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Politik

Christen, Juden und der neue Antisemitismus

23.11.2016
Die Geschichte der Juden und des christlich-jüdischen Dialogs in der Schweiz, der heutige Antisemitismus und die Christen im Nahen Osten waren Themen einer Studien­tagung zum 70-jährigen Bestehen der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft (CJA) Schweiz.

Verfolgung, Vertreibung, Vernichtung – was die Juden in ihrer mehr als 3000 Jahre alten Geschichte immer wieder erlebten, kulminierte im Holocaust, der mit der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 begann. Zu den besonders verstörenden Aspekten des Völkermords gehört, dass sich Christen an vorderster Front beteiligten. Sich dieser Frage zu stellen, sei vor 70 Jahren eine grosse Herausforderung gewesen, sagte der Basler Kirchenratspräsident Lukas Kundert, zugleich Präsident der Regionalgruppe Basel der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft (CJA) Schweiz.

Abwehr von Antisemitismus

Die Abwehr von Antisemitismus aller Art, aber auch die Förderung des gegenseitigen Verständnisses zwischen Christen und Juden und des interreligiösen Dialogs sind Aufgaben der 1946 von Christen und Juden gegründeten CJA. Ekkehard Stegemann, langjähriger Theologieprofessor an der Universität Basel und Ehrenpräsident der CJA beider Basel, wies darauf hin, dass die Wurzeln der christlichen Judenfeindlichkeit weit zurückreichen. 

Die Bekämpfung des Antisemitismus sei ein permanenter Lernprozess. «Der Hydra wachsen immer wieder Köpfe nach», hielt Stegemann fest. Die Existenz des jüdischen Volkes werde nicht zuletzt durch die Existenz eines jüdischen Staates sichergestellt. Zionismus sei aber nicht als Befreiungsbewegung anerkannt. Im Gegenteil: 1975 hat eine (inzwischen wieder aufgehobene) UNO-Resolution den Zionismus als eine Form von Rassismus bezeichnet.

«Den arabischen Muslimen geht es nirgendwo so gut wie in Israel.»

Der Antisemitismus richte sich heute gegen Israel, sagte Lukas Kundert. Er äussert sich in antiisraelischen Mythen, die auch in Kirchen vertreten würden, wie Stegemann beklagte. Kritik an Israel sei erlaubt, es sei aber ein Unterschied, von Apartheid zu reden oder Kritik zu üben, sagte Herbert Wohlmann, Vorstandsmitglied der CJA Schweiz. Den arabischen Muslimen gehe es nirgendwo so gut wie in Israel.

Gleichberechtigt in Israel

Gleiches gilt für die Christen. Israel sei das einzige Land im Nahen Osten, wo Christen gleichberechtigt neben Juden und Muslimen leben können, hielt Petra Heldt, Pastorin und Direktorin des Ökumenischen theologischen Forschungszentrums «Fraternity» in Israel, fest. Mit der Anerkennung der aramäischen Christen habe Israel eine seit Jahrhunderten bestehende Apartheid von Christen im Nahen Osten annulliert. Mit der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert waren Juden und Christen als sogenannte Dhimmis zu Menschen zweiter Klasse geworden. Mit der Forderung, dass es im Gebiet der Umma, der islamischen Gemeinschaft, zu keiner nicht-islamischen Staatsgründung kommen dürfe, werde die Existenzberechtigung des Staates Israel bestritten. 

 

Das Engagement für die Palästinenser, wie es die politische Linke, aber auch der Lutherische Weltbund betreibe, ist aus der Sicht von Stegemann und Heldt nicht nur einseitig. Stegemann sprach von einer Religion oder Ideologie des Palästinismus. Die palästinensische Theologie sei keine Theologie im christlich-jüdischen Sinn, erläuterte Heldt. Die christlich-jüdische Theologie werde benutzt, um die islamischen Forderungen der Umma durchzusetzen. Der
Palästinismus habe negative Konsequenzen, meinte Heldt. So beeinträchtige er die Hilfe für Christen im Nahen Osten und versuche durch ständige Erodierung den Staat Israel zu zerstören. Er schade auch den Muslimen selbst, was diesen immer stärker bewusst werde. Im Westen werde der Palästinismus weiterhin stark gefördert, gleichzeitig aber im Nahen Osten abgebaut, sagte Heldt.

 

Text: Regula Vogt-Kohler, Redaktorin bei «KIRCHE heute» | Foto: Andreas Schwendener  – Kirchenbote SG, Dezember 2016

 


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