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Kirche

«Nur das Eigene sehen, ist langweilig»

Seit bald einem Jahr leitet Pascal Bazzell die kantonalkirchliche Arbeitsstelle «Weltweite Kirche». Sie gibt ihm Bodenhaftung.

Schwarze Hose, schwarzes Haar und schneeweisses Hemd. Konzentriert, aufmerksam und sympathisch. Wie Pascal Bazzell so dasitzt, könnte man ihn für einen Studenten aus Hongkong halten oder für einen jungen Banker aus Singapur. Dabei stammt der 37-Jährige aus einem alten Engadiner Geschlecht, ist im schwyzerischen Buttikon aufgewachsen, hat Zimmermann gelernt und arbeitet nun seit fast einem Jahr für die St.Galler Kantonalkirche. Er ist stolz auf seine Herkunft, pflegt sie, hat auch in seiner prägenden Zeit auf den Philippinen dem Raclette gefröhnt. «Aber nur das Eigene, das war mir immer zu langweilig.» 

15 Jahre auf den Philippinen

Darum ist der Mann ziemlich weit herumgekommen. Mit 19 besuchte er eine Bibelschule auf den Philippinen. Geplant waren sechs Monate, am Ende blieb er 15 Jahre. Bald arbeitete er im Gemeindeaufbau und in der Entwicklungszusammenarbeit, studierte Theologie und Missionswissenschaft, interessierte sich für deren interkulturelle Dimension und schlug den wissenschaftlichen Weg ein. Promoviert hat er schliesslich in den USA. Zuvor hatte er in seiner damaligen Heimat auf Mindanao geheiratet. Die Kinder des binationalen Paares, sechs, vier und ein Jahr alt, wachsen dreisprachig auf, mit Deutsch, Englisch und Filipino. Für ein Forschungsprojekt des Schweizer Nationalfonds zur Interreligiösen Christologie kehrte er vor bald drei Jahren zurück nach Europa. Im Anschluss bekam er eine Assistenz-Professur in Amerika. Wie das geht, von Buttikon aus? «In diesem Semester läuft mein Seminar ganz übers Internet.» 

St.Galler Kirche hilft weltweit

Bazzell zeigt sich froh, neben der akademischen Welt auch wieder einen Fuss in der Kirche zu haben. Auf der Arbeitstelle «Weltweite Kirche» gibts Bodenhaftung. «Das ist konkret und empirisch.» Er meint damit all die Projekte, die von der St.Galler Kirche lokal und weltweit gefördert werden. Etwa, Menschen in Afghanistan zu helfen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, Spitäler im Irak auszustatten oder den Obdachlosen eines Dorfbrandes bei Manila beim Aufbau zur Seite zu stehen. Rund eine Dreiviertelmillion Franken gibt die St.Galler Kirche jährlich dafür. «Aber auch hier im Kanton sind wir Dienstleister vor Ort, etwa für Kirchgemeinden oder Religionslehrer.»

«Der kulturelle Austausch treibt theologische Erkenntnis voran.» 

Theologisch öffne das den Blick, wirbt er. Weil man weltweit mit den verschiedensten Kirchen zusammenarbeite, trete man in Dialog und entdecke neue Aspekte der Glaubenswahrheit. «So wichtig der eigene Blickwinkel ist, so unvollständig bleibt er ohne Begegnung», findet Bazzell. Bereichernde Vielfalt also. Wie schon im Ursprung der Kirche. Oder kulinarisch zugespitzt: Das heimische Raclette schmeckt super, aber immer aufgetischt wird es eintönig. «Ich möchte die Dinge auch von der anderen Seite sehen», plädiert Bazzell. Der kulturelle Austausch treibe theologische Erkenntnis voran. Die Facetten der weltweit wirkenden Reformation etwa seien ein Hinweis darauf. «Mich hat dieses Glaubensspektrum bereichert.»

 

Text und Foto: Reinhold Meier, Wangs   – Kirchenbote SG, März 2017

 

«Sichtweisen reinbringen, die wir nicht kennen»

Herr Bazzell, was reizt Sie an der Arbeitsstelle «Weltweite Kirche»?

Es geht hier um all die Themen, die meine Leidenschaft ansprechen und wecken, die globale Sichtweise, Entwicklungszusammenarbeit,
interreligiöser Dialog und Mission. 

Dialog und Mission sind kein Gegensatz?

Nein. Das Ziel der Mission ist ja nicht, dass mein Gegenüber konvertiert. Es geht darum, das eigene Verständnis der Wahrheit in das dialogische Suchen nach der Wahrheit einzubringen, Mission als prophetischen Dialog, möchte ich das gerne nennen.

Der Zeitgeist richtet sich momentan eher streng auf das Eigene. Trumps Parole «America first» steht symptomatisch dafür. Was spricht heute noch dafür, den Blick für andere zu öffnen?

Es stimmt, das Eigene nicht zum Wichtigsten zu machen, ist gegen den Zeitgeist. Aber das ist ja das Schöne daran! Die christliche Tradition hat von Anfang an gefordert, immer wieder gegen den Zeitgeist zu wirken. Wir sind eine Menschheit und alle Kinder Gottes. Es ist darum für uns immer und in jeder Gesellschaft eine Aufgabe, für Schwächere da zu sein, nicht an Mauern festzuhalten, sondern Gastfreundschaft zu üben.

Was haben Kirchen von diesem globalen Blick, dem Blick über ihren eigenen Tellerrand hinaus?

Sie haben sehr viel davon. Jesus war und ist doch immer dort, wo die Geringsten sind. Ich habe meine Arbeit mit Obdachlosen als extrem bereichernd erlebt, gerade auch in geistlicher Hinsicht. Warum sollte sich eine Kantonalkirche davon abscheiden? Der Blick über den Tellerrand ist bereichernd und relativiert manches Eigene. 

Die Kirche ist von Anfang an ein globalisiertes Unterfangen gewesen. Warum?

Ich denke da sofort an das Wirken des Geistes. Es hat Türen geöffnet und Menschen zusammengebracht. Dieser Geist Gottes wirkt auf der ganzen Welt, nicht nur im Rheintal oder Toggenburg. Unsere Kirche will daran teilnehmen, das ist ihre Mission. Das bringt Sichtweisen rein, die wir alleine nicht hätten, Impulse, von denen wir profitieren. Ich glaube, wir Christen weltweit brauchen einander, um zu sehen, was Nachfolge Christi konkret heisst. Allein die eigene Kultur zu sehen, kann einengen und blenden. 

Wie wurde aus dem Zimmermann von Buttikon der weltläufige Professor in Amerika?

Am liebsten würde ich sagen: durch Gehorsam. Aber es ist eher Gnade. Ich habe das alles weder geplant noch gewollt. Es war eher ein inneres Fühlen bei bestimmten Entscheidungen und an bestimmten Weichen, ein inneres Hören auf die Leidenschaft, die in mir entfacht wurde. Es war ein Suchen und Finden. (rem)


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