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Kirche

Neugeburt des Einzelnen und des Landes

23.11.2016
Zwingli entdeckte neu den Wert der Schrift und der Bibellektüre. Seine wesentliche und ihn überwältigende Entdeckung war aber das, wovon die Schrift zeugt: Gottes Güte, die seit Anfang der Schöpfung alles dafür tut, dass der Mensch aus Gottes Wort und Geist neu geboren wird und ihn, Gott, erkennen und genies­sen kann. Das verändert auch die Welt.

Zwingli lebte adventlich – in der Erwartung grosser Veränderungen für Einzelne und für die Eidgenossenschaft. Er hat in Zürich als Leutpriester am Grossmünster erfahren,
welch Potential in der biblischen Botschaft steckt – Gott erfüllt jetzt seine Verheissungen und giesst seinen Geist aus über alles Volk. 

Das erneuernde Wort Gottes

1522 erlaubte ihm der Rat in Zürich, den Dominikanerinnen im Kloster Oetenbach über «die Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes» zu predigen. Die später aufgeschriebene und ausgebaute Predigt wettert nur nebenbei über kirchliche Missstände, welche die Verbindung zwischen Gott und Mensch verstellen. Primär zeigt Zwingli auf, wie Gott den Menschen so erschaffen hat, dass er Gott suchen, erkennen und seinem Willen folgen kann – wie es in der Bibel verheissen ist. Gott spricht seit jeher klar und gewiss zum Menschen, seinem Ebenbild. Diese innere Führung des «Gemüths» durch himmlische Inspiration hat demnach schon die Erzväter bestärkt, die Propheten zu ihrer Gesellschaftskritik angeleitet, die poetischen Bibeltexte inspiriert oder Maria die Geburt des Erlösers im Voraus wissen lassen. 

«Das Wort Gottes, das Gott selbst ist, erleuchtet alle Menschen.»  

Für Zwingli hat Christus nicht etwas ganz Neues in die Welt gebracht. Durch Gottes Menschwerdung ist aber das, was Gott von Ewigkeit her für die Menschen ist, uns verdeutlicht, «versüsst» und zugänglicher gemacht worden. Gott sucht uns, ja er zieht uns zu sich. Das ermöglicht einen Glauben, in dem sich Gott ohne kirchliche Vermittlung zeigt. «Das Wort Gottes, das Gott selbst ist, erleuchtet alle  Menschen.»  

Wiedergeburt des Einzelnen

Die Möglichkeit, im Glauben in eine direkte Beziehung zu Gott zu finden und so aus seinem Geist zu leben, schien für Zwingli in seiner Zeit neu erfahrbar zu werden. Ausgangspunkt für den spirituellen Weg hin zu den frei fliessenden Gnadengaben Gottes ist für Zwingli die Bibel.  

Beim Hören auf das Wort Gottes sollen eigene Vorstellungen zurücktreten, damit man mit dem wahren Evangelium, von dem die Bibel zeugt, in Kontakt kommt – also mit dem himmlischen Wurzelgrund der Schrift. Eine Pflanze ohne Wurzeln könne nicht wachsen, ebenso müsse man «dem Worte Gottes seine Natur belassen, dann gebiert es in dir und mir den gleichen Sinn.» «Je tiefer nämlich der göttliche Sinn im Verstand herausgearbeitet und bewegt wird, desto tiefer schlägt er seine Wurzeln ins Herz.» Zwingli spricht von einer «geistlichen, gottgeschenkten Schwangerschaft», die aus dem Hören auf Gottes Wort erwachse, von einer Neugeburt aus dem Geist.  

Die Nonnen vom Kloster Oetenbach sollen bald nach dieser Predigt das Kloster und ihr monastisches Leben verlassen haben.

Neugeburt der Eidgenossenschaft

Die evangelische Predigt, welche anstelle der kirchlichen Heilsvermittlungen den direkten Weg zum Heil verkündete, war dem Bischof in Konstanz und auch den weltlichen Obrigkeiten suspekt – vor allem die fünf alten Orte in der Innerschweiz wehrten sich gegen Pfarrer, welche von der neuen Lehre «infiziert» waren. 

Zwingli hatte aus dem Alten Testament erkannt, wie Gott sich auch der Politik bedient, um sein Volk zum Heil zu leiten. So ist es nicht verwunderlich, dass er Zürich in Absprache mit dem grossen Rat zur Reformation führte und in Kontakt trat mit anderen Städten, ja auch mit einem Landgrafen im Norden und mit dem französischen König. Stets predigend.

Zwingli sah sich als Propheten. Darum durfte er gegen die Regeln der Eidgenossenschaft verstossen, wenn es um den heiligen Auftrag ging, die biblische Predigt auch in der Innerschweiz zu ermöglichen. Er sah eine im Geist der Bibel erneuerte Eidgenossenschaft vor sich. Doch diese Vision wurde dann – wie oft – politisch missbraucht, konkret durch die Zürcher Machtpolitik in den Untertanengebieten. So kam es zum Krieg und Zwingli starb tragisch im Kampf für die Neugeburt seines Landes. 

 

Text: Andreas Schwendener | Foto: Daniel Ammann  – Kirchenbote SG, Dezember 2016

 


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