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Gesellschaft

Integration

«Falsch verstandene Toleranz ist unfair»

24.01.2017
Das neue Magazin «Grüezi» erklärt Flüchtlingen die Schweiz. Statt auf strikte Benimmregeln setzen die Kirchen jedoch auf den Dialog.

Wie vermittelt man Flüchtlingen Regeln und Werte in der neuen Heimat? Seit «der Schande» von Köln in der Silvesternacht treibt diese Frage Politik und Kirche um und mündet in Publikationen, die das Zusammenleben regeln und erleichtern sollen. Unter dem Eindruck der Übergriffe in Köln publizierte der Kanton Luzern letztes Jahr kurz vor der Fasnacht «Grundregeln für das Zusammenleben. An diese Regeln müssen sich alle halten».

Der Luzerner Benimm-Flyer provozierte. Flüchtlinge protestierten in einem offenen Brief. Sie fühlten sich «gekränkt» und warfen der Kantonsregierung vor, sie unter Generalverdacht zu stellen: «Sie haben uns als Wilde hingestellt, die aufgeklärt werden müssen.»

Die Kirche will es nun besser machen: Kürzlich erschien das Magazin «Grüezi. Im Gespräch mit Migranten», herausgegeben vom Pfarramt für weltweite Kirche beider Basel und ChristNet Schweiz. Die reformierten Kirchen Aargau, Baselland, Graubünden, Luzern, St. Gallen und Zürich sowie Mission 21 unterstützen dieses Projekt. Das Editorial verfasste die Winterthurer Nationalrätin Maja Ingold.

Offener Dialog statt Benimmregeln
«Das Ziel des ‹Grüezi›-Magazins ist der offene Dialog, nicht Benimmregeln», erklärt Daniel Frei, Leiter des Pfarramts für weltweite Kirche. «Aber es ist unfair, wenn man Migrantinnen und Migranten aus falsch verstandener Toleranz in kulturelle Fallen tappen lässt.» Bei Menschenrechten müsse man «glasklar» sagen, dass unsere Gesetze für alle gelten, meint der Theologe, «sonst werden bei vielen Frauen unterdrückt und Homosexuelle ausgegrenzt».

Das «Grüezi»-Magazin setzt auf Erklärungen und Dialog. Es stellt verschiedene Orte vor, etwa den Park, den Sportplatz, die Wohnung, die Schule, den Arbeitsplatz, die Gemeindeverwaltung und natürlich die Kirche. Der Text erklärt, welche Regeln gelten und was bei den Schweizern Usus ist. Beispielsweise heisst es da zum helvetischen Liebesleben: «Frauen und Männer dürfen sich in Parks berühren und küssen.» Oder zum Arbeitsethos: «Ich arbeite, also bin ich.»

Nicht verallgemeinern
«Grüezi» rät von Schmiergeldzahlungen ab und betont den hohen Stellenwert von Gleichberechtigung, Geld und Arbeit. Unterstellt man den Flüchtlingen damit nicht, dass sie sexistisch, korrupt und faul sind? Die meisten seien sicher nicht faul, «aber unser Arbeitsmarkt ist verdammt hart», sagt Daniel Frei. Es gebe jedoch Einzelne, die tatsächlich vom Sozialstaat profitierten: «Das hört man in der Kirche nicht gerne. Aber es ist naiv, wenn wir alle Migranten zu hoch motivierten, wissensbegierigen Menschen stilisieren. Viele stammen aus Kulturen, in denen Arbeit einen anderen Stellenwert hat und in denen der Staat der Feind ist, den man austricksen muss.» Frei wehrt sich gegen Verallgemeinerungen: «Da ich täglich mit Migranten zusammenarbeite, weiss ich, dass sie sind, wie wir alle – sehr, sehr verschieden.»

«Grüezi» zeichnet ein Bild von Herrn und Frau Schweizer, die sich einiges leisten: Fair-Trade-Produkte, Kinderkrippen und Restaurantbesuche. Haben die meisten Migranten nicht andere Sorgen? «Die Schweiz besteht aus einer starken Mittelschicht. Dahin wollen auch die Migranten gelangen», sagt Daniel Frei. «Auch sie haben Träume. Wir dürfen ihnen nicht absprechen, ihre Hoffnungen hier zu verwirklichen.»

Karin Müller / Kirchenbote / 25. Januar 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


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