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Politik

US-Wahlen

Ist es christlicher, Trump zu wählen?

03.11.2016
Aus der Distanz scheint der Wahlkampf in den USA nicht viel mit christlichen Werten zu tun zu haben: Sowohl Donald Trump als auch Hillary Clinton sind in den Medien eher durch Beleidigungen und Unwahrheiten präsent. Täuscht dieser Eindruck? Zwei USA-Kennerinnen geben ihre Einschätzung.

Am 8. November ist es soweit: Dann entscheidet sich, wer die USA künftig regieren wird. Bis dahin haben sich die Hauptkonkurrenten Hillary Clinton von der Demokratischen Partei und Donald Trump von den Republikanern mit harten Bandagen bekämpft. Von christlichen Werten ist – zumindest aus der Entfernung – nicht viel zu spüren.

Beide sind protestantisch
Tatsächlich sind beide Kandidaten Protestanten und gehören damit zum «US-Mainstream», wie es «Welt»-Korrespondent Ansgar Graw formuliert. Während Clinton Methodistin ist und in ihrer Handtasche ständig eine Bibel mitführt, ist Trump Presbyterianer und wurde laut seiner Biografin als Kind von einem charismatischen Pastor geprägt. Aber: «Wenn man den beiden so zuhört, finde ich, dass sie es mit den christlichen Werten wie Nächstenliebe, Ehrlichkeit und Demut nicht so ernst nehmen», sagt Mireille Tanner. Die Schweizerin war jahrelang Pfarrerin im thurgauischen Kradolf-Schönenberg und lebt heute mit ihrer Familie in den USA. Zwar könne sie über die beiden Kandidaten auch nur via Medienberichte urteilen, trotzdem sei für sie klar, dass sie keinen der beiden unterstützen könne.

Macht statt Christlichkeit
Noch härter geht Ramona Ambühl mit Clinton und Trump ins Gericht: «Der US-Wahlkampf wirkt wie eine lächerliche Schlammschlacht», sagt die gebürtige Amerikanerin, die seit 35 Jahren in der Schweiz lebt. «Sie versuchen sich gegenseitig niederzumetzeln und gehen nicht besonders professionell und respektvoll miteinander um.» Christliche Motive sieht sie hinter den Kandidaturen der beiden keine – vielmehr stecke dahinter wohl das Streben nach Ruhm und Macht. Trotz des ernüchternden Urteils bleibt Ramona Ambühl optimistisch: «Schlussendlich kommt es, wie es kommen muss. Dafür vertraue ich auf Gott.»

Es gibt eine Alternative
Zwar steckt auch Mireille Tanner viel Vertrauen in Gott, doch sie möchte aktiv etwas unternehmen. So hat sie auf ihrer Facebook-Seite kürzlich ein Werbevideo von Gary Johnson gepostet. Der ehemalige Gouverneur von New Mexico ist der Präsidentschaftskandidat der Libertären Partei, findet in der von der Polarisierung zwischen Demokraten und Republikanern geprägten Öffentlichkeit der USA aber kaum Beachtung. «Mit dem Video wollte ich zeigen, dass es einen dritten Weg gibt», sagt Tanner kämpferisch. «Die meisten Wähler stimmen nämlich nicht für einen Kandidaten, sondern für das kleinere Übel.» Gary Johnson sei für sie hingegen eine echte Alternative.

Demokratin als «kleineres Übel»
Während Gary Johnson chancenlos bleiben wird, hört man aus den Antworten beider Frauen etwas heraus: Sie würden Hillary Clinton Donald Trump wohl vorziehen. Oder anders gesagt: Die Demokratin wäre für sie das «kleinere Übel». Die Theorie, wonach Donald Trump die christlichere Wahl sei, weil er die USA beispielsweise vor dem Einfluss des radikalen Islams schützen wolle, verfängt nicht. Im Gegenteil: Tanner, die Teilzeit als Pfarrerin in einer hispanischen Kirche arbeitet und viel mit Immigranten zu tun hat, sagt: «Indem sich Donald Trump so stark gegen die Legalisierung von papierlosen Immigranten ausspricht, macht er sich bei uns in der Kirche nicht wirklich Freunde.» So oder so scheinen christliche Werte der falsche Massstab zu sein, um im US-Wahlkampf Clinton oder Trump die Stimme zu geben.

Cyrill Rüegger / Kirchenbote / 3. November 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


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