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Kirche

Serie: Reformation vor Ort

Wie der St.Galler Johannes Kessler 1522 Luther traf

18.12.2016
Johannes Kessler wurde 1503 in ärmlichen Verhältnissen in St.Gallen geboren. Nach der städtischen Lateinschule wechselte er zum Kloster — weil der Lateinunterricht dort für die Münster-Chorsänger gratis war. Als er in Basel weiter studierte — auch beim Humanisten Erasmus von Rotterdam — waren Schriften von Martin Luther in aller Munde. Diesen Luther wollte Kessler nun selber hören. Wie er ihn zuerst unerkannt traf, berichtete Kessler später in seinen zeitgeschichtlichen Feierabend-Notizen, genannt «Sabbata».

Zusammen mit Wolfgang Spengler reiste der 19-jährige Johannes Kessler über Jena, wo sie am 3. März 1522 in ein heftiges Gewitter gerieten. Ein Einheimischer zeigte ihnen den Weg vom Stadttor zum Gasthaus «Schwarzer Bären». Dort sass am Tisch einzig ein Ritter mit einem Büchlein vor sich. «Der grüezet uns fruntlich, hiess uns herfur zue ihm an den tisch sitzen … Bald fieng er an zu fragen, wannen wir geburtig werend, doch gab er im selbst antwurt, ihr sind Schwitzer, wannen seid ihr uss dem Schwitzerland?  Antwurten wir, von St.Gallen.» Wenn sie nach Wittenberg wollten, sagte der Ritter, fänden sie dort «guet landslut», nämlich aus St.Gallen Dr. Hieronymus Schürpf, Professor der Jurisprudenz. Sie fragten, ob Luther in Wittenberg weile, worauf ihnen der Ritter das Studium bei Philippus Melanchthon empfahl, auch das Studium der alten biblischen Sprachen. 

Macht der Wirt Spässe?

Wie der Ritter auch nach dem Basler Erasmus von Rotterdam fragte, gab das den jungen St.Gallern zu denken: Ob er vielleicht eine andere Person sei als ein gewöhnlicher Ritter? Denn er fragte sie weiter, was man in der Schweiz über Luther denke. Sie antworteten: «Min herr, es sind (wie allenthalben) manigerlay manungen, ettlich konnend ihn nitt genugsam erheben und Gott dancken, das er sin warhait durch ihn geoffenbaret und die irrthumb zue erkennen geben hatt, ettlich aber verdammen ihn als ainen un­lidigen ketzer und bevor die gaistlichen.»

Der Wirt hatte mitbekommen, dass die zwei nach Martin Luther fragten. Er rief den jungen Kessler vor die Türe kommen. Dieser erschrak und fragte sich, wo er sich unschicklich verhalten habe. Der Wirt aber sagte: «Diewil ich üch in treuwen erkenn, das ihr den Luther zue hören und sehen begeren, der ists, so by üch sitzet.» Kessler dachte, der Wirt mache nur einen Spass, ging in die Gaststube und setzte sich wieder an den Tisch. Er raunte seinem Kollegen zu, der Wirt habe ihm gesagt, dieser sei der Luther. Auch der Kollege konnte es nicht glauben.

«Der kommen soll»

Schlussendlich zahlte der fremde Ritter die Rechnung für die jungen Männer. Beim Abschied warf er den Waffenrock über seine Achseln, bot ihnen seine Hand  und bat «So ihr gen Wittenberg kommen, grüezend mir den Hieronymus Schurpffen.» Sie sagten, sie wollten das tun, aber wen sollten sie nennen? Er antwortete: «Sagend nitt mer, dann, der kommen soll, lasset üch
grüssen, so verstat er die wort bald.» Die zwei Studenten reisten weiter bis Wittenberg. Als sie Hieronymus Schürpf ihre Briefe übergeben wollten, wurden sie gleich in die Stube hereingerufen und trafen da auch Luther, Philippus Melachthon und weitere Verbündete der Reformation. 

Zufällige Begegnung

Martin Luther war im April 1521 am Reichstag zu Worms vom St.Galler Juristen Dr. Hieronymus Schürpf begleitet und beraten gewesen, als er nichts widerrief «… Gott helfe mir! Amen.» Auf der Rückreise erfuhr man vom Wormser Edikt, das über Luther die Reichsacht verhängte. So blieb dieser vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 in einer Art Schutzhaft auf der Wartburg. Unruhen in Wittenberg bewogen ihn nun aber, als «Junker Jörg» verkleidet nach Hause zu kehren, und so trafen die beiden jungen St.Galler Studenten den 39-jährigen Luther zufällig an jenem Gewitterabend im «Schwarzen Bären» in Jena. 

 

Text: Walter Frei, St.Gallen | Bild: Gottlieb Emil Rittmeyer, Kunstmuseum St.Gallen  – Kirchenbote SG, Januar 2017

 


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