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Gesellschaft

«Das Leben ist schön»

Rolf Sigg ist tot. Der Pfarrer und Psychologe war Mitbegründer von Exit. Glaube und Sterbehilfe waren für ihn nie ein Widerspruch. Er veränderte den Umgang mit dem Tod in der Schweiz. Der Kirchenbote traf ihn kurz vor seinem 100. Geburtstag im letzten Februar.

Aufrecht sitzt Rolf Sigg in seinem Rollstuhl, seine Augen fixieren gespannt sein Gegenüber. Ab und zu huscht ein Lächeln übers Gesicht, und wenn er ungeduldig wird, trommeln seine Finger auf dem Tisch. Rolf Sigg feiert am 16. Februar seinen 100. Geburtstag. Er gehört zu den umtriebigsten Pfarrern der Schweiz. Doch bekannt wurde er nicht als Kirchenmann, sondern als profilierter Vertreter der Sterbehilfeorganisation Exit.

Sigg war 14 Jahre lang Pfarrer in Schaffhausen, Rüti und Uster bevor er nochmals an die Universität Zürich ging. Er studierte Psychologie und arbeitete als Schulpsychologe in Baselland. Kurz vor seiner Pensionierung übernahm er ein Pfarramt in Grenchen. Im Kanton Schaffhausen gründete er 1949 die Heimstätte Rüdlingen.

Persönliche Erfahrung
Für Rolf Sigg standen Sterbehilfe und Glaube nie im Widerspruch. Der Grund liegt in einer persönlichen Erfahrung: 1972 erkrankte ein Freund schwer an Krebs und litt unerträgliche Schmerzen. «Ich war damals so hilflos», erzählt Rolf Sigg, «und doch wollte ich ihm seine Qualen ersparen. Ich wollte ihn erlösen», sagt der Hundertjährige.

Ein Arzt gab Sigg ein Medikament. Dieses solle der Kranke in einer doppelten Menge einnehmen, er werde einschlafen und nie mehr erwachen. Rolf Sigg brachte seinem Freund die Flasche und die beiden nahmen Abschied. Doch am nächsten Morgen war «vom Tod keine Spur», der Freund hellwach. Der Arzt riet, es mit einer Spritze zu versuchen. Doch der Freund lehnte ab. Er wollte nicht, dass Rolf Sigg angeklagt wird. Monatelang musste der Freund leiden, bevor er endlich sterben konnte.

Vom «Todesengel» zum Prix Courage
Diese Erfahrung hat den Pfarrer geprägt. Als Rolf Sigg später das Inserat in der NZZ liest, in dem der Zürcher Anwalt Walter Baechi für den Aufbau einer Sterbehilfeorganisation wirbt, meldet er sich. Er wird Geschäftsführer von Exit. Mit aller Kraft habe er sich für den selbstbestimmten Tod engagiert, erzählt Sigg. In seiner Zeit sei die Zahl der Mitglieder von 2500 auf 65000 gestiegen. Stolz klingt in Siggs Stimme mit. 2012 nominiert ihn die Zeitschrift «Der Beobachter» für den «Prix Courage».

Rund 500 Menschen bringt der Pfarrer den Tod. Bald rückt er ins Interesse der Öffentlichkeit. Kritiker nennen ihn «Todesengel», Kollegen feinden ihn an. Das lässt Sigg unberührt. «Ihr würdet anders urteilen, wenn ihr so krank wäret», ist er überzeugt. Bis heute steht Rolf Sigg für seine Mission ein: «Was Exit macht, ist richtig», sagt er.

Fordert nicht das Alte Testament «Du sollst nicht töten»? «Warum sollte Gott einen Menschen weiter leben lassen, wenn der das nicht will? Oder wenn ihm das Leben mit so grossen Schmerzen verleidet ist?», entgegnet Sigg seinen Kritikern.

Ein Umdenken hat stattgefunden
Die öffentliche Diskussion über die Sterbehilfe habe in der Medizin zu einem Umdenken geführt, stellt Rolf Sigg fest. Heute wolle man das Leben nicht um jeden Preis verlängern und setze bei der Versorgung von Schwerstkranken auf Palliative Care. «Das gab es früher nicht.»

Heute lebt der Hundertjährige in einer Alterswohnung in Glattbrugg ZH. Seit sechs Jahren sitzt er im Rollstuhl. Der Platz zwischen Küche und Bett ist grosszügig, so dass Sigg hindurchrollen kann. Vier- bis sechsmal in der Woche schaue seine Frau vorbei. Das Essen kocht Sigg selber.

«Solange man Lebenskraft verspürt, soll man leben. Denn das Leben ist schön», sagt der Pfarrer. Es sei doch wunderbar, wenn man so alt werden dürfe. Es gebe für ihn genügend Aufgaben. Und gewisse Leute hingen an ihm und er an ihnen.

Tilmann Zuber / Kirchenbote / Der Beitrag erschien erstmals am 16. Februar 2017


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