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Spiritualität

Das Gegenüber ernst nehmen

Gott und Mensch auf Augenhöhe

25.02.2017
Begegnung auf Augenhöhe ist eine Herausforderung, sagt Pfarrerin Birke Müller, St. Gallen-Tablat.

«Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild.» 1. Mose 1, 27

Auf dem Hungertuch der diesjährigen Kampagne sind zwei Menschen zu sehen – mehr nicht. Zwei Menschen, die einander die Arme auf die Schulter legen und sich grad in die Augen blicken. Zwei Menschen auf Augenhöhe. «Ich bin, weil du bist.» lautet ein bekanntes afrikanisches Sprichwort. Es drückt die Vorstellung aus, dass es zum Menschsein dazu gehört, Teil eines kosmischen Beziehungsnetzes zu sein, das aus Gott, den Mitmenschen und der Natur besteht. 

In der Bibel finde ich diese Aussage im Schöpfungsbericht: «Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild.» In meinen Augen ist das Hungertuch des deutsch-nigerianischen Künstlers Chidi Kwubiri auch eine Ausgestaltung
dieser biblischen Aussage: Wir Menschen sind, weil Gott ist. Gott lässt uns Menschen werden und stellt uns auf Augenhöhe mit ihm. Ja, wenn ich mich mit diesem Bibelwort vor Augen meditierend in dieses Bild hinein begebe, dann erscheint mir die Aussage «Gott schuf den Menschen nach seinem Bild» wie eine Liebesaussage. Auf dem Hungertuch sehe ich dann Gott und Mensch inniglich verbunden im Blickkontakt miteinander.

Gott und Mensch auf Augenhöhe. Wenn ich das ernst nehme, hat das Folgen für meinen Kontakt mit anderen Mitmenschen. Wenn jeder Mensch von Gott auf Augenhöhe erhoben wurde, kann ich dem Nächsten nur angemessen begegnen, wenn ich ihm auf Augenhöhe begegne; das heisst: ihn ernst nehmen als Gegenüber, aufmerksam, wertschätzend, zugewandt. Denn: «Ich bin, weil du bist.» Gelingt mir das? Oder bei wem fällt mir das schwer?

«Es gehört zum Menschsein, Teil eines kosmischen Beziehungsnetzes zu sein, das aus Gott, den Mitmenschen und der Natur besteht.»

Begegnung auf Augenhöhe, das ist eine Herausforderung, die nicht nur mir persönlich gestellt ist, sondern ebenso uns als Gesellschaft. Und hier kommt nun das Tuch, als Hungertuch mahnend, ins Spiel. Unser Umgang auf wirtschaftlicher Ebene mit Ländern in Afrika, Asien oder Lateinamerika ist leider oft eher von zynischem Charakter; wenn z. B. Schweizer Rohstoffhandelsfirmen – allen voran Trafigura – an Afrika Diesel verkaufen, der einen Schwefelgehalt hat, der fast 400-mal höher ist als in Europa erlaubt. Oder wenn Investoren in Afrika ganze Landstriche pachten, um Agrotreibstoffe für unsere Autotanks herzustellen. Während viele Ethnien die Erde als Mutter achten, degradieren Investoren den Boden zur Ware, beuten ihn aus, zerstören ihn langfristig.

Mit Augenhöhe hat das Ganze nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Die Gier auf eine hohe Rendite erzeugt einen verachtenden Umgang mit den vom Landraub Betroffenen.

Das Bild auf dem Hungertuch hält dagegen, stellt vor Augen, dass Gott uns Menschen liebevoll zugewandt ist. Auf Augenhöhe. Jedem von uns. Und es erinnert daran, dass wir alle Verantwortung für unsere Gesellschaft und ihren Umgang mit anderen Gesellschaften tragen. Machen Sie mit? Bei einer der vielen Brot-für-alle-Aktionen?

 

Text: Birke Müller, Pfarrerin St.Gallen-Tablat, Kirche Halden  – Kirchenbote SG, März 2017

 


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