie. Die Neugier, wie die Leute damit umgehen, habe ihn angetrieben. Zumal er das Lebensgefühl der Moderne mit dem Ende der grossen Sinnzusammenhänge teilt: Dubach umschreibt es als «schwebende Gewissheit».
Daniel Klingenberg Bildlegende: Alfred Dubach, lange Jahre treibende Kraft des Pastoralsoziologischen Instituts: «Die
Einsichten der Religionssoziologie helfen Seelsorgern, ihre Situation besser zu verstehen.» Ein neues Modell von ReligionSo lautet der Titel des soeben im Theologischen Verlag Zürich erschienenen Buches von Alfred Dubach und Brigitte Fuchs. Der Untertitel «Zweite Schweizer Sonderfallstudie – Herausforderung für die Kirchen» macht deutlich, dass damit an die erste Sonderfallstudie («Jede[r] ein Sonderfall») angeknüpft wird. Aus dem Klappentext: «Unsere Gesellschaft kennt keinen allgemein gültigen und verlässlichen Sinn mehr. Der Verlust jeder Selbstverständlichkeit ist selbstverständlich geworden. Das Leben hat keinen Halt mehr in überwölbenden Weltsichten. Es muss sich je neu entwerfen und inszenieren, sich in Kommunikation vergewissern. Die Ergebnisse der zweiten Sonderfallstudie zeigen einen neuen Umgang mit Religion insbesondere unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf. Sie sind mit einer Vielfalt von Lebensdeutungen konfrontiert.» |
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