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Gesellschaft

S’Chindli oder s’Wiegeli?

Corinne Haag-Brunner arbeitet gerne mit den Händen. Die Berufswahl fiel ihr nicht leicht. Sollte sie Schreinerin oder Hebamme werden?

«Was will ich? Ein Wiegeli schreinern oder ein Chindli auf die Welt begleiten?», fragte sie sich bei ihrer Berufswahl. Mit einem sonnigen Lächeln auf dem Gesicht strahlt sie ihr Gegenüber aus leuchtenden Augen an. Und doch umgibt sie ein Schimmer von Nachdenklichkeit, wenn sie aus ihrem Alltag als Hebamme spricht. «Mein Grosi sagte einmal, du hast so musku­löse Oberarme, seit du Hebamme bist», erzählt Corinne Haag-Brunner und lacht. «So ist es, man arbeitet mit Muskelkraft und will gleichzeitig Ruhe und Stille schaffen, wenn eine Frau ihr Kind zur Welt bringt.»

Nahe am Leben

Als Privileg in ihrer Berufslaufbahn sieht sie die Zeit als Hebamme am Spital Wattwil, das damals eine Geburtenabteilung betrieb. «Wir leisteten Dienst in der Wochenbettabteilung und in der Gynäkologie. Ich hatte Anteil an vielen Facetten eines Frauenlebens, an wunderschönen und an traurigen», erzählt Corinne Haag-Brunner. Als Antwort auf die Schliessung der Geburtenabteilung in Wattwil war sie Mitinitiantin der Hebammenpraxis Toggenburg, gemeinsam mit zwei jungen Hebammen aus der Region. Denn viele schwangere Frauen zeigen das Bedürfnis nach individueller Begleitung in ihrer Schwangerschaft, in ihrer Geburt und dem Wochenbett. Sie wollen bestärkt werden und Anteilnahme spüren. Wenn Corinne Haag-Brunner von ihren Erfahrungen an verschiedenen Geburtsabteilungen der Spitäler redet und auch vom Glücksgefühl, bei denen sie als Freundin oder Schwester die Gebärende betreute und die Geburt leitete, wird ersichtlich, wie vielschichtig das Thema Geburt ist. 

«Jede Geburt erinnert mich ein wenig an Weihnachten.» 

Nahe am Leben und am Tod, geheimnisvoll, elementar und seit Menschengedenken in den gleichen Abläufen. Dies ist die eine Seite. Eine andere ist die hochtechnisierte, pathologisierte und planbare. Manchmal sei sie traurig geworden bei Geburten. Das Kind könne sich nicht wehren für die Art und Weise, wie es komme, so Corinne Haag-Brunner. Und trotzdem bleibt jede Geburt ein einmaliges Ereignis. 

Und jedes Neugeborene braucht, wie immer die Umstände seiner Geburt auch sind, zuallererst Schutz, Wärme und menschliche Zuwendung. Ohne diese kann kein Mensch weiterleben. «Jede Geburt erinnert mich ein wenig an Weihnachten», sagt die Hebamme, sie blickt
sinnend und lächelt dazu. 

Nahe bei den Frauen

Die Schwiegermutter von Corinne Haag-Brunner hat sie gemacht, eine aus dunkelroter Wolle gestrickte Hülle, eine «Gebärmutter samt Gebärmutterhals». Sie wird für die Geburtsvorbereitungskurse benutzt, dazu das lebensgrosse Bäbi, die «Nabelschnur» an einem Druckknopf an seinem Bauch befestigt, die «Plazenta» aus Stoff und Tüll und das medizinische Modell eines weiblichen Beckens. Sie halte nicht viel von Filmen zur Geburtsvorbereitung, meint die Hebamme: «Eine Geburt ist etwas sehr Persönliches. Ich will nicht falsche Vorstellungen bei den Schwangeren wecken, sondern sie bestärken und beruhigen.» Jetzt kommen ihre beiden Töchter zu Wort, sechs und zehn Jahre alt. Sie wissen genau, wie eine Geburt abläuft. Über ihr eigenes Zur-Welt- Kommen sind sie bestens informiert. Und sie wollen mit dem «Kindlein» spielen, ungewickelt wie es ist. 

Die Aufnahmeprüfung zur Hebammenausbildung machte Corinne Haag-Brunner, ohne jemals eine Geburt gesehen zu haben. Bei «ihrer» ersten Geburt im Praktikum war sie überwältigt. Ihre Hände wollte sie brauchen, mithelfen, wenn Kinder zur Welt kommen. Diese Faszination hält an. 

 

Text und Foto: Katharina Burri, Krinau  – Kirchenbote SG, Dezember 2016

 

«Welle für Welle dem Ziel entgegen»

Mit welchen Bildern würdest du eine Geburt beschreiben?

Für mich kommt das Bild des Meeres am nächsten. Es kann ruhig und entspannend sein, es kann dich überrollen, unheimlich, gewaltig sein. Es kann Angst einflössen, auf der andern Seite wieder wunderschön sein. Bei einer Geburt ist es am besten, wenn man sich einfach darauf einlässt, Welle für Welle dem Ziel entgegen!

Erinnerst du dich an die erste Geburt, die du geleitet hast?

Ich war ganz aufgeregt. Ich habe das Geburtenset früh gerichtet. Mein Herz klopfte laut, ich hatte ganz rote Backen. Aber als das Kind da war, war ich überglücklich. Alles ist sehr gut und natürlich verlaufen. Es war eine schöne und gelungene Zusammenarbeit zwischen der Gebärenden, ihrem Partner, dem Kindlein und mir. Dann habe ich alles in mein privates Geburtstagebuch geschrieben. Das mache ich seither immer und kann so über jede Geburt meine Gedanken und Empfindungen wieder hervorholen. 

Hast du auch eine typische Hebammenstory zu erzählen?

Aber sicher. Und das kam so. Ich sass noch im Hebammenbüro nach meinem Nachtdienst. Es war ein nebliger Herbstmorgen. Ein Mann rannte herein und rief, seine Frau bekomme grad jetzt das Kind, ich solle schnell mitkommen. Wir kannten uns schon von der letzten Geburt her. Das Auto hatte er in der Nähe des Spitaleingangs parkiert. Wir rannten zum Auto, ich hatte das Geburtsset unter dem Arm. Die Frau lag auf der Rückbank und war dabei zu gebären. Sie steige nicht mehr aus, sagte sie in einer Wehenpause. So kam ihr kleines Kindlein problemlos und ohne jegliche Hilfsmittel im Auto zur Welt. Ein Spitalbesucher wurde geschickt, um meine Hebammenkollegin mit warmen Tüchern zu holen, damit das Kleine sich nicht unterkühlte! Es war einfach unglaublich, aber alles ging gut. Und nachher waren wir so erheitert und stolz und klopften uns auf die Schulter, nun hatten wir auch unsere Geschichte, sagten wir zueinander.

Wie hat sich das Gebären verändert in den letzten 16 Jahren, seit du als junge Hebamme deinen Dienst im Spital begonnen hast?

Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Hebammen ist teilweise immer noch sehr hierarchisch und eher ein Gegeneinander anstelle des Miteinanders – was ich sehr bedauere. Leider wird heute immer mehr auf Technik und Kontrolle geachtet aus Angst – und zu wenig dem natürlichen Rhythmus der Schwangerschaft, der Geburt und dem Wochenbett Zeit und Raum gegeben. Wir müssen wieder lernen, vermehrt auf unser «Bauchgefühl» zu vertrauen.

 

 Katharina Burri, Krinau

 


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