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Kirche

Jesus und Nikodemus oder wie Denkmuster Verstehen behindern

Geboren werden, um zu sehen

23.11.2016
«Jesus entgegnete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht von oben geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus sagt zu ihm: Wie kann denn ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht ein zweites Mal in den Schoss der Mutter gelangen und geboren werden?» Johannes 3,3+4 (Zürcher Übersetzung

Aus dem Dunkel der Nacht taucht dieser Nikodemus bei Jesus auf. Nikodemus ist nicht irgendeiner. Er zählt zu den Pharisäern, ist Mitglied des Hohen Rates. Ihm ist die Verankerung des Glaubens im täglichen Leben wichtig und er gehört der obersten jüdischen religiösen und politischen Behörde an. Ihm imponiert Jesus. Mit dem, was er sagt. Mit dem, was er wirkt. Das kann nur jemand, der mit Gott in Beziehung steht. 

Von oben geboren werden

Weiter kommt Nikodemus nicht. Jesus ergreift das Wort: «Wer nicht von oben geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen.» Fast scheint es, als unterbinde Jesus mit diesem Satz die schnelle und leichtfertige Rede von Gott. Wer von Gott sprechen will, der muss eine Bedingung erfüllen. Er müsse von oben geboren werden, sagt Jesus. So wie Menschen gewöhnlich funktionieren, das reicht nicht aus. Dafür braucht es etwas mehr. Etwas Neues. Eine neue Dimension. Einen neuen Anfang.

Unverständnis

Nikodemus kommt da nicht mit. Mit Händen greifbar ein Fragezeichen in Person. Er ist ja nicht auf den Kopf gefallen. Aber das übersteigt seinen Verstand. Noch einmal geboren werden? Als Erwachsener noch einmal in den Bauch der Mutter? Das geht nicht! Nikodemus versteht Jesus nicht. Kann Jesus nicht verstehen. Denn er bleibt ganz bei dem, was er kennt. Er bewegt sich ganz in bekannten Denkmustern. Denkmustern, die beanspruchen, auch auf Glaubensdinge anwendbar zu sein. Für einen so seltsamen, jeglicher Vernunft widersprechenden Satz gibt es darin keinen Platz. 

Neu sehen

Jesus und Nikodemus reden vom Gleichen. Und doch versteht Nikodemus Jesus nicht. Er kann die Botschaft von Jesus für sich nicht entschlüsseln. In seinem Gedankengebäude verharrend entgeht ihm, dass es draussen noch mehr gibt als eigene Gedankenschusterei. Gerade in Glaubensdingen. Da zählt nicht Wissen. Da zählt vertrauender Glaube. Der Glaube, dass alles Sein Ursprung und Ziel in Gott hat. Dass Gott Ja sagt zum Leben, zum Menschen, zu mir. Dass Gott so in der Welt ist und in die Welt kommt. Vertrauender Glaube sieht anders, sieht neu. Sieht alles Sein und Leben aufgehoben in Gott und den Menschen anvertraut, gut zu gestalten.   

Advent und Weihnachten ermutigen mich, mein Gedankengebäude zu verlassen. Mich in vertrauendem Glauben zu üben. Und dabei anders und neu zu sehen. Ganz so, wie es ein Weihnachtslied besingt: «Das Kind im Stall soll dir geboren werden. Du weisst nicht wie? Zünd deine Lichter an und trau darauf, dass jeder Ort auf Erden ihm Stall und Stroh und Krippe werden kann.» 

Text: Pfrn. Christina Nutt, Azmoos | Bild: Bergkreuz im Alpstein oberhalb Wildhaus – Kirchenbote SG, Dezember 2016

 


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fadegrad – unverblümt und direkt  | Artikel

«fadegrad» heisst der neue Podcast der kath.und evang.-ref. Kirchen der Kantone St.Gallen und beider Appenzell. Er löst das bisherige Radio-/Podcast-Projekt «Gott und d’Welt» ab. Der Religionspädagogin und Journalistin Ines Schaberger obliegt die Leitung des Podcasts. Unterstützt wird sie von der Rheinthalerin Samantha de Keijzer, Praktikantin bei der evang.-ref. Kirche des Kantons St.Gallen sowie der Toggenburger Journalistin Lara Abderhalden.

«Wir fragen Menschen, warum sie tun, was sie tun und wie sie geworden sind, wer sie sind – und das ‚fadegrad’, direkt und unverblümt», erklärt Ines Schaberger das Konzept des Podcasts. Eine «fadegrad»-Folge dauert rund dreissig Minuten. „Das ist einer der grossen Vorteile von Podcasts. Ich kann mit den Gästen ein Thema vertieft besprechen».

Zusätzliche Hintergrundinfos und kurze Videos zu den Folgen gibt es auf Instagram


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Vom Zauberklang der Dinge ist zugleich ein Dokumentarfilm und eine Webserie über den Schweizer Komponisten und Chorleiter Peter Roth, sein Werk, sowie die Chöre, Singenden und Musizierenden, die sein Schaffen begleiten. Die universale Bedeutung von Klang und Resonanz als Vermittlung zwischen Menschen und Kulturen, zwischen Innenleben und Außenwelt, spielt eine zentrale Rolle in seinem Wirken.


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