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Leben & Glauben

Interview mit dem Theologen Reinhold Bernhardt

Wie halten Sie es mit der Auferstehung?

11.04.2017
In fünf Tagen feiert die Christenheit die Auferstehung Christi. Bis heute ist das Ereignis eines der grössten Rätsel der Weltgeschichte. Der Theologe Reinhold Bernhardt zum Osterereignis.

Herr Bernhardt, muss ein Pfarrer an die Auferstehung glauben?
Im Glauben gibt es kein Müssen. Man kann ihn nicht erzwingen und sollte es auch nicht. Die Auferstehung ist zentraler Bestandteil des christlichen Glaubens. Paulus hat gesagt, mit dem Glauben an die Auferstehung Christi steht und fällt der christliche Glaube.

Aber Theologen wie Gerd Lüdemann propagieren das volle Grab (mit dem Leichnam Jesu), ergo keine Auferstehung.
Die Auferstehung war schon immer umstritten, schon im Neuen Testament. Nicht die Auferstehung selbst ist problematisch, sondern die Art, wie sie verstanden wird.

Eine Umfrage zeigt, nur ein Drittel der Deutschen glaubt an die Auferstehung Christi? In der Schweiz dürfte es ähnlich sein.
Wenn man sie als mirakulöses Ereignis versteht, in dem Gott Leichname wiederbelebt, so ist das Ergebnis verständlich. Das kann man in der Tat schwer glauben. Die Bibel spricht von Auferstehung aber in einem viel tieferen Sinn. Das Ergebnis der Umfrage zeigt, wie unsere Kultur geprägt ist: In Zentralafrika fällt es den Menschen leichter zu glauben, dass uns die Todesgrenze nicht von Gott trennt, denn diese Grenze wird nicht so scharf gezogen wie bei uns. Die Verstorbenen leben in einer anderen Sphäre der Wirklichkeit. Die Auferstehung ist Eintritt in eine grössere Realität.

Werden wir etwas konkreter: Was bedeutet Auferstehung?
Zunächst sicher nicht die biologische Wiederbelebung eines Leichnams. Jesus ist nicht in sein Leben zurückgekehrt so wie es von Lazarus erzählt wird. Nach Paulus ist die Auferstehung ein Weg nach vorne in ein Leben in der Gegenwart Gottes. Paulus spricht nicht von einer körperlichen Auferstehung, sondern von der Auferstehung in einem Geistleib, ohne das genauer zu beschreiben.

Wie kann man sich die Auferstehung Christi vorstellen?
Vielleicht sollte man sie sich gar nicht so genau vorstellen. Ansonsten materialisiert man sie und nimmt ihr das Geheimnishafte.

Damit muss man sich abfinden?
Nein. Die Bibel selber gibt ja eine Anleitung: Lukas 24 berichtet, wie die Jünger den Weg mit dem auferstandenen Jesus nach Emmaus gingen. Sie sahen ihn, ohne ihn zu erkennen. Mit dem visuellen Sehen war er nicht zu erkennen. Das ist eine Schlüsselszene. Im kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry heisst es «Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, man kann es nur mit dem Herzen sehen.» Das gilt auch für die Auferstehung. Die Jünger spürten, dass ihnen das Herz brannte. Als Jesus das Brot mit ihnen brach, gingen ihnen die Augen auf. Sie sahen plötzlich mit anderen Augen.

Sollten sich die Naturwissenschaften der Auferstehungs-Thematik annehmen?
Es gibt gläubige Naturwissenschafter. Aber die Naturwissenschaft kann mit ihren Methoden dies nicht erfassen. Sie ist auf die empirische Realität beschränkt. Auferstehung geht darüber hinaus. Die Erzählungen des Neuen Testaments sind in dieser Hinsicht sehr zurückhaltend. Sie beschreiben nicht, was genau passiert ist. Das bleibt offen.

Die Feministische Theologie sagt, die Auferstehung geschehe jeden Tag. Liegt sie richtig?
Ja, denn Auferstehung hat mindestens so viel mit den Jüngern aller Zeiten zu tun wie mit Jesus selbst. Sie ist eine Erfahrung, die auch heutige Christen machen: Auferstehung bedeutet, dass aus Totem neues Leben, aus Verzweiflung neue Hoffnung und aus Hass neue Liebe entstehen kann, so wie er selbst «aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will», wie Bonhoeffer einmal gesagt hat. Diese Realität können wir auch gegenwärtig erfahren.

Ist diese Botschaft heute noch gefragt?
Mehr denn je. Aber selbst, wenn sie nicht gefragt wäre, würde das nichts über den Wahrheitsgehalt aussagen. Vielen Menschen ist die Frage wichtig, wie man im Angesicht des Todes lebt. Nach Paulus ist Jesus der Erstgeborene der Toten. Er geht voraus auf dem Weg in die Gegenwart Gottes. Ich muss diesen Weg nicht selbst bahnen. Darin liegt eine grosse Hoffnung.

Zum Schluss: Hand aufs Herz, Herr Bernhardt, war das Grab von Jesus leer oder voll?
Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass es leer war. Aber das kann viele Gründe haben. Schon im Neuen Testament wird das Gerücht bezeugt, der Leichnam könnte gestohlen worden sein. Für mich hängt gar nicht so viel an diesem Grab, sondern an der Gewissheit, die die Jünger im Herzen trugen. Sie waren sicher, dass Jesus bei Gott ist. Aus dieser Gewissheit ist die Erzählung vom leeren Grab entstanden. Sie ist kein historischer Tatsachenbericht, sondern Teil der Auferstehungsgewissheit.

Tilmann Zuber / Kirchenbote / 12. April 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Reinhold Bernhardt, 60, ist seit 2001 Professor für Systematische Theologie und Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Basel. Er ist Herausgeber der Reihe «Beiträge zur einer Theologie der Religionen».


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