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Gesellschaft

Studie zu Terrorismus

«Die Behörden sind überfordert»

07.11.2016
Johannes Saal schreibt seine Doktorarbeit an der Universität Luzern zum Thema Terrorismus. Er warnt: Die Radikalisierung wird auch in der Schweiz eine immer grössere Bedrohung.

Herr Saal, warum ziehen Menschen in den Dschihad?
Das ist eine sehr komplexe Frage. Ich untersuche Rekrutierungs- und Radikalisierungsmechanismen aus der Perspektive heraus, dass sie kollektive Handlungen sind. Terroristische Anschläge sind kaum je Einzeltaten, sie entstehen aus Gruppen und Netzwerken heraus. Familien- und Freundesbeziehungen spielen eine grosse Rolle.

Und das Internet?
Natürlich können die Leute Propaganda übers Internet konsumieren, aber die Rekrutierung läuft immer noch stark über soziale Gruppen. Der Dschihadismus ist mittlerweile eine Subkultur, eine Jugendkultur geworden. Das heisst nicht, dass die Leute religiös versiert sind. Viele kommen aus nicht religiösen Haushalten und werden dann mit schwarz-weissen Ideologie-Konzepten konfrontiert. Viele kommen aus sozial problematischen Familien. Die religiöse Ideologie gibt ihnen Struktur.

Spielt Religion also eine marginale Rolle, am Ende?
Das Thema Religion ist sehr ambivalent. Man darf den Anteil der Religion an diesen Entwicklungen aber nicht völlig negieren, wie das teilweise in der Politik noch immer passiert. Man darf sie aber auch nicht pauschal auf den Islam zurückwerfen. Aber religiöse Stätten wie Moscheen können Anlaufstellen für Rekrutierungsprozesse sein, auch wenn es wenige sind. Das haben wir am Fall Winterthur gesehen.

Ist Religion gewalttätig?
Strukturell gesehen ist jede Religion anfällig für Gewalt. Religionen sind nicht homogen, diese Entwicklungen sind nicht neu. Weil Religionen politischen und gesellschaftlichen Prozessen ausgesetzt sind.

Warum sind wir denn ausgerechnet jetzt mit dem Terror konfrontiert?
Ein Erklärungsansatz ist, dass die Fragmentierung des Nahen Ostens dafür verantwortlich ist. Aber ich finde es nicht richtig, immer die eine grosse Antwort zu suchen. Die einfache, prägnante Lösungsantwort gibt es nicht. Terror ist sehr komplex und vielschichtig.

Konnten Sie Faktoren nennen, die eher zu Terrorismus führen?
Ja, beispielsweise Sicherheit, Wohlstand und Bildung. Autokratische Systeme im Nahen Osten tendieren dazu, fundamentale Systeme noch weiter zu unterstützen. Das erklärt aber noch nicht, warum sich Leute im Westen radikalisieren. Dass die Schweiz bisher vom Terror verschont blieb, kann daran liegen, dass die Netzwerke sich hier viel später gebildet haben.

Sie glauben also, es steht uns alles noch bevor?
Ja, das glaube ich. Aber es wird länger dauern, bis der Terror in der Schweiz ankommt, weil die Strukturen dafür noch nicht stehen, zumindest in der Deutschschweiz. Genf war lange die inoffizielle Stadt der Muslimbrüder in Europa. Aber knallharter Dschihadismus, der ist in der Schweiz ein neues Phänomen. In den letzten Jahren wurde auch in der Schweiz ein Anstieg von Leuten beobachtet, die sich radikalisieren. Die Rekrutierungsnetzwerke sind besser geworden, die geografischen und sprachlichen Verbindungen nach Deutschland und Österreich sind relevant. Die Schweiz ist keine Insel.

Wie gross ist die Chance, dass ich einen Dschihadisten kenne, ohne es zu wissen?
Es ist ein Klischee, zu glauben, dass Terroristen irrationale, psychisch kranke Soziopathen sind. In Tat und Wahrheit sind es normale Leute. Leute, die mit Ihnen zur Schule gegangen sind, mit denen Sie aufwuchsen.

Was können wir gegen diese Entwicklungen tun?
Die Kurzzeitlösung lautet: Strafverfolgung, Polizeiarbeit. Langfristig aber muss man Prävention betreiben. In beiden Fällen steckt die Schweiz noch in den Kinderschuhen. Ich glaube, die Behörden sind damit überfordert. Das Bundesstrafgericht hat 60 hängige Verfahren, die kommen mit der Arbeit gar nicht hinterher.

Macht Ihnen das nicht Angst?
Nein, weil die Anzahl Muslime, die radikal sind, sehr gering ist. Panikmache ist fehl am Platz, das Abendland wird nicht islamisiert. Aber ich glaube, es ist besorgniserregend, dass potenzielle Gefährder der Demokratie herumlaufen. Denn mit dem Terror werden auch antimuslimische Ressentiments genährt. Terror und Konservatismus profitieren davon, dass gegenseitig gehetzt wird. Man versucht, einen Konflikt zwischen Gesellschaft und Radikalisierten zu schüren.

Beeinflusst Fremdsein die Radikalisierung?
Ja. Einige Prediger setzen den Leuten diese Idee in den Kopf, dass sie Opfer sind, Fremde in den Gesellschaften des Westens. Man will den Eindruck erwecken, dass die Mehrheitsgesellschaft gegen den Islam ist. Dadurch erwirkt man Abgrenzungsprozesse junger Muslime.

Gehört Religion abgeschafft?
Nein. Man kann Menschen nicht davon abhalten, sich zu radikalisieren, indem man ihre Symbole und Werte abschafft. Religionsfreiheit ist wichtig.

Was hat dschihadistischer Terror mit dem Islam als Religion zu tun?
Der Islam an sich ist nicht das Problem, es geht um eine spezifische Strömung des Islams. Radikale Muslime sind auch Muslime, sie vertreten den Islam genau so wie alle anderen Parteien. Der Islam ist kein monolithischer Block. Die gesellschaftliche Diskussion bedarf mehr Differenzierung.

Anna Miller / Kirchenbote / 7. November 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


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