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Gesellschaft

Ein Dorf mitten in der Stadt

04.11.2016
Gute Nachbarn sind Gold wert, wie unser junger Autor erfahren hat. Ein Umzug innerhalb von Bern hat ihn von der anonymen Grossstadt zurück ins «Dorf» gebracht.

Vor ein paar Monaten habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass ich innerhalb von Bern umgezogen bin. Am neuen Ort habe ich mich innert kürzester Zeit eingelebt und schnell ein neues Zuhause gefunden. Möglich wurde dies dank der spezielle Stimmung im Haus und dank meinen lieben Nachbarn.

 Wo gibts Zucker oder Salz?

In meiner alten Wohnung hatte ich nur mit zwei von insgesamt zehn Nachbarn überhaupt je Gespräche geführt, welche über ein einfaches «Hallo!» hinaus gingen. So wusste ich zum Beispiel nie, wo ich anklopfen könnte für etwas Zucker oder Salz. Dass das aber auch ganz anders sein kann, habe ich dann erst am neuen Ort gelernt. Bereits bei der Schlüsselübergabe wurde ich von meinem pensionierten Nachbarn auf derselben Etage zu einem Kaffee eingeladen – zugegebenermassen nur dank etwas VitaminB. Wie ich berichtete, war mein Vormieter ein Arbeitskollege von mir, und dieser hatte mit dem pensionierten Nachbarn bereits eine gute Nachbarschaft gepflegt. So sass ich also keine Stunde, nachdem ich den Schlüssel für mein neues Daheim erhalten hatte, bei meinem neuen Nachbarn in der Wohnung.

Keine Woche später sassen wir dann mit einem Bierchen bei mir in der Wohnung und diskutierten zusammen über Gott und die Welt. Dabei kamen wir auch auf meinen Grill zu sprechen. Der Nachbar erzählte mir von seinem Plan, etwas mit allen Bewohnern vom Haus zu machen, da es allgemein sehr viele Mieterwechsel gab. Er habe da an einen gemeinsamen Grillabend gedacht. Bereits in der Woche drauf lud er alle Nachbarn persönlich zum Grillabend ein. Mit ganz wenigen Ausnahmen war die Resonanz sehr positiv.

Der grosse Grillabend

An besagtem Abend versammelten sich dann immer mehr und mehr Leute vor dem Haus, und bei einem kleinen Apéro lernte man sich schnell kennen. Jeder brachte sein Essen und Trinken selber mit und so verbrachten wir einen gemütlichen Abend bei bestem Wetter. Der Grossteil der Hausbewohner sass dann sogar bis nach Mitternacht vor dem Haus und genoss die laue Sommernacht. Die Altersspanne der Gäste war beeindruckend und reichte von Kindern, jungen und älteren Erwachsenen bis hinauf zu über 80-jährigen Senioren.

Seit jenem Abend hat sich die Stimmung in unserem Haus noch um einiges verbessert. In der Zwischenzeit fanden zwei weitere Grillabende statt und bis Ende Jahr sind noch weitere Anlässe geplant. Persönlich bin ich natürlich am meisten auf den offenbar traditionellen Neujahrsapéro im Januar gespannt, welcher jeweils auf den Terrassen von mir selbst und meinem direkten Nachbarn abgehalten wird. Dieses Event zum Jahresanfang habe ich sozusagen mit der Wohnung zusammen «geerbt».

Im letzten halben Jahr wurde mir richtig bewusst, wie wertvoll eine gute Nachbarschaft sein kann. Sie sorgt dafür, dass die anonyme Grossstadt zum geliebten Dorf mutiert. Und ich weiss jetzt auch, wo ich Zucker und Salz kriege.

Michael Schuler / 4.11.2016


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