Logo
Spiritualität

Zu Zwinglis Schrift über die Vorsehung von 1530

Gott selbst ist die Vorsehung

18.12.2016
Die Souveränität Gottes ist in Zwinglis Denken zentral. Alles hat in der einen Gottheit seinen Grund, sein Leben und sein Ziel: die Natur, die menschlichen Institutionen wie auch das Menschenleben in allem Auf und Ab.

Die tröstliche Gewissheit, dass in allem Gottes Macht, Güte und Weisheit waltet, nennt Zwingli Erkenntnis der Vorsehung. Diese biblisch inspirierte Erkenntnis versucht er in seinem Werk über die Vorsehung philosophisch darzulegen.  Dabei folgt er der neuplatonischen Ideenlehre. Gott ist das eine Sein, in dem auch die Seele als Entelechie gründet, ewig, dem Einen zugehörig.  

Für Zwingli ist Vorsehung nichts anderes als Gott selbst – Gott, der als Macht (Vater), als Gnade (Sohn) und als Wahrheit (Heiliger Geist) den Menschen vom Anfang der Schöpfung her begleitet: im Sündenfall, in der Erziehung durch das Gesetz und durch die Gnade bis hin zu seiner Heimkehr in Gott. Durch die Erfahrung der Ungerechtigkeit reift der Mensch auf Erden zu seiner Bestimmung. Alles Übel kann die eine Gottheit nicht daran hindern, zu vollenden, was sie von Ewigkeit her beschlossen hat. 

Dein Wille geschehe

Dieser feste Glaube in die Vorsehung Gottes ist bei Zwingli wohl auch biografisch bedingt –durch seine Pesterkrankung 1519. In seinem Pestlied ergibt er sich in den Willen Gottes. «Dein Gefäss bin ich; stell es wieder her oder zerbrich es.» Zwingli überlebte die Pest. 

Aber nicht nur in Fragen um Leben und Tod sah Zwingli Gottes Vorsehung am Werk, sondern auch in den kleinen Dingen des Alltags.Wer an den Zufall glaubt, ist für ihn ein Atheist. Häufig erwähnt er die Worte Jesu, wonach Gott sogar unsere Haare gezählt habe oder dass kein Spatz auf den Boden fällt, ohne dass Gott es so fügt. Auch geht es ihm darum, dass der Mensch sich nicht etwas zuschreibt, was allein Gott zusteht. Selbst Jesus habe auf die Anrede: «Guter Meister» geantwortet, «Was nennst Du mich gut? Niemand ist gut ausser Gott.» 

Und nicht zuletzt soll die Erkenntnis der Vorsehung helfen, Erfolge dankbar zu geniessen und grosszügig zu sein mit allen Mitmenschen. Und im Umgang mit dem Scheitern – «mit so harten Dingen» – könnten wir wachsen. «Mit welcher Seelenstärke werden wir dann über diese Welt aufsteigen» zur Gemeinschaft mit Gott! 

 

Text: Andreas Schwendener | Bild: Ölgemälde von Hans Asper in der Zentralbibliothek Zürich – Kirchenbote SG, Januar 2017

 

Der garstige Graben der Geschichte — und das Gedenken der Reformation

Die Reformation hat die Bibel und das, wovon diese zeugt, neu zum Leuchten gebracht. Das Problem unseres Reformationsgedenkens ist aber, dass uns von diesen Lichtern, z. B. den Schriften Zwinglis, 500 Jahre geistesgeschichtliche und gesellschaftliche Entwicklung trennen, in Bezug auf das Evangelium sogar 2000 Jahre. 

Säkularisiertes Weltbild

Aufklärung, Wissenschaften und Säkularisierung haben uns so geprägt, dass auch unser Weltbild säkularisiert ist, unser Denken und Erkennen. Das «Göttliche» hat darin keinen Platz mehr. Wir denken die Natur mechanistisch und die Institutionen pragmatisch und übergehen mit diesen Voraussetzungen so manche Lichter der Bibel oder der Reformatoren. Denn bei Zwingli (und in der Bibel) begegnen wir einem Denken, in dem Gottes Vorsehung alles durchdringt und lenkt und der Mensch daran erkennend Anteil nehmen kann. 

Die Säkularisierung der Welt und des Denkens kann nicht der Weisheit letzter Schluss unserer Entwicklung sein – auch wenn kein Weg zurück führt, um die Natur, den Staat oder die Wissenschaft wieder den alten religiösen Konzepten anzuvertrauen. Diese Sakralität hat ausgedient. Ob eine neue Sakralisierung stattfinden kann, die vom Individuum ausgeht, nicht abgrenzend fundamentalistisch, sondern vernünftig, humanistisch, allgemein menschlich?

Potenzial

Zwinglis Schriften mit ihren philosopisch-anthropologischen Ansätzen enthalten noch ein unentdecktes Potenzial, Gott und die Religion als verbindende Menschheitsangelegenheit zu entdecken. 


KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

Mitreden!  | Artikel

Der Kirchenbote hat neu einen Blog. Reden Sie mit, schauen Sie herein. Es warten spannende Themen auf Sie. 

 


Wie die Graffiti an der Offenen Kirche St.Gallen entstanden  | Artikel

Am 11. Juni jährt sich zum 5. Mal die Vernissage «Weltoffen» zum Graffiti an der Offenen Kirche. Hier ein «Jubiläums-Video», zusammengeschnitten aus Filmarbeiten von Filmemacher Zeno Georgiou aus dem Jahr 2016. Theodor Pindl, Intendant der Offenen Kirche, spricht zur Entstehung und Bedeutung des markanten Graffiti, das in St. Gallen inzwischen wohl alle kennen, aber bald verschwinden wird – wegen Abbruch der Kirche.


Der Atem in Wasser und Klang   | Artikel

Vom Zauberklang der Dinge von Peter Roth

Wir erwachen gerade in eine Zeit in der uns dämmert, dass wir nicht als abgetrenntes Ich existieren. Wir sind mit allem und allen verbunden! Am Einfachsten erfahren wir diese Tatsache über den Atem: Alle Geschöpfe, ob Tier, Pflanzen oder Mensch atmen die gleiche Luft. Der Ein-Atem verbindet uns mit der Zukunft, der Aus-Atem mit der Vergangenheit und die Atem-Stille mit dem Jetzt! Der Ein-Atem schöpft Energie, der Aus-Atem lässt los und die Atem-Stille schafft Präsenz. Diese Einsichten vermittelt die neue Folge 19 mit Klang und Musik, Erfahrungen in der Natur und begleitenden Gedanken.


Podcast: Oh Gott, ich hätte da mal eine Frage!  | Artikel

Ein hinterfragender Podcast über Religion, Glaube, Kirche sowie Gott und die Welt. Isabelle Tschugmall stellt seichte, tiefsinnige und kritische Fragen jeweils den Pfarrpersonen der Kirchgemeinden von Rapperswil-Jona, Weesen-Amden-Riet sowie Uznach und Umgebung. Die Fragen werden von neugierigen Personen via Webseite oder E-Mail eingereicht. Die Idee ist, dass wir den Gemeindemitgliedern einen Zugang zur Kirche und den Pfarrpersonen geben. Ein interaktives Werkzeug resp. Kanal für offene Fragen entsteht.